Kapitel 23
Die Schöpfung und der Schöpfer sind nicht voneinander getrennt
Das Göttliche ist allmächtig, es kann tun, was es will; daher braucht es von niemand Hilfe. Und wenn du dem Gedanken weit genug nachgehst, wirst du sehen: Wenn das Göttliche in dieser Welt wirklich allmächtig ist, und wenn es immer das tut, was es will, dann ist es meiner Meinung nach das größte Ungeheuer, das es auf der Welt gibt! Denn Jemand, der allmächtig ist und die Welt so erschafft, wie sie ist, und dabei mit einem Lächeln zusieht, wie die Menschen leiden und unglücklich sind, und der das auch noch sehr gut findet, den nenne ich ein Ungeheuer. An derlei Dinge dachte ich, als ich fünf Jahre alt war. Ich sagte mir: „Das ist nicht möglich. Was man da lernt, ist nicht wahr!“ Da du einen etwas philosophischeren Geist besitzt, werde ich dir jetzt beibringen, wie man aus der Schwierigkeit herauskommt. Doch zuerst einmal musst du verstehen, dass diese Vorstellung kindlich ist. Ich appelliere einfach an deinen gesunden Menschenverstand: Du machst aus deinem Göttlichen eine Person – denn so verstehst du es besser. Du machst aus ihm eine Person. Und zudem hat diese Person etwas organisiert (die Erde, sie ist sehr groß, sie ist schwer zu verstehen – wir wollen etwas x-beliebiges annehmen: eine Sache), und die Person hat nun diese Sache aus eigener Machtvollkommenheit organisiert, ganz so, wie sie es wollte. Und in diesem Etwas – das sie durch ihre Macht nach ihrem Willen geschaffen hat – gibt es nun Unwissenheit, Dummheit, bösen Willen, Angst, Eifersucht, Hochmut, Bosheit und außerdem Leiden, Krankheit, Kummer, alle Schmerzen; und eine Gesamtheit von Menschen, die nicht behaupten können, dass sie vielleicht mehr als ein paar Minuten Glück am Tag empfinden, und der Rest ist eben so ein neutraler Zustand, der wie etwas Totes vorbeizieht – und das nennst du Schöpfung!… Ich nenne es so etwas wie eine Hölle! Und wer das absichtlich erschaffen würde und nicht nur erschaffen, sondern auch anschauen und sagen würde: „Ah! sehr gut!“, wie es dir in gewissen Religionsbüchern erzählt wird – nachdem er die Welt, so wie sie ist, erschaffen hat, sah er sie am siebten Tag an und war sehr zufrieden mit seiner Arbeit und ruhte sich aus … Also das - nein! Das nenne ich nicht Gott. Oder mache es wie Anatole France und sage: Gott ist ein Demiurg und das Schrecklichste aller Wesen.
Doch es gibt einen Ausweg aus dieser Schwierigkeit. Du siehst, dass diese Auffassung und diese Vorstellung, die du da hast, auf etwas, auf einer Wesenheit beruht, die du Gott nennst, und auf einer Welt, die du seine Schöpfung nennst, und das, so glaubst du, seien zwei verschiedene Dinge, wobei das eine das andere erschaffen hat und dieses andere dem ersteren untergeordnet und der Ausdruck dessen ist, was der erstere erschaffen hat. Also, das ist der anfängliche Irrtum. Wenn du aber das tiefe Gefühl haben kannst, dass es keine Trennung gibt zwischen dem, was man Gott nennt, und dem, was man die Schöpfung nennt, wenn du dir sagst: „Es ist genau dasselbe“, und wenn du fühlen kannst: Das, was man Gott nennt (vielleicht ist es einfach ein Wort), dass der sogenannte Gott leidet, wenn du leidest, nichts weiß, wenn du nichts weißt, und dass er durch diese Schöpfung hindurch sich ganz allmählich, Schritt für Schritt, selbst wiederfindet, er sich mit sich selbst vereint, sich selbst verwirklicht, sich selbst ausdrückt, und dass diese Schöpfung keineswegs etwas ist, das er aus einer Laune heraus so wollte und autokratisch geschaffen hat, sondern ein wachsender, sich immer mehr entwickelnder Ausdruck eines Bewusstseins ist, das sich gegenüber sich selbst objektiviert … dann gibt es nichts anderes mehr als das Gefühl eines gemeinsamen Vordringens zu einer umfassenderen Verwirklichung, zu einer sich selbst erkennenden Bewusstwerdung – nichts anderes –, zu einer fortschreitend sich selbst erkennenden Bewusstwerdung in einer totalen Einheit, in der sich das Urbewusstsein vollständig wieder zeigt.
Das ändert das Problem.