Kapitel 2

Sri Aurobindo – Sein Werk

Integraler Yoga und Ashram (1927 – 1938)

Worte von Nirodbaran

In den Wochen und Monaten nach dem Siddhi-Tag durchlief der Ashram eine bemerkenswerte Phase, die als seine „glanzvolle Zeit“ bekannt ist. Nolini Kanta schreibt in seinen Erinnerungen: „Die Mutter setzte sich nun bei ihren täglichen Meditationen mit uns allen zusammen, am Abend nach Einbruch der Dunkelheit. Sie traf eine besondere Regelung für unsere Sitzordnung. Zu ihrer Rechten saß eine Gruppe und zu ihrer Linken eine andere, beide in Reihen angeordnet. Die rechte Seite der Mutter stand für Licht, die linke für Kraft. Jeder von uns fand einen Platz zu ihrer Rechten oder Linken, je nach seiner Natur oder seinem inneren Wesen … Das Bestreben der Mutter zu dieser Zeit war die Schöpfung einer neuen inneren Welt des göttlichen Bewusstseins. Sie hatte die höheren Kräfte, die Götter, in die Erdatmosphäre und in unser inneres Wesen und Bewusstsein herabgebracht.“ In einem ihrer späteren Vorträge bezog sich die Mutter auf diese Zeit und sagte: „Nach dem 24. November 1926 nahmen die Dinge plötzlich eine besondere Form an. Eine sehr brillante Schöpfung wurde in außergewöhnlichen Details ausgearbeitet, mit wunderbaren Erfahrungen, Kontakt mit göttlichen Wesen und allen möglichen Manifestationen, die normalerweise als Wunder angesehen werden. Die Erfahrungen folgten aufeinander, tatsächlich entwickelten sich die Dinge insgesamt brillant und … ich muss sagen, auf äußerst interessante Weise.“ Als sie jedoch mit Sri Aurobindo über die Aussichten dieser neuen Schöpfung sprach, sagte dieser: „Ja, dies ist eine Schöpfung des Obermentals … Du wirst Wunder vollbringen, die dich in der ganzen Welt berühmt machen werden, du wirst alle Ereignisse auf der Erde auf den Kopf stellen können … Es wird ein großer Erfolg werden … Aber wir wollen keinen Erfolg; wir wollen das Supramental auf Erden begründen. Man muss wissen, wie man auf unmittelbaren Erfolg verzichtet, um die neue Welt, die supramentale Welt in ihrer Ganzheit, zu erschaffen.“ Also brach die Mutter das Experiment ab. Es gab noch einen weiteren Faktor, der diese Entscheidung beeinflusste. Viele der Sadhaks konnten den Druck der Herabkünfte, bewirkt durch die Mutter, nicht ertragen. In diesem Zusammenhang schrieb Sri Aurobindo einmal an einen Schüler: „In jenen Tagen, als die Mutter entweder die Sadhaks zur Meditation empfing oder anderweitig arbeitete und sich Tag und Nacht ohne Schlaf und mit sehr unregelmäßiger Ernährung konzentrierte, gab es bei ihr keine Krankheit und keine Müdigkeit, und die Dinge verliefen mit blitzartiger Geschwindigkeit … Später, weil das niedere Vital und das Physische der Sadhaks nicht mithalten konnten, musste die Mutter die göttlichen Persönlichkeiten und Kräfte, durch die sie wirkte, hinter einen Schleier zurückziehen und auf die physische, menschliche Ebene herabsteigen, um entsprechend den dortigen Bedingungen zu handeln.“

Unterdessen stieg die Zahl der Bewohner des Ashrams weiter an. Von 25 im Jahr 1926 stieg sie 1927 auf 36 und bis zum Ende des folgenden Jahres auf 80; innerhalb der nächsten fünf Jahre verdoppelte sich die Zahl fast. Dieses kontinuierliche Wachstum bedeutete eine enorme Zunahme der Arbeit der Mutter, nicht nur bei der Anleitung der Sadhana, sondern auch bei der Leitung der physischen Organisation des Ashrams. Es mussten mehr Häuser gemietet, die Einrichtungen erweitert und eine zunehmende Anzahl von Diensten wie Gebäudewartung, Elektrik, Hauswirtschaft, Wäscherei usw. entweder neu eingerichtet oder ausgebaut werden. Die Arbeit, die jedem Schüler übertragen wurde, sollte von ihm als Teil seiner Sadhana, als Karma Yoga, ausgeführt werden, und er wurde ermutigt, seine Probleme und Schwierigkeiten der Mutter mitzuteilen. Außerdem mussten diejenigen, die für die Dienstabteilungen verantwortlich waren, monatliche Berichte erstellen, die der Mutter und Sri Aurobindo zur Durchsicht vorgelegt wurden. Mit dem Wachstum des Ashrams stieg auch die Zahl der Besucher, die stets beeindruckt waren von der ruhigen Effizienz, mit der alles durchgeführt wurde, und der reibungslosen Koordination aller Aktivitäten im Ashram. Von Anfang an trug der Ashram die Handschrift des organisatorischen Genies der Mutter. Tatsächlich handelte es sich hierbei nicht um einen Ashram im üblichen Sinne des Wortes; seine Mitglieder waren keine Sannyasins, die ein Leben in meditativer Zurückgezogenheit führten, und von jedem Sadhak wurde erwartet, dass er im Rahmen seiner spirituellen Vorbereitung eine bestimmte Arbeit im Ashram verrichtete. Sri Aurobindo schrieb über den Charakter des Ashrams: „Dieser Ashram wurde mit einem anderen Ziel gegründet als dem, das solchen Institutionen meist zugrunde liegt – nicht zur Entsagung von der Welt, sondern als ein Zentrum und Wirkungsfeld für die Entwicklung einer anderen Art und Form des Daseins, das letztlich von einem höheren spirituellen Bewusstsein gelenkt und ein höheres Leben des Geistes verkörpern wird.“

Hier stellt sich die Frage: Auf welcher Grundlage wurden die Schüler ausgewählt? Wie wurde man Schüler? Eine Frage, die sich nicht mit wenigen Worten beantworten lässt. Die Sadhaks kamen aus allen Bereichen des Lebens: Einige waren Ingenieure, Ärzte oder Verwaltungsbeamte, andere waren Intellektuelle oder Gelehrte und wieder andere waren ganz gewöhnliche Menschen, die sich nicht ohne Weiteres in eine herkömmliche Kategorie einordnen ließen. Sri Aurobindo sagte einmal zu einem Schüler, dass die Auswahl der Sadhaks durch die Mutter nicht ausschließlich von ihrer spirituellen Entwicklung oder intellektuellen Brillanz bestimmt wurde: „Sie wählt verschiedene Typen aus … Sie möchte beobachten, wie das Göttliche in verschiedenen Typen wirkt.“ In einem Brief schrieb er außerdem: „Es ist notwendig oder vielmehr unvermeidlich, dass in einem Ashram, der ein ‚Laboratorium‘ für spirituelles und supramentales Yoga ist, die Menschheit in vielfältiger Weise vertreten sein sollte. Denn das Problem der Transformation hat mit allen möglichen günstigen und ungünstigen Elementen zu tun. Der gleiche Mensch trägt in sich tatsächlich eine Mischung aus diesen beiden Dingen. Wenn nur sattwische und kultivierte Menschen zum Yoga kommen, Menschen ohne große Schwierigkeiten im Vitalbereich, dann könnte es gut sein, dass das Unterfangen scheitert, weil die Schwierigkeit des Vitalelements in der irdischen Natur nicht angegangen und überwunden wurde … Die Menschen im Ashram kommen aus allen Teilen der Welt und sind von unterschiedlichster Herkunft; das kann auch gar nicht anders sein.“ Tatsächlich entwickelte die Ashram-Gemeinschaft bald einen kosmopolitischen Charakter mit Männern und Frauen aus verschiedenen Teilen Indiens und auch aus anderen Ländern. Allerdings darf man nicht glauben, dass jeder Schüler ein „idealer“ Mensch war, denn es gab viele, die ihre menschlichen Schwächen und Unzulänglichkeiten hatten. In einer niedergeschlagenen Stimmung schrieb ich einmal an Sri Aurobindo: „Wenn man sich umschaut und sich selbst betrachtet, seufzt man und sagt: Was für Schüler wir doch sind, von was für einem Meister! Ich wünschte, Sie hätten bessere Leute ausgewählt oder berufen …“ Seine Antwort war kurz und charakteristisch, aber sehr bedeutungsvoll: „Was die Schüler angeht, stimme ich zu! – Ja, aber wären die besseren Leute, angenommen, es gäbe sie, typisch für die Menschheit? Sich mit ein paar Ausnahmefällen zu befassen, würde das Problem kaum lösen. Und würden sie sich bereit erklären, meinem Weg zu folgen, ist eine andere Frage. Und wenn sie auf die Probe gestellt würden, würde sich dann nicht plötzlich die gewöhnliche Menschlichkeit offenbaren? Das ist eine weitere Frage.“

Die Entscheidung Sri Aurobindos im Jahr 1926, sich in völlige Abgeschiedenheit zurückzuziehen, war für einige der älteren Sadhaks, die es gewohnt waren, ihn täglich oder zumindest bei Bedarf zu treffen, ein schwerer Schlag. Sie fühlten sich verlassen und konnten die Mutter nicht als ihren Guru akzeptieren. Einige von ihnen, darunter auch Barin, sein Bruder, verließen daraufhin den Ashram. Doch Sri Aurobindo gab nicht nach und brach die von ihm aufgestellte Regel nicht. In einem Brief an einen Schüler schrieb er: „Du bist der Meinung, dass die Mutter dir nicht helfen kann … Wenn du von ihrer Hilfe nicht profitieren kannst, würdest du von meiner noch weniger profitieren. Aber ich habe jedenfalls nicht die Absicht, die Regelung zu ändern, die ich für alle Schüler ohne Ausnahme getroffen habe: Sie sollen das Licht und die Kraft von ihr und nicht direkt von mir empfangen und von ihr in ihrem spirituellen Fortschritt geführt werden. Ich habe diese Regelung nicht aus einem vorübergehenden Grund getroffen, sondern weil es der einzige Weg ist – vorausgesetzt, der Schüler ist offen und empfänglich –, der wahr und wirksam ist.“ Als Antwort auf Fragen der Schüler bezüglich der spirituellen Größe der Mutter und ihrer Rolle im Yoga verfasste er einige aufschlussreiche Briefe, die Teil des Buches „Die Mutter“ sind. Das Buch ist klein, aber ein Meisterwerk, und die erhabene Pracht seiner Sprache wirkt wie ein Mantra.

Im Falle von Besuchern von außerhalb machte Sri Aurobindo jedoch eine oder zwei Ausnahmen: Am 29. Mai 1928 traf er sich kurz mit Rabindranath Tagore. Der Dichter war damals auf dem Seeweg nach Europa unterwegs, legte in Pondicherry an und nutzte die Gelegenheit, um Sri Aurobindo zu treffen. Kurz darauf schrieb Rabindranath einen Bericht über das Treffen auf Bengali und veröffentlichte anschließend eine englische Version in The Modern Review. Der Dichter schrieb: „Auf den ersten Blick erkannte ich, dass er nach der Seele gesucht und sie gefunden hatte und dass er durch diesen langen Prozess der Erkenntnis eine stille Kraft der Inspiration in sich angesammelt hatte. Sein Gesicht strahlte von einem inneren Licht, und seine ruhige Ausstrahlung machte mir deutlich, dass seine Seele nicht durch eine tyrannische Doktrin verkrüppelt und eingeengt war, die Freude daran hat, dem Leben Wunden zuzufügen … Ich spürte, dass die Worte des alten hinduistischen Rishi aus ihm heraus die Gelassenheit sprachen, die der menschlichen Seele die Freiheit gibt, in das All einzutreten. Ich sagte zu ihm: ‚Du hast das Wort, und wir warten darauf, es von dir anzunehmen.‘ Indien wird durch deine Stimme zur Welt sprechen: Hört auf mich.“ …

Vor Jahren sah ich Aurobindo in der Atmosphäre seiner früheren heldenhaften Jugend und sang ihm zu:

„Aurobindo, nimm den Gruß von Rabindra entgegen.“

Heute sah ich ihn in einer tieferen Atmosphäre zurückhaltender Weisheit und sang ihm erneut in Stille zu:

„Aurobindo, nimm den Gruß von Rabindra entgegen.“

Viele Jahre lang war nur sehr wenig über Sri Aurobindo geschrieben worden und er war aus der Öffentlichkeit verschwunden. Die Würdigung durch Tagore, dessen Name im ganzen Land bekannt war, erregte daher großes Aufsehen. Nach der Lektüre waren viele der Meinung, dass Sri Aurobindo doch kein „erloschener Vulkan“ war!

Ein Schüler fragte Sri Aurobindo einmal, warum er so streng auf seine Abgeschiedenheit achte. Seine Antwort lautete: „Es war als vorübergehende Notwendigkeit gedacht. Denn wenn ich all die Arbeit hätte leisten müssen, die die Mutter erbrachte, wäre meine ‚wahre‘ Arbeit aus Zeitmangel unerledigt geblieben.“ Wir sollten daher versuchen, die Natur dieser „wahren“ Arbeit für uns selbst zu verstehen. Da die Arbeit, der er nachging, yogischer Natur war, sind vielleicht ein paar Worte über Yoga hilfreich. Um es in einfachsten Worten auszudrücken: Yoga bedeutet Vereinigung, Vereinigung mit Gott, dem Göttlichen. Ihn zu sehen, mit ihm zu sein und, in den Worten von Sri Ramakrishna, mit ihm sprechen zu können, ist das höchste Ziel und der höchste Zweck unseres Lebens. Alle Wege und Praktiken, die zu dieser Vereinigung führen, werden Pfade des Yoga genannt. Es gibt viele Wege und Mittel, aber das Ziel ist immer die Vereinigung der menschlichen Seele mit dem Göttlichen, dem Selbst, Gott, Brahman oder wie auch immer wir diese eine Wirklichkeit nennen mögen.

Es ist möglich, dass sich die Seele des Menschen mit dem Göttlichen vereint. Die Seele – das seelische Wesen, wie Sri Aurobindo es nennt – ist nämlich ein Teil des Göttlichen. Durch diese Vereinigung kann der Mensch „Wissen durch Identität“ erlangen, wie Sri Aurobindo es ausdrückt. In unserem gewöhnlichen Bewusstseinszustand sind wir uns unseres seelischen Wesens oder des göttlichen Bewusstseins jedoch nicht bewusst. Wir leben in einem Zustand der Unwissenheit und Trennung, welche die wahren Ursachen unseres Kummers und Leidens sind. Das Ziel des Yoga ist es, diesen Deckel der Unwissenheit und den Schleier der Trennung zu entfernen, damit die Seele in Einheit mit dem Göttlichen in einem Zustand der Erkenntnis und Glückseligkeit leben kann.

In vielen traditionellen Yoga-Systemen wird es als notwendig erachtet, der Welt zu entsagen und ein Sannyasin zu werden, um Gott zu finden. Denn die Welt wird dort als unwirklich, als Illusion oder Maya betrachtet. Das Ziel besteht darin, den reinen Geist zu verwirklichen, der die einzige Wirklichkeit ist. Sri Aurobindo ist jedoch der Ansicht, dass diese asketische Entsagung nicht notwendig ist, da sich Geist und Materie, „die beiden Pole der Existenz“, nicht gegenseitig ausschließen und nicht in einem Gegensatz zueinander stehen. Vielmehr ist der Geist in der Materie enthalten und manifestiert sich durch den Evolutionsprozess zunehmend in der materiellen Welt. Sri Aurobindo lehrt, dass unsere Welt Schauplatz einer aufsteigenden Evolution ist, die vom Stein- über das Pflanzen- und Tierreich bis hin zum Menschen führt. Der Mensch, das mentale Wesen, ist jedoch selbst ein Übergangswesen und nicht das endgültige Ziel der Evolution. Im nächsten Schritt wird der Mensch laut Sri Aurobindo ein neues, höheres spirituelles Bewusstsein entwickeln, das er supramentales Bewusstsein nennt. In „The Life Divine“ schreibt er:

„So wie der Impuls zum Mental von den empfindsameren Reaktionen des Lebens in Metall und Pflanze bis zu seiner vollen Organisation im Menschen emporreicht, so gibt es auch im Menschen die gleiche emporsteigende Reihe, die Vorbereitung, wenn nicht noch mehr, eines höheren göttlichen Lebens. Das Tier ist ein lebendiges Laboratorium, in dem die Natur sozusagen den Menschen erarbeitet hat. Der Mensch mag sehr wohl ein denkendes, lebendiges Laboratorium sein, in dem sie mit seiner bewussten Mitwirkung den Übermenschen, den Gott erarbeiten will. Oder sollten wir nicht besser sagen: Gott offenbaren will? Denn wenn die Evolution die fortschreitende Offenbarung seitens der Natur von dem ist, was in ihr schlief oder involviert in ihr wirkte, ist die Natur auch die offenbare Realisation von dem, was sie insgeheim ist. Wir dürfen sie also nicht auf einer gewissen Stufe ihrer Evolution bitten, innezuhalten, und wir haben auch nicht das Recht, mit den Vertretern der Religion als verkehrt und anmaßend oder, mit den Vertretern des Rationalismus, als Krankheit oder Halluzination ihre etwaige Absicht oder ihr Bemühen zu verurteilen, über die jetzige Stufe hinauszugehen. Wenn es wahr ist, dass Geist in Materie involviert und sichtbare Natur insgeheim Gott ist, dann ist es für den Menschen auf Erden das erhabenste und legitime Ziel, in sich selbst das Göttliche zu offenbaren und Gott im Innern und nach außen hin zu verwirklichen.“

Nun wird deutlich, warum die Weltentsagung in Sri Aurobindos Yoga keinen Platz hat. Was aufgegeben und vollständig abgelehnt werden muss, ist der Einfluss des Egoismus und der niederen Natur des Menschen – die Instinkte, Empfindungen, Begierden und Leidenschaften verschiedener Art, die Vorlieben und Abneigungen, die Eitelkeit, der Zorn und eine Vielzahl anderer Dinge, die den Menschen an seine niedere Natur binden. Nur dann kann die individuelle Seele im Menschen erwachen, das innerste seelische Wesen in den Vordergrund treten, sein äußeres Mental, sein Leben und seinen Körper beherrschen und läutern und den Menschen zur Einung mit dem Göttlichen führen.

Diese individuelle Verwirklichung der Seele ist der unverzichtbare erste Schritt in Sri Aurobindos Yoga, so schwierig und mühsam er auch sein mag. Aber er fordert uns auf, weiter aufzusteigen. Der zweite Schritt ist die Verwirklichung des universellen oder kosmischen Selbstes, das in allem eins ist, und die Wahrnehmung des Einen und Göttlichen, das unendlich überall ist, sarvam khalvidam brahma, wahrlich, alles, was ist, ist Brahman. Und es gibt noch einen dritten und letzten Schritt: über das Individuelle und Universelle hinaus zum Transzendenten durch das supramentale Bewusstsein aufzusteigen und die Kräfte des Supramentalen in Mental, Leben und Körper herabzubringen, um eine vollständige und vollkommene Transformation zu bewirken.

Wir müssen hier nicht ins Detail gehen. In seiner „Synthese des Yoga“ und anderen Schriften hat Sri Aurobindo die einzelnen Stufen sowie die psychologischen und anderen Disziplinen, denen wir folgen müssen, um diese Erkenntnisse zu erlangen, ausführlich behandelt. Er hat diese Sadhana „Integraler Yoga“ genannt. Dieser vereint viele Elemente der älteren Yogas – der Pfade des Karma-Yoga, Bhakti-Yoga und Jnana-Yoga – geht aber auch über diese hinaus. Es gibt jedoch einen Punkt, den ich hier hervorheben möchte. Sri Aurobindo hat wiederholt betont, dass es in seinem Yoga keine Abkürzungen gibt. Das Endziel seines Yoga anzustreben, ohne die früheren Stufen zu durchlaufen, ist nicht nur sinnlos, sondern auch leichtsinnig und gefährlich. Die Mutter hat außerdem gesagt, dass man sich zunächst entscheiden muss, sich dem Göttlichen ganz hinzugeben, um den Integralen Yoga zu praktizieren. Es gibt keinen anderen Weg – es ist der einzige Weg. Dann folgen Praxis, Wachstum und Vervollkommnung der fünf psychologischen Tugenden: Aufrichtigkeit, Glaube, Hingabe, Mut und Ausdauer. Es ist wahrlich kein leichter Weg.

Nun können wir zum Thema der „wahren“ Arbeit zurückkehren, der Sri Aurobindo nachging. Seine Aufgabe bestand darin, das Licht und die Kraft des Supramentals in das Erdbewusstsein zu bringen. Sri Aurobindo und die Mutter verkörperten die höchsten und tiefsten spirituellen Bestrebungen der Menschheit. Als Führer der Evolution war es ihre göttliche Aufgabe, den Evolutionsprozess zu beschleunigen und das Supramental als den nächsten entscheidenden Schritt zu manifestieren. Sri Aurobindo bezeichnete das Supramental als „Wahrheitsbewusstsein“. Er schreibt: „Das wesentliche Merkmal des Supramentals ist ein Wahrheitsbewusstsein, das durch sein eigenes, ihm innewohnendes Recht der Natur, durch sein eigenes Licht weiß: Es muss nicht zu Wissen gelangen, sondern besitzt es.“ Und weiter: „Das Mental ist ein Instrument der Unwissenheit, das zu wissen versucht – das Supramental ist der Wissende, der Wissen besitzt …“ Es handelt sich um eine dynamische Kraft, die nicht nur Wissen, sondern auch einen darauf basierenden Willen umfasst. Es gibt eine supramentale Kraft oder Shakti, die eine Welt des Lichts und der Wahrheit manifestieren kann, in der alles auf Harmonie und Einheit des Einen basiert und nicht durch einen Schleier der Unwissenheit oder irgendeine Verkleidung gestört wird. Ich möchte jedoch gleich vorwegnehmen, dass der mentale Geist das Supramental nicht verstehen kann. Das ist nicht überraschend, denn schließlich kann das Tier mit seinen vitalen Instinkten und Empfindungen die Funktionsweise des menschlichen Verstandes nicht nachvollziehen. Das Supramental repräsentiert eine Bewusstseinsebene, die sich radikal vom Mental unterscheidet und diesem überlegen ist, so wie das Mental im Evolutionsprozess eine höhere Bewusstseinsebene als das Leben ist. Sri Aurobindo sagt uns, dass der mentale Geist auf seinem Weg zum Supramental lernen muss, zum Schweigen zu kommen und sich dann nach und nach für die Bereiche des höheren Bewusstseins zu öffnen.

Als die Schüler allmählich erfuhren, dass sich Sri Aurobindo in völlige Abgeschiedenheit zurückgezogen hatte, um sich auf sein Werk zu konzentrieren und die supramentale Herabkunft zu beschleunigen, wurden sie von vielen Fragen geplagt. Ab 1930 erhielten sie die Freiheit, Briefe an Sri Aurobindo zu schreiben (auf dieses Thema werde ich später zurückkommen), und viele von ihnen stellten alle möglichen Fragen zum Supramental. Einige entsprangen bloßer Neugier, und Sri Aurobindo riet davon ab, wenngleich er die Schüler niemals zurechtwies. Wenn die Fragen jedoch eine Antwort verlangten, sandte Sri Aurobindo stets eine Antwort, die sich nach dem Verständnisvermögen des Schülers richtete. Einmal wurde Sri Aurobindo gefragt, inwiefern sein Yoga „neu“ sei und ob er bereits in früheren Zeiten praktiziert worden sei. Er riet den Schülern, den Schwerpunkt nicht auf die „Neuheit“ oder Originalität des Integralen Yoga zu legen, sondern vielmehr auf dessen Wahrheit. Um die Vorstellungen der Schüler zu klären, schrieb Sri Aurobindo jedoch:

„Mein Yoga ist, verglichen mit alten Yogasystemen, insofern neu:

1) Weil er nicht auf eine Abkehr von der Welt und dem Leben um des Himmels und Nirvana willen zielt, sondern auf eine Wandlung des Lebens und Daseins, und dies nicht als etwas Untergeordnetes oder Zufälliges, sondern als deutliches und im Mittelpunkt stehendes Ziel. Wenn es ein Herabkommen in anderen Yogasystemen gibt, so ist dies lediglich ein Zufall auf dem Weg oder etwas, das sich aus dem Aufsteigen [des Bewusstseins] ergibt – das Aufsteigen jedoch ist [dort] das Ziel. Hier ist das Aufsteigen der erste Schritt, es ist ein Hilfsmittel für das Herabkommen. Stempel und Siegel dieser Sadhana ist das Herabkommen des neuen Bewusstseins, das durch das Aufsteigen erreicht wird.…

2) Weil das Ziel, nach dem gesucht wird, nicht eine individuelle Verwirklichung des Göttlichen zum Heile des einzelnen ist, sondern etwas, das für das Erdbewusstsein hier gewonnen werden muss, eine kosmische, nicht allein eine über-kosmische Verwirklichung. Das zu Gewinnende ist das Einbringen einer neuen Bewusstseins-Macht (der des Supramentals), die bislang noch nicht in der Erdnatur geformt und direkt tätig wurde, nicht einmal im spirituellen Leben, die also noch geformt und unmittelbar wirksam gemacht werden muss.

3) Weil eine Methode zur Erreichung dieses Ziels erarbeitet wurde, die so total und umfassend ist, wie dieses Ziel selbst, nämlich die gänzliche und integrale Wandlung des Bewusstseins und der [menschlichen] Natur; sie greift zwar alte Methoden auf, doch nur als Teilaspekt und augenblickliche Unterstützung anderer [Methoden], die sich von diesen unterscheiden. Ich habe in alten Yogasystemen diese Methode (in ihrer Ganzheit) oder etwas Ähnliches weder verkündet noch verwirklicht gesehen. Wäre dem nicht so, hätte ich meine Zeit nicht damit vergeudet, in dreißigjähriger Suche und innerer Schöpfung einen Pfad aus-zuhauen, wenn ich statt dessen sicher zu meinem Ziel hätte heim eilen können, leichten Galopps, auf Wegen, die bereits gebahnt wurden, ausgetreten, kartographiert, asphaltiert, gesichert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Unser Yoga ist kein alter Pfad, sondern ein spirituelles Abenteuer.“

Dies führte zu einer weiteren Reihe von Fragen: Wenn große Männer der Vergangenheit diese Vision nicht hatten, wenn selbst ein Avatar wie Krishna nicht versucht hatte, das Supramental herabzubringen, war es dann nicht etwas anmaßend von Sri Aurobindo, dies zu versuchen? Diese Fragen führten zu einer großartigen Antwort: „Ich versuche nicht aus persönlicher Größe heraus, das Supramental herabzubringen. Ich interessiere mich nicht für Größe oder Kleinheit im menschlichen Sinne. Ich versuche, ein Prinzip der inneren Wahrheit, des Lichts, der Harmonie und des Friedens in das Bewusstsein der Erde zu bringen; ich sehe es oben und weiß, was es ist – ich spüre, wie es von oben auf mein Bewusstsein herabstrahlt, und ich versuche, es möglich zu machen, dass es das ganze Wesen in seine eigene ursprüngliche Kraft aufnimmt, anstatt dass die Natur des Menschen weiterhin in Halbdunkelheit und Halbschatten verharrt. Ich glaube, dass das Herabkommen dieser Wahrheit, die den Weg für die Entwicklung des göttlichen Bewusstseins hier eröffnet, der letzte Sinn der Erdentwicklung ist. Wenn größere Menschen als ich diese Vision und diese Idee nicht vor sich hatten, ist das kein Grund, warum ich nicht meinem Wahrheitsgefühl und meiner Wahrheitsvision folgen sollte. Wenn die menschliche Vernunft mich als Narren betrachtet, weil ich versuche, das zu tun, was Krishna nicht versucht hat, ist mir das völlig egal. Es geht dabei nicht um X oder Y oder irgendjemanden sonst. Es ist eine Frage zwischen dem Göttlichen und mir selbst – ob es der göttliche Wille ist oder nicht, ob ich gesandt bin, um ihn herabzubringen oder den Weg für sein Herabkommen zu öffnen oder es zumindest möglicher zu machen oder nicht. Lasst alle Menschen mich verspotten, wenn sie wollen, oder lasst die ganze Hölle über mich hereinbrechen, wenn sie will, wegen meiner Anmaßung – ich mache weiter, bis ich siege oder untergehe. Das ist der Geist, in dem ich das Supramental suche, ohne nach Größe für mich selbst oder andere zu streben.“ Eine weitere Frage kam auf: Wie konnte er so sicher sein, dass das Supramental tatsächlich herabkommen würde? Sri Aurobindo antwortete: „Wenn ich an die Wahrscheinlichkeit und nicht nur an die Möglichkeit glaube, wenn ich mir der supramentalen Herabkunft praktisch sicher bin (ich lege kein Datum fest), dann deshalb, weil ich Gründe für meinen Glauben habe und nicht nur auf Luft gebautes Vertrauen. Ich weiß, dass die supramentale Herabkunft unvermeidlich ist – aufgrund meiner Erfahrung vertraue ich darauf, dass die Zeit dafür jetzt gekommen ist und nicht erst in einem späteren Zeitalter.“ Es gab noch ein weiteres Missverständnis, das Sri Aurobindo ausräumen musste. Einige Schüler dachten, dass die Herabkunft des Supramentals zu wundersamen Veränderungen führen und sofort das Goldene Zeitalter einläuten würde. Sri Aurobindo schrieb: „Das ist alles absurd. Die Herabkunft des Supramentals bedeutet nur, dass die Macht als lebendige Kraft im Erdbewusstsein vorhanden sein wird, so wie das denkende Mental und das höhere Mental bereits vorhanden sind.“ In einem anderen Brief schrieb er: „Die gesamte Menschheit kann nicht auf einmal gewandelt werden. Was getan werden muss, ist, das Höhere Bewusstsein in das Erdbewusstsein hinabzubringen und es dort als eine konstante verwirklichte Kraft zu etablieren, so wie das Mental und das Leben in der Materie begründet und verkörpert wurden, um die supramentale Kraft zu begründen und zu verkörpern.“

Doch solche Erklärungen und Klarstellungen berühren lediglich die Oberfläche seiner Sadhana aus dieser Zeit. Sri Aurobindo schrieb nur selten über seine Erfahrungen, die für seine Schüler ohnehin weitgehend unverständlich gewesen wären. Nur in wenigen Briefen wies er auf die immensen Schwierigkeiten hin, die auf dem Weg seines supramentalen Yoga lagen. In einem Brief schrieb er: „Mein ganzes Leben war ein Kampf mit harten Realitäten: von Entbehrungen und Hunger in England bis hin zu den ständigen Gefahren und heftigen Schwierigkeiten, die hier in Pondicherry auftauchen – äußerlich wie innerlich. Mein Leben war von Anfang an ein Kampf und ist es immer noch. Die Tatsache, dass ich ihn jetzt von einem Zimmer im Obergeschoss aus und mit spirituellen sowie anderen äußeren Mitteln führe, ändert nichts an seinem Charakter. Da wir diese Dinge aber nicht lautstark thematisiert haben, ist es wohl ganz natürlich, dass andere denken, ich lebe in einem erhabenen, glamourösen, lotusfressenden Traumland, in dem sich keine harten Fakten des Lebens oder der Natur zeigen. Aber was für eine Illusion trotzdem!“ In einem weiteren aufschlussreichen Brief erklärt er einem Schüler, warum es für ihn und die Mutter notwendig war, sich diesen ungeheuren Schwierigkeiten zu stellen und sie zu überwinden. Er schreibt: „Was die Mutter und mich betrifft, so mussten wir alle Wege ausprobieren, alle Methoden anwenden, Berge von Schwierigkeiten überwinden, eine weitaus schwerere Last tragen als du oder irgendjemand sonst im Ashram oder außerhalb, weitaus schwierigere Bedingungen ertragen, Kämpfe ausfechten, Wunden hinnehmen, uns einen Weg durch undurchdringlichen Morast, Wüste und Wald bahnen, feindliche Massen bezwingen – eine Arbeit, wie sie, da bin ich sicher, niemand vor uns leisten musste. Denn der Führer des Weges muss in einer Arbeit wie der unseren nicht nur das Göttliche herabbringen, repräsentieren und verkörpern, sondern auch das aufsteigende Element in der Menschheit repräsentieren.“

In einem seiner schönsten Gedichte, „Eines Gottes Arbeit“ aus dem Jahr 1935, gewährt uns Sri Aurobindo einen Einblick in die beispiellose Tapasya, die er für die Menschheit unternahm. Hier einige Strophen aus dem Gedicht:

Wer die Himmel hernieder bringen will

Muss selbst hinab in den Lehm

Und die Bürde tragen der Erdnatur

Und wallen den Leidensweg.…

Ich habe gegraben tief und lang

Mitten im scheußlichen Dreck

Ein Bett für des goldnen Flusses Lied,

Für das todlose Feuer ein Heim.…

Eine Stimme rief: „Geh wo keiner noch ging!

Schürf tiefer, tiefer noch

Bis du den grimmen Grundstein erreichst

Und klopfst ans schloßlose Tor.“

Ich sah Falschheit zutiefst gepflanzt

An der Dinge Wurzelstock,

Wo die Sphinx bewacht Gottes Rätselschlaf

Auf des Drachen Flügelgespreiz.…

Ich grub durch der Erde finsteres Herz

Und hörte ihrer Schwarzmesse Gong.

Ich habe ihrer Qualen Ursprung gesehen

Und der Hölle inneren Grund.…

Ein wenig noch und die Tore des neuen Lebens

Stehen gemeißelt im Silberlicht

Mit Mosaikböden, goldnem Dach

In großer strahlender Welt.

Ich lass meine Träume in Silberluft,

Denn gewandelt in Gold und Blau

Wird verkörpert und und hold auf Erden gehen

Die lebende Wahrheit von dir.

Ich denke, ich habe genug gesagt, um zu verdeutlichen, dass sich Sri Aurobindo nicht in die Abgeschiedenheit zurückzog, um in Einsamkeit seine persönliche Erlösung zu erlangen und dem Schicksal der Welt gleichgültig gegenüberzustehen. Dieses Missverständnis hält sich bis heute, doch wie wir gesehen haben, entspricht es nicht der Wahrheit. Zu seinem Alltag gehörte das Lesen von Zeitungen und Zeitschriften, sodass er stets über die Strömungen der Weltbewegungen und ihre Widerspiegelungen in äußeren Ereignissen informiert war. Wann immer es nötig war, setzte er seine yogische Kraft ein, um den Lauf der Ereignisse zu verändern. Er erzählte uns, dass er ständig an Indiens Freiheitsbewegung arbeitete. In einem Brief schrieb er mir einmal: „Hinter den Ereignissen in der Welt wirken immer eine Menge unsichtbarer Kräfte, die dem Verstand der Menschen unbekannt sind. Durch Yoga, also die Hinwendung nach innen und die Herstellung einer bewussten Verbindung mit dem kosmischen Selbst und den kosmischen Kräften, kann man sich dieser Kräfte bewusst werden. Man kann bewusst in das Spiel eingreifen und zumindest bis zu einem gewissen Grad den Ausgang des Spiels beeinflussen.“

Darüber hinaus gab es noch zwei weitere Wege, auf denen er Kontakt mit der Außenwelt hielt – durch Darshan und durch die Korrespondenz mit den Schülern. Auf diese werde ich gesondert eingehen.

Nach 1926 gaben Sri Aurobindo und die Mutter an drei Tagen im Jahr einen gemeinsamen Darshan für Schüler und einige ausgewählte Besucher: am 21. Februar (Mutters Geburtstag), am 15. August (Sri Aurobindos Geburtstag) und am 24. November (Siddhi-Tag). Diese drei Tage waren als Darshan-Tage bekannt, und die Ungeduld und Erwartung, mit der wir ihnen entgegensahen, war enorm. Jeder Darshan war für den Sadhak ein besonderer Anlass, ein außergewöhnlicher Augenblick spiritueller Gemeinschaft und Kommunikation mit dem Meister und der Mutter. Er konnte sich ihnen erneut darbringen und ihren Segen empfangen. Für Sri Aurobindo und die Mutter war es eine Gelegenheit, in das Innerste jedes Schülers zu blicken und seinen spirituellen Fortschritt zu sehen. Sri Aurobindo sagte außerdem, dass während der Darshans besondere Herabkünfte spiritueller Kraft, von Licht, Frieden usw. stattfänden, die den Schülern bei ihrer Sadhana helfen könnten, sofern sie empfänglich dafür wären. Viele machten ungewöhnliche Erfahrungen und manche sahen göttliche Manifestationen, die von Sri Aurobindo und der Mutter ausgingen. Doch auch für Besucher konnte ein Darshan, der nur wenige Augenblicke des stillen Kontakts umfasste, das ganze Leben verändern. Der Darshan war ein unvergessliches Erlebnis, ein Ascharyavat, ein Wunder. In einen feinen Dhoti gekleidet und mit einem Chaddar über dem Körper sitzend, erschien Sri Aurobindo erhaben und gewaltig, mit einem liebenswürdigen Lächeln auf den Lippen. An seiner Seite saß die Mutter in einem wunderschönen Sari und lockte alle mit ihrem unwiderstehlichen Lächeln in ihre göttliche Gegenwart. Eine wunderbare Vision!

Nun möchte ich mich Sri Aurobindos Korrespondenz mit seinen Schülern widmen. Dies ist ein sehr umfangreiches Thema, das ich nur ansatzweise behandeln kann. Zwischen 1930 und 1938 widmete Sri Aurobindo einen beträchtlichen Teil seiner Zeit dieser Korrespondenz. Manchmal verbrachte er acht oder neun Stunden – meist nachts – damit, Briefe an die Schüler zu schreiben. Ich hatte ihm einmal ein Typoskript mit einer Kritik unserer Poesie durch einen englischen Besucher geschickt und ihn um eine Stellungnahme gebeten. Da seine Antwort auf sich warten ließ, schrieb ich ihm: „Was ist mit meinem Typoskript passiert? Liegt es im Winterschlaf?“ Er antwortete in dem humorvollen Ton, den er oft mir gegenüber anschlug: „Mein sehr geehrter Herr, wenn Sie mich heute von nachmittags bis morgens mit der Nase über dem Papier sitzen sehen würden, wie ich entziffere, schreibe und wieder schreibe, wäre selbst das steinige Herz eines Schülers berührt, und Sie würden nicht von Typoskripten und Winterschlaf sprechen. Ich habe (zumindest vorerst) den Versuch aufgegeben, den Korrespondenzkatarakt zu minimieren. Ich akzeptiere mein Schicksal wie Ramana Maharshi mit der Plage der Prasads und Bewunderer. Aber ich füge der Vernichtung wenigstens nicht noch mehr Kummer hinzu, indem ich über Typoskripte spreche.“

Es gibt viele Gründe, warum Sri Aurobindo diesen Briefen so viel Zeit widmete. Sowohl er als auch die Mutter ermutigten die Schüler, frei und regelmäßig über ihre Schwierigkeiten und Probleme bei der Sadhana zu schreiben sowie Fragen zu stellen, die sie ärgerten oder verwirrten. Das Schreiben der Briefe half den Schülern, sich ihren Problemen zu stellen, ihre Fragen zu definieren und die Barrieren niederzureißen, die sie manchmal zwischen sich und dem Guru errichtet hatten. Durch seine Antworten sandte Sri Aurobindo seine Kraft und sein Licht. Die Briefe waren somit die Mittel oder Kanäle seiner direkten Hilfe für die Schüler bei ihrer Yogapraxis. Wenn Sri Aurobindo Briefe zur Sadhana beantwortete, konsultierte er normalerweise die Mutter, da sie direkteren Kontakt zu den Sadhaks hatte. Jede Antwort war auf die inneren Bedürfnisse des Sadhaks gerichtet und in einer Sprache verfasst, die dessen Verständnis nie überstieg. Zu anderen Themen schrieb Sri Aurobindo entsprechend der mentalen Ausstattung des Schülers. Menschen mit einer ausgeprägten intellektuellen Neigung oder bei Fragen von allgemeiner Bedeutung erhielten immer präzise begründete, oft mehrere Seiten lange Antworten, die erhellende Auskünfte gaben und sein umfassendes Wissen und seine ganzheitliche Vision widerspiegelten. Diese Briefe zählen zu seinen besten Schriften.

All dies führte zu einem immensen Umfang und einer ebenso großen Vielfalt an Briefen. Von den dreißig Bänden seiner Schriften, die als „Sri Aurobindo Birth Centenary Library“ (SABCL) veröffentlicht wurden, umfassen drei Bände mit insgesamt 1800 Seiten seine Briefe. Hunderte weitere sind noch unveröffentlicht. Die veröffentlichten Briefe sind in vier Teile gegliedert, die jeweils in mehrere Abschnitte unterteilt sind. Allein der erste Teil enthält die folgenden Abschnitte, die einen Eindruck von der Bandbreite der behandelten Themen vermitteln:

– Die supramentale Evolution

– Integraler Yoga und andere Wege

– Religion, Moral, Idealismus und Yoga

– Ebenen und Wesensteile

– Das Göttliche und die feindlichen Mächte

– Der Sinn der Avatarschaft

– Wiedergeburt

– Schicksal und freier Wille, Karma und Vererbung usw.

Der zweite, dritte und vierte Teil bestehen aus Briefen, die sich direkter mit der Sadhana befassen. Es gibt keinen Aspekt des Integralen Yoga, den Sri Aurobindo unbeachtet gelassen hat. Sie bilden eine perfekte Ergänzung zu seinen Hauptwerken „Das göttliche Leben“ und „Die Synthese des Yoga“. Aus einer anderen Perspektive betrachtet, gibt es keine bessere Einführung in Sri Aurobindos Schriften als diese Briefe. Beim Lesen hat man das Gefühl, sie seien direkt an einen selbst gerichtet, und erhält klare Antworten auf die vielen Fragen, die immer wieder aufkommen.

Es gibt zwei weitere Kategorien von Briefen, auf die ich zumindest am Rande eingehen möchte. Gelegentlich schrieb Sri Aurobindo in seinen Briefen über ein Ereignis aus seinem Leben oder nutzte persönliche Erfahrungen, um den Inhalt zu erklären oder zu veranschaulichen. Manchmal korrigierte er auch falsche Angaben über sich selbst, die in den Schriften anderer erschienen waren. Diese Briefe wurden zusammengefasst und erscheinen in einem separaten Band der SABCL. Wir können uns für diese gelegentlichen Erinnerungen und Offenbarungen nicht genug bedanken, denn sie sind unsere Hauptquelle für das wenige Wissen, das wir über sein Leben und seine Erfahrungen haben. Daneben gibt es Sri Aurobindos Briefe über Kunst, Literatur und insbesondere über Poesie. Er ist der größte Poet des Yoga und ermutigte seine Schüler ebenfalls zum Gedichteschreiben. Die Inspiration und Hilfe, die er leistete, sowie die Atmosphäre, die damals im Ashram herrschte, weckten den schlummernden Dichter in vielen Schülern, die zuvor weder die Fähigkeit noch die Neigung dazu hatten. Ich selbst gehörte zu denen, die dem Zauber der Muse verfielen, obwohl ich zuvor noch nie ein Gedicht geschrieben hatte. J. A. Chadwick (Arjava) war ein weiteres Beispiel, und ich könnte noch viele weitere nennen. In Cambridge war Chadwick ein brillanter Gelehrter der mathematischen Philosophie und hatte wenig Interesse an Poesie. Im Ashram entwickelte er sich jedoch zu einem hervorragenden Dichter und schrieb einige erlesene Gedichte, die nach seinem frühen Tod veröffentlicht wurden. Sri Aurobindo bat die Schüler, die Gedichte schrieben, ihm ihre Werke ohne Zögern vorzulegen. In Brief um Brief kommentierte er sie, lobte sie uneingeschränkt, wo es angebracht war, wies aber auch auf Schwächen und Unvollkommenheiten hin und schrieb manchmal sogar das ganze Gedicht um. So lehrte er uns Prosodie und die Feinheiten poetischer Diktion und Rhythmik. Es war eine Ausbildung an sich, aber Sri Aurobindo lehrte uns, Gedichte als Teil unserer Sadhana zu schreiben – nicht um des Namens oder des Ruhms willen. Außerdem machte er in seinen Briefen gelegentlich beiläufige Bemerkungen zu Gedichten und Dichtern, sowohl aus der Vergangenheit als auch aus der Gegenwart. Auch diese Beobachtungen sind Perlen der Literaturkritik und werfen immer ein neues Licht auf das Thema.

Abgesehen von der Bandbreite und Vielfalt der Themen dieser Briefe zeichnet sich ihre Sprache durch eine besondere Qualität aus. In den bereits zitierten Auszügen ist eine leuchtende Klarheit zu erkennen, die den Leser direkt berührt (Chadwick bemerkte einmal, sie haben „Licht ohne Hitze – wie seine Augen!“). Und ihre perfekte Ausführung ist umso erstaunlicher, wenn man die unglaubliche Geschwindigkeit bedenkt, mit der Sri Aurobindo schrieb. Er schrieb nie „von oben herab“ für seine Schüler und hielt auch keine Predigten aus erhabener Höhe. Der Ton ist stets höflich und mitfühlend. Selbst bei schweren Verfehlungen des Schülers findet sich kaum ein hartes Wort.

Zum Abschluss dieses Themas möchte ich eine persönliche Anmerkung machen. Ich kam 1930 zum ersten Mal in den Ashram, verließ ihn nach einem kurzen Aufenthalt jedoch wieder und kehrte schließlich im Februar 1933 zurück, um mich der Ashram-Gemeinschaft dauerhaft anzuschließen. Von etwa April 1933 bis November 1938 schrieb ich Sri Aurobindo fast täglich. Ich pflegte meine Fragen in ein Notizbuch zu schreiben und erhielt normalerweise Antworten von ihm am Rand des Blattes – manchmal folgten die längeren Antworten am Ende. Allmählich führte ich drei Notizbücher: ein persönliches, ein medizinisches und ein literarisches. Denn inzwischen war ich mit der Leitung der Ashram-Apotheke betraut worden und musste mich um die Beschwerden der Ashram-Bewohner kümmern. Außerdem hatte ich, von ihm ermutigt, begonnen, Gedichte zu schreiben. Diese lange Guru-Shishya-Korrespondenz, von der zuvor Auszüge in separaten Büchern und im SABCL erschienen waren, wurde nun fast vollständig und in chronologischer Reihenfolge veröffentlicht. Sie besteht aus zwei Bänden mit insgesamt 1200 Seiten.

Als ich in den Ashram kam, kümmerte ich mich wenig um Gott und hatte keinen Glauben. Als Mediziner und Materialist begann ich die Sadhana, ohne eine Ahnung davon zu haben – so wie Stendhals Fabrice in völliger Unkenntnis des Krieges zur Armee ging. Liest man meine Korrespondenz mit Sri Aurobindo, kann man sehen, wie er diesen unerfahrenen und skeptischen Kerl annahm, ihn auf den Weg der Sadhana führte, seine gesamte Denkweise veränderte und ihm die Augen für neue Bereiche schöpferischer Poesie und Literatur öffnete. Doch damit war ich nicht allein, denn Sri Aurobindo tat dasselbe für viele andere Schüler – wenn auch ich vielleicht ein schwierigerer Fall war! Im Laufe unserer Korrespondenz bemerkte ich hoch erfreut, dass seine Briefe an mich einen neuen Ton und eine neue Art annahmen: eine Note ungezwungener Vertrautheit mit einer Prise Humor, die den ganzen Brief erhellte. Das war sicherlich ungewöhnlich, und ich war mir meines Glücks bewusst. Ich begann, ihm viel freier zu schreiben, und seine Antworten blieben im gleichen Ton. Das hatte eine wunderbare Wirkung. Ich verlor alle meine Vorbehalte, meine Angst und Ehrfurcht vor ihm. Ich schrieb ihm über jedes Thema, das mir in den Sinn kam, und stellte ihm alle möglichen Fragen – mit einem Gefühl der Freiheit, das ich mir vorher nicht hätte vorstellen können. Manchmal warnten mich Freunde vor meiner Kühnheit, aber Sri Aurobindo erhob nie Einwände oder tadelte mich. Seine Nachsicht mir gegenüber war ein weiterer Ausdruck seiner Achtung vor der individuellen Freiheit, seiner Bereitschaft, das gesamte Spektrum des Lebens – vom Erhabenen bis zum Trivialen – zu betrachten, sowie seiner unvergleichlichen Toleranz und Barmherzigkeit. Sie veranschaulicht auch seine Art, mit jedem Sadhak entsprechend seiner Natur und auf der Grundlage seiner individuellen Beziehung zum Guru umzugehen. So blühte unser Briefwechsel fünfeinhalb Jahre lang. Dabei enthüllte er eine Seite von Sri Aurobindos Wesen, die ein für alle Mal mit der Vorstellung aufräumt, er sei stets distanziert und ernst gewesen. Als ich ihm einmal schrieb und mich beklagte, dass seine „himalayische Austerität und Erhabenheit mir den Atem nehmen und Herzklopfen verursachen!“, antwortete er: „Oh, Unsinn! Ich bin asketisch und groß, grimmig und streng! Alles verdammte Dinge, die ich nie war! Ich stöhne in un-Aurobindischer Verzweiflung, wenn ich so etwas höre. Was ist mit eurem aller gesundem Menschenverstand geschehen? Um das Obermental zu erreichen, ist es völlig unnötig, von dieser einfachen, aber nützlichen Eigenschaft Abschied zu nehmen.“

Ich habe bereits einige Beispiele für Sri Aurobindos Humor in seinen Briefen gegeben und zwei weitere Beispiele müssen für den Augenblick genügen.

29-4-35

NIROD (N): „Ich bin in ein Meer der Trockenheit versunken und habe schrecklichen Durst nach etwas. Und damit einhergehend Wellen alter Wünsche. Gibt es ein geeignetes Heilmittel?

SRI AUROBINDO: Eine eucharistische Injektion von oben und eine abführende Zurückweisung von unten; flüssige Nahrung, seelischer Fruchtsaft, Milch des Geistes.

30-4-35

N: Ihr Rezept ist großartig, Sir, aber der Patient ist zu arm, um es sich leisten zu können. Ich fühle mich für diesen Weg am wenigsten geeignet. Die Lebensgeschichten der Gottsucher, die ich gelesen habe, zeigen, wie sehr sie nach dem Göttlichen dürsteten!

SRI AUROBINDO: Und welche Wüsten mussten sie durchqueren, ohne ihren Durst zu stillen? Und die Leben, die das ausließen?

N: Was auch immer Sie sagen, Sir, der Weg des Yoga ist absolut trocken, insbesondere der des Integralen Yoga!

SRI AUROBINDO: Manchmal muss man durch die Wüste gehen – daraus folgt nicht, dass der ganze Weg so ist.

N: Für diesen Yoga braucht man das Herz eines Löwen, den Geist eines Sri Aurobindo und die Vitalität eines Napoleon.

SRI AUROBINDO: Herrgott! Dann bin ich von der Kandidatenliste gestrichen, denn ich habe weder das Herz eines Löwen noch die Vitalität eines Napoleon.

N: Man könnte sagen: Wenn die Seele in den Vordergrund tritt, wird der Weg zu einer großen Rosenstraße. Aber das kann Jahre dauern!

SRI AUROBINDO: Egal, wie lange es dauert – irgendwann erblüht sie.

N: Und wer weiß, vielleicht verkümmert man vorher einfach in der trockenen Wüste?

SRI AUROBINDO: Es besteht keine Notwendigkeit, ein solch unangenehmes Programm durchzuführen.

N: Habe ich die notwendigen Voraussetzungen für die Sadhana? Das Einzige, was ich zu haben scheine, ist ein tiefer Respekt vor Ihnen, den heute fast alle Menschen haben.

SRI AUROBINDO: Es ist gut, dass Du der Genauigkeit halber das „fast“ eingefügt haben.

N: Ich habe die unglückliche Entdeckung gemacht, dass es sicherlich finanzieller Druck von außen war, der mich ins Unbekannte und Unkennbare stürzen ließ.

SRI AUROBINDO: Es muss ein enormer Druck gewesen sein, einen so gigantischen Sprung zu wagen.

N: Jetzt gibt es kein Entkommen mehr. Röste mich für jemandes Toast. Verzeihen Sie meine Launen.

SRI AUROBINDO: All das bedeutet schlicht, dass Du, bildlich gesprochen, einen Buckel hast. Vertraue auf Gott und wirf den Buckel ab.

1-5-35

N: „Vertrauen in Gott“? Persönlich oder unpersönlich? Sagen Sie mir stattdessen: „Vertrauen in mich“, das wäre tröstlich, greifbar und praktisch.

SRI AUROBINDO: Gut. Im Endeffekt läuft es auf dasselbe hinaus.

5-9-36

N: Wieder eine verflixte Beule im linken Nasenloch – schmerzhaft, fiebrig. Bitte eine Portion Kraft!

SRI AUROBINDO: Wie der modern eingestellte Poet sagt:

O blessed blessed boil within the nostril,

How with pure pleasure dost thou make thy boss thrill!

He sings of thee with sobbing trill and cross trill,

O blessed boil within the nostril.

O gottselige Beule im Nasenloch,

Wie du deinen Boss vor reiner Lust erschauern lässt!

Er singt von dir mit seufzendem Trällern,

O gesegnete Beule im Nasenloch.

Ich hoffe, diese Hymne (stotra) wird die Beule besänftigen und befriedigt verschwinden lassen.

6-9-36

N: Was für ein kraftvolles „Stotra“! Der Furunkel konnte nicht anders, als platzen … Ein Wort konnte ich nicht lesen. Heißt es: Bögen (bows) erschauern?

SRI AUROBINDO: Ich dachte mir, dass du bei dem Wort stutzen würdest. „Boss“, Mann, „Boss“ = du selbst als Besitzer, Eigentümer, Mäzen, Finanzkönig der Beule.

Wenn ich meine Korrespondenz mit ihm lese, überkommt mich jedes Mal ein Gefühl unendlicher Dankbarkeit. Ich bin dankbar für die Mühe, die er sich selbst in kleinen Dingen gemacht hat. Ich bin dankbar dafür, dass er mir bei allen meinen Schwierigkeiten und Misserfolgen in der Sadhana geholfen, mich geführt und unterstützt hat. Und ich bin dankbar dafür, dass er sein göttliches Lachen mit mir geteilt hat.

Nun kommen wir zu einem Ereignis mit tiefen okkulten Auswirkungen, dessen volle Tragweite vielleicht nicht leicht zu verstehen ist. Das äußere Geschehen ist deutlich genug, so düster und völlig unerwartet es auch war. In den frühen Morgenstunden des 24. November 1938, gegen 2 Uhr morgens und nur wenige Stunden vor Beginn des Darshan, hatte Sri Aurobindo in seinem Zimmer einen schweren Unfall. Er war auf dem Weg ins Badezimmer, als er über ein Tigerfell auf dem Boden stolperte und stürzte. Dabei stieß sein rechtes Knie gegen den Kopf des Tigers. Er versuchte aufzustehen, doch da es ihm nicht gelang, legte er sich wieder hin und wartete darauf, dass die Mutter hereinkommen würde. Sie ruhte sich in ihrem Zimmer aus, als sie eine starke Vibration spürte, die ihr das Gefühl gab, dass Sri Aurobindo etwas zugestoßen war. Sie ging schnell in sein Zimmer und fand ihn auf dem Boden liegend. Ihre Intuition und ihre beträchtlichen medizinischen Kenntnisse ließen sie einen Bruch vermuten. Sie betätigte die Notrufklingel. A. B. Purani, der im Erdgeschoss heißes Wasser für das Bad von Sri Aurobindo vorbereitete, rannte die Treppe hinauf und fand die Mutter oben an der Treppe. Man erzählte ihm von dem Unfall und bat ihn, einen Arzt zu rufen. Glücklicherweise war Dr. Manilal, ein erfahrener Arzt und Schüler aus Gujarat, zum Darshan gekommen und sofort zur Stelle. Er kam sofort, nahm eine schnelle Untersuchung vor und sagte, er vermute einen Bruch. Dann bat die Mutter Purani um weitere Hilfe. Als wir anderen Ärzte ankamen, sahen wir, dass Dr. Manilal noch immer damit beschäftigt war, das Bein zu untersuchen. Die Mutter saß neben Sri Aurobindo und fächelte ihm sanft Luft zu. Ich konnte kaum glauben, was ich sah: Auf der einen Seite lag Sri Aurobindo hilflos da, auf der anderen Seite stand tiefe, göttliche Betrübnis auf dem Gesicht der Mutter. Doch ich fasste mich schnell wieder und half dem Arzt bei der Untersuchung. Aus medizinischer Sicht konnte ich nicht anders, als Sri Aurobindos gesamten Körper mit einem Blick zu erfassen und seine robuste, männliche Gestalt zu würdigen. Er hatte das rechte Knie gebeugt und ein verwirrtes Lächeln im Gesicht, als wüsste er nicht, was mit ihm los war. Seine Brust war nackt und wohlgeformt. Der schneeweiße Dhoti, den er hochgezogen hatte, bildete einen Kontrast zu den glänzenden, goldenen Schenkeln. Eine plötzliche, flüchtige Vision des Goldenen Purusha aus den Veden!

Während der medizinischen Untersuchung sprach Sri Aurobindo nur wenig und auch nur, um die Fragen des Arztes zu beantworten. Schließlich stellte Dr. Manilal eine Fraktur des Oberschenkelknochens fest. Sri Aurobindo hörte sich die Diagnose einfach an, ohne einen Kommentar abzugeben.

In der Zwischenzeit waren mehr als zwei Stunden vergangen, und die erschütternden Nachrichten hatten sich im gesamten Ashram verbreitet. Die Hoffnungen und Bestrebungen von Hunderten Menschen waren plötzlich zunichte gemacht. Die Jünger versammelten sich voller Angst im Innenhof des Ashrams und reisten schließlich mit einem leidenschaftlichen Gebet für die schnelle Genesung Sri Aurobindos ab. Zu den Besuchern des Darshan zählte Miss Wilson, die Tochter von Präsident Woodrow Wilson, die den ganzen Weg aus Amerika angereist war. Sie akzeptierte das Dekret des Schicksals mit ruhiger Einsicht. Aus Mitgefühl für die enttäuschten Devotees gab die Mutter abends allen Darshan und vertrieb mit dem Sonnenschein ihres Lächelns ihre Traurigkeit.

Da die medizinischen Einrichtungen in Pondicherry unzureichend waren, wurde beschlossen, Dr. Rao aus der nahegelegenen Stadt Cuddalore in Britisch-Indien zu holen. Er war der Chefarzt des dortigen Krankenhauses und uns bekannt. In der Zwischenzeit wurde das verletzte Bein notfallmäßig in einen Gipsverband gelegt. Sri Aurobindo lag völlig unbeweglich auf dem Bett. Er teilte uns später mit, dass es eine Zeit unerträglicher Schmerzen gewesen sei, und sagte: „Die Schmerzen, die ich bisher erlebt hatte, waren von gewöhnlicher Natur und ich konnte sie in Ananda umwandeln. Aber dies war intensiv. Da sie schnell und plötzlich kamen, konnte ich sie nicht in Ananda umwandeln. Aber als sie sich zu einem gleichmäßigen Gefühl stabilisierten, konnte ich diese umwandeln.“

Nachdem Dr. Rao den gesamten Bericht gehört hatte, schlug er vor, einen orthopädischen Chirurgen aus Madras namens Dr. Narasimha Ayer zu Rate zu ziehen. Mit dem Einverständnis der Mutter reiste Dr. Rao nach Madras, um den Spezialisten zu holen.

Es war bereits Abend, als Dr. Rao und Dr. Ayer zurückkamen. In der Zwischenzeit hatten sie auch einen Radiologen bestellt, der nach einigen Stunden ebenfalls eintraf. Die Röntgenbilder zeigten eine Fraktur des rechten Oberschenkels oberhalb des Knies, bei der zwei Fragmente fest miteinander verbunden waren. Der Facharzt stellte fest, dass es sich um einen sehr schweren Unfall gehandelt hatte. Wären die Fragmente nach hinten geschleudert worden, hätte das katastrophale Folgen gehabt. Er riet, von einer drastischen Behandlung abzusehen, die Gliedmaße in Gips zu legen und mithilfe von Schienen einen ständigen Zug auszuüben. Dieser Rat wurde befolgt und das Bein am Kopfende des Bettes fixiert. Sri Aurobindo musste einige Wochen im Bett bleiben. Der Spezialist würde später einen zweiten Besuch abstatten, um den weiteren Verlauf zu besprechen.

Erwähnenswert ist, dass die Mutter dem Spezialisten nach Abschluss seiner Untersuchungen viele komplizierte Fragen zu den verschiedenen Möglichkeiten, der Prognose, den Behandlungsmethoden usw. stellte. Dr. Ayer war von ihrem medizinischen Wissen beeindruckt. Sri Aurobindo hingegen hörte aufmerksam zu, sagte aber kein einziges Wort. Er begnügte sich damit, die Dinge in die Hände der Mutter zu legen, und akzeptierte alles, was sie für ihn entschied. Ich war von dieser passiven Rolle sehr fasziniert. Jemand, der mir fundierte medizinische Ratschläge über Patienten gab, hatte in einer so wichtigen Angelegenheit kein einziges Wort über sich selbst zu sagen. Für mich war dies immer ein lebendiges Beispiel für völlige Selbsthingabe.

Nun wies mich die Mutter an, ein Team von Betreuern zusammenzustellen, das ständig zur Verfügung stehen würde, um die Bedürfnisse Sri Aurobindos zu erfüllen. Selbstverständlich wurden Champaklal, der zuvor Sri Aurobindos einziger persönlicher Betreuer gewesen war, und Purani, der eine langjährige Verbindung zu Sri Aurobindo gehabt hatte, in das Team aufgenommen. Ebenso Dr. Becharlal, ein erfahrener Ashram-Arzt, und Mulshankar, ein junger Sadhak, der uns in der Apotheke half. Es wurde noch eine weitere Person benötigt. Als die Mutter durch die Jalousien von Sri Aurobindos Zimmer sah, wie Dr. Satyendra vor seiner Zahnklinik stand, wusste sie, wen sie nehmen wollte. „Nimm Satyendra“, sagte sie zu mir. So war das Team komplett. Dr. Manilal verschob seine Abreise nach Gujarat. Als erfahrener Mediziner mit ausgeglichenem Temperament war er eine große Hilfe. Die Anwesenheit des gesamten Teams war nur zu bestimmten Zeiten erforderlich, beispielsweise wenn der Körper von Sri Aurobindo nach einem langen Aufenthalt in einer Position angepasst werden musste. Ansonsten teilten wir uns die Aufgaben auf und standen jederzeit bereit, wenn wir gebraucht wurden. So durchbrachen die Umstände die Zurückgezogenheit Sri Aurobindos und führten zu einer neuen Lebensweise. Was mich betrifft, so muss ich zugeben, dass es eine wunderbare Gelegenheit war, ihm zu dienen. Ehrlich gesagt hatte ich den geheimen Wunsch, ihn aus der Nähe zu sehen, seine Stimme zu hören, mit ihm zu sprechen und ihm, wenn möglich, zu dienen. Doch ich hätte mir nie vorstellen können, unter welchen Umständen dieser Wunsch in Erfüllung gehen würde, und ich hätte mir nie erträumt, wie nah ich ihm in den nächsten zwölf Jahren kommen würde. Über diese Zeit habe ich in meinem Buch „Zwölf Jahre mit Sri Aurobindo“ ausführlich geschrieben und werde im Laufe unserer Ausführungen immer wieder auf diesen Bericht zurückkommen.

Ich möchte nun versuchen, die innere Bedeutung des Unfalls vom 24. November 1938 zu erklären. Wir haben Sri Aurobindo später danach gefragt und er sagte: „Die feindlichen Kräfte hatten viele Male versucht, Dinge wie den Darshan zu verhindern, aber es war mir gelungen, all ihre Angriffe abzuwehren. Als ich den Unfall mit dem Bein hatte, war ich mehr damit beschäftigt, die Mutter zu beschützen, und habe mich selbst vergessen. Ich hätte nicht gedacht, dass die Feinde mich angreifen würden. Das war mein Fehler.“ Sri Aurobindo erklärt, was mit „feindlichen Kräften“ gemeint ist: „Diese feindlichen Kräfte existieren und sind seit den Tagen der Veden und Zarathustra in Asien (und den Mysterien Ägyptens und der Kabbala) sowie seit alters her auch in Europa aus der yogischen Erfahrung bekannt. Diese Dinge können natürlich nicht gefühlt oder erkannt werden, solange man im gewöhnlichen Geist und seinen Ideen und Wahrnehmungen lebt … Aber sobald man beginnt, die innere Sicht der Dinge zu erlangen, ist es anders. Man beginnt zu erfahren, dass alles eine Wirkung von Kräften ist, Kräften der Prakriti, sowohl psychologischen als auch physischen, die auf unsere Natur einwirken – und diese sind bewusste Kräfte oder werden von einem Bewusstsein oder Bewusstseinen dahinter unterstützt.“ An anderer Stelle sagt er: „Die niedere Natur ist unwissend und ungöttlich, aber nicht von sich aus feindlich gegenüber dem Licht und der Wahrheit. Die feindlichen Kräfte hingegen sind nicht nur ungöttlich, sondern antigöttlich. Sie nutzen die niedere Natur aus, verdrehen sie, füllen sie mit verzerrten Regungen und beeinflussen auf diese Weise den Menschen. Sie versuchen sogar, in ihn einzudringen, um ihn zu besitzen oder zumindest vollständig zu kontrollieren.“ Dies sind Realitäten der okkulten Welt, die vielleicht nicht leicht zu verstehen sind. Wie Sri Aurobindo jedoch erklärt, können die Existenz der Feinde, die Natur ihrer Rolle und die Tendenz ihrer Bemühungen von niemandem angezweifelt werden, dessen innere Sicht geöffnet wurde und der ihre unangenehme Bekanntschaft gemacht hat.

Wir dürfen nicht vergessen, dass die damaligen Weltverhältnisse für das Wirken dieser bösartigen Kräfte besonders günstig waren. Bereits Anfang der 1930er Jahre hatten scharfsinnige Beobachter erkannt, dass die Welt auf einen Krieg von beispiellosem Ausmaß zusteuerte, und sie hatten davor gewarnt. Der phänomenale Aufstieg Mussolinis und Hitlers, die Unfähigkeit der Demokratien, die Diktatoren in Schach zu halten, der Spanische Bürgerkrieg und die rätselhafte Rolle des von brutalen stalinistischen Säuberungen betroffenen Russlands waren allesamt Anzeichen für einen aufziehenden Sturm. Insbesondere das Jahr 1938 war von einer eskalierenden politischen Krise geprägt, die ihren Höhepunkt erreichte, als Hitler im September in die Tschechoslowakei einmarschierte. Infolge verzweifelter letzter Bemühungen Englands und Frankreichs wurde mit Hitler ein Kompromiss erzielt und am 29. September 1938 das Münchner Abkommen unterzeichnet. Der Krieg wurde knapp abgewendet, doch niemand wusste, wie lange der Frieden halten würde.

Es gibt einen Brief der Mutter an ihren Sohn André, der im Oktober 1938, also nach dem Münchner Abkommen, geschrieben wurde. Er wirft ein aufschlussreiches Licht auf die wahren Kräfte, die hinter den Kulissen am Werk waren. Sie schrieb: „In Bezug auf die jüngsten Ereignisse fragst du mich, ob es sich um einen gefährlichen Bluff handelte oder ob wir nur knapp einer Katastrophe entgangen sind. Beides gleichzeitig anzunehmen, käme der Wahrheit näher. Hitler hat sicherlich geblufft, wenn man das so nennen will, indem er geschrien und Drohungen ausgesprochen hat, um seine Gesprächspartner einzuschüchtern und so viel wie möglich zu erreichen. Es wurden Taktiken und Diplomatie eingesetzt. Andererseits wirken hinter jedem menschlichen Willen jedoch auch Kräfte, deren Ursprung nicht menschlich ist und die bewusst auf bestimmte Ziele hinarbeiten. Das Zusammenspiel dieser Kräfte ist sehr komplex und entzieht sich im Allgemeinen dem menschlichen Bewusstsein. Zur Vereinfachung der Erklärung und des Verständnisses lassen sie sich in zwei gegensätzliche Haupttendenzen unterteilen: diejenigen, die auf die Erfüllung des göttlichen Werkes auf Erden hinarbeiten, und diejenigen, die sich dieser Erfüllung entgegenstellen. Den ersteren stehen nur wenige bewusste Instrumente zur Verfügung. Es stimmt, dass in dieser Angelegenheit Qualität Quantität bei Weitem ausgleicht. Was die antigöttlichen Kräfte angeht, so haben sie die Qual der Wahl: Sie finden immer Menschen, die sie versklaven und zu gefügigen, jedoch meist unbewussten Marionetten machen. Hitler war ein bevorzugtes Instrument dieser Kräfte, die Gewalt, Umwälzungen und Krieg wollen. Sie wissen, dass diese Dinge das Wirken der göttlichen Kräfte verzögern und behindern. Deshalb war eine Katastrophe sehr nahe, auch wenn keine menschliche Regierung diese bewusst herbeiführen wollte. Aber um jeden Preis sollte es keinen Krieg geben, weshalb dieser vorerst vermieden wurde.

Die Atempause war zwar nur von kurzer Dauer, doch sie verschaffte den Demokratien die dringend benötigte Zeit, um sich zu bewaffnen. Am 1. September 1939 marschierte Deutschland in Polen ein und löste damit den Zweiten Weltkrieg aus, der das Gesicht der Welt verändern sollte.

Mit dem Krieg trat Sri Aurobindos Yoga in eine neue Phase ein und auch der Ashram durchlief zahlreiche Veränderungen. Diese müssen wir nun betrachten.

Der Ashram und seine Entwicklung (1939-1950)

Sri Aurobindo machte gute Fortschritte bei seiner Genesung nach dem Unfall. Obwohl er ans Bett gefesselt war, blieb er völlig ruhig und gelassen, als wäre ihm nichts zugestoßen. Er befolgte die Anweisungen der Ärzte ohne Fragen oder Beschwerden. Dr. Rao kam fast jede Woche aus Cuddalore und stellte dabei immer wieder fest, dass Sri Aurobindo ein idealer Patient war. Sicherlich hatte er aufgrund der ungewohnten Körperhaltung Schmerzen, aber er störte kaum jemanden und bat nur selten um Hilfe. Wir mussten daher umso wachsamer sein, um seine Bedürfnisse zu erahnen.

Aufgrund der Schwere des Falls und des Alters des Patienten empfahl der Spezialist Dr. Ayer, den Gipsverband zehn Wochen lang zu belassen. Dr. Rao hingegen wollte die Dauer auf sechs Wochen verkürzen und führte seine eigenen Erfahrungen im Krankenhaus als Begründung an. Es schmerze ihn, sagte er, den Meister unnötig für einen langen, ermüdenden Zeitraum ans Bett gefesselt zu sehen. Er fügte jedoch hinzu, dass man sich bei der Besprechung mit dem Spezialisten darauf geeinigt habe, unterschiedlicher Meinung zu sein. Allerdings war keiner von uns bereit, ein Risiko einzugehen, obwohl Dr. Rao argumentierte, dass kein Risiko bestehe, und hinzufügte: „Außerdem ist Sri Aurobindo ein außergewöhnlicher Patient. Wir können davon ausgehen, dass er gut auf sich achtet.“ Aufgrund seiner Beharrlichkeit bat die Mutter schließlich Sri Aurobindo, eine Entscheidung zu treffen. Er antwortete: „Wenn ich ein außergewöhnlicher Patient bin, muss ich auch außergewöhnliche Vorsichtsmaßnahmen treffen. Die Kräfte sind sehr aktiv. Ich kann nicht ausschließen, dass ich im Schlaf ungeschickte Bewegungen mache. Lassen Sie uns einen Kompromiss zwischen zehn und sechs Wochen finden und uns auf acht Wochen einigen.“

Nachdem er seine Abreise so lange wie möglich hinausgezögert hatte, kehrte Dr. Manilal schließlich in seine Heimatstadt Baroda zurück. Ich sah ihn nur ungern gehen, da sich dadurch meine Verantwortung erhöhte. Er versicherte mir jedoch, dass er wiederkommen würde, sobald der Gips entfernt worden sei. Dr. Ayer kam aus Madras, um den Gips zu entfernen. Zu unserer großen Bestürzung schwoll das Bein jedoch sofort nach der Entfernung des Gipses vom Oberschenkel abwärts auf fast das Doppelte seiner Größe an. Die Mutter schwieg beunruhigt, aber Sri Aurobindo war wie immer unbesorgt. Der Spezialist versicherte uns, dass die Schwellung zurückgehen würde. Er war überzeugt, dass eine feste Verbindung des Knochens stattgefunden hatte. Mit der richtigen Behandlung – Massagen, Kompressen und allmählicher Bewegung des Beines – würde das Bein wieder seine normale Größe erreichen. Die Mutter war jedoch nicht so leicht zufriedenzustellen und befragte den Arzt eingehend zu möglichen Komplikationen und Gefahren. Während dieser ganzen Zeit blieb Sri Aurobindo unbeeindruckt und überließ alles der Mutter.

Als Dr. Manilal zurückkam, half er uns wie gewohnt effizient dabei, die Probleme anzugehen. Durch sanfte Massagen und warme sowie kalte Kompressen ging die Schwellung allmählich zurück, wenngleich es einige Monate dauerte, bis sie vollständig verschwunden war. Um das Knie zu beugen, verschrieb der Arzt eine Übung, bei der das Bein herunterhängt. Sobald es Zeit für Dr. Manilals Besuch war, sagte Sri Aurobindo: „Oh, Manilal kommt! Ich muss mein Bein hängen lassen!“ Wenn er sich aus Baroda nach dem Fortschritt erkundigte, antwortete Sri Aurobindo mit einem Lächeln: „Es hängt immer noch!“ Das Wiederlaufenlernen erwies sich als schwierigere Aufgabe. Zunächst wurden Krücken ausprobiert, aber sie passten Sri Aurobindo nicht. Die Mutter schlug daraufhin vor, dass er sich auf zwei Personen stützen sollte, eine auf jeder Seite. Zunächst wurden Purani und Satyendra als menschliche Stützen ausgewählt. Da sie jedoch unterschiedlich groß waren, ersetzte Champaklal Satyendra, was sich als ideale Lösung erwies. Allmählich, als Sri Aurobindos Schritte an Kraft und Festigkeit gewannen, benötigte er nur noch einen Stock in der rechten Hand, während Champaklal ihn weiterhin auf der linken Seite stützte. Schließlich wurde nur noch der Stock benutzt. Sobald bekannt wurde, dass der Meister einen Gehstock benutzte, wurden ihm mehrere geschenkt. Jeden Tag nach dem Mittag- und Abendessen kam die Mutter in sein Zimmer, reichte ihm einen Stock und er ging eine halbe Stunde in ihrer Gegenwart spazieren.

Bis April waren die Fortschritte Sri Aurobindos weithin bekannt geworden und es gingen zahlreiche Anfragen für einen weiteren Darshan ein. Da zwei Darshans ausgefallen waren, erschien den Schülern der 15. August als zu weit entfernt. Die Mutter reagierte verständnisvoll, und Sri Aurobindo gab seine Zustimmung. Als weiterer Darshan-Tag wurde der 24. April ausgewählt, der Tag, an dem die Mutter endgültig in Pondicherry angekommen war. Die Darshan-Zeit wurde jedoch vom Vormittag auf den Nachmittag verlegt und verkürzt, um Sri Aurobindo nicht zu sehr zu belasten. Es war ein einfacher Darshan: Einer nach dem anderen standen die Sadhaks für einen kurzen Moment vor Sri Aurobindo und der Mutter, empfingen ihren Segen und gingen mit einem Gefühl himmlischer Freude wieder fort.

In den ersten Wochen nach dem Unfall war Sri Aurobindo meist sehr schweigsam. Allmählich begann er jedoch, seine Umgebung wahrzunehmen, und wurde gesprächiger. Abends lag er auf dem Rücken und unterhielt sich mit den Helfern, die sich um sein Bett versammelt hatten. Er sprach mit leiser Stimme, sodass wir näher kommen mussten, um seine wohlklingende Stimme zu hören. Später, als er sich im Bett aufsetzen konnte, versammelte sich das gesamte Team um ihn herum und die Unterredungen begannen. Manchmal fanden diese auch statt, während sein Körper gewaschen wurde. Dabei wurde fast alles Mögliche besprochen: ernste Themen ebenso wie Kommentare zu alltäglichen Ereignissen und Entwicklungen. Die Atmosphäre war entspannt und ungezwungen. Sri Aurobindo machte oft humorvolle Bemerkungen und beleuchtete die diskutierten Themen stets mit seinem umfangreichen Wissen und seiner Weitsicht. Es war eine unvergessliche Belohnung für unseren bescheidenen Dienst. Ich habe diese Gespräche aufgezeichnet.

Anfangs wurden Sri Aurobindo täglich drei Mahlzeiten serviert. Das Frühstück wurde jedoch bald wieder eingestellt, da es für seinen Appetit zu früh war. Allmählich verzögerte sich auch seine erste Mahlzeit bis zum späten Nachmittag. Einen großen Teil des Tages widmete Sri Aurobindo seiner persönlichen Konzentrationsarbeit. Nach seiner morgendlichen Waschung las er die Zeitungen und empfing dann für eine Weile die Mutter, um wichtige Dinge zu besprechen. Danach verbrachte er eine lange Zeit in völliger Stille. Niemand außer der Mutter hatte eine Ahnung, womit er sich beschäftigte. Diese Zeit war vielleicht der geheimnisvollste Teil seines Lebens. Beschwor er die supramentale Kraft herab? Konzentrierte er sich auf eine kritische Phase des Krieges? Oder widmete er seine Aufmerksamkeit vielleicht einem einzelnen Fall, der besondere Aufmerksamkeit erforderte? Uns wurde nur gesagt, dass er eine besondere Aufgabe zu erfüllen hatte und in Ruhe gelassen werden musste, es sei denn, eine sehr dringende Angelegenheit erforderte seine Aufmerksamkeit. Während dieser Zeit waren wir ihm fremd. Wir waren zwar oft in seinem Zimmer, hatten aber keine sichtbare Existenz. Wenn er etwas brauchte, war es eine unpersönliche Stimme, die sozusagen jemanden Unpersönliches rief, denn er benutzte keine Namen. Die Stimme kam von weit her, der Ton war ernst und der Blick richtete sich woanders hin. Unser Geschwätz versank in einer Leere. Selbst eine explodierende Bombe hätte ihn gelassen und unberührt zurückgelassen. Vielleicht wäre die Bombe in seiner Gegenwart gar nicht explodiert! In diesem Zusammenhang fällt mir ein Vorfall aus früheren Jahren ein, den unsere Mutter uns einmal erzählte. Sie sagte: „Erinnert ihr euch an die Nacht des großen Wirbelsturms, als es überall einen ohrenbetäubenden Lärm gab und der Regen nur so herunterprasselte? Ich dachte, ich müsste zu Sri Aurobindos Zimmer gehen und ihm helfen, die Fenster zu schließen. Als ich seine Tür öffnete, fand ich ihn ruhig an seinem Schreibtisch sitzen und schreiben. Es herrschte eine solche friedliche Stille im Zimmer, dass niemand hätte ahnen können, dass draußen ein Zyklon tobte. Alle Fenster standen weit offen, aber kein Tropfen Regen kam herein.“

Oft war es bereits drei oder vier Uhr nachmittags, wenn Sri Aurobindo für seine erste Mahlzeit bereit war. Die Mutter kam dann, stellte die Speisen auf einen speziell für ihn angefertigten Rolltisch und schob diesen an sein Bett heran. Sri Aurobindo genoss gutes Essen und hatte eine Vorliebe für Süßigkeiten, insbesondere für Rasagolla, Sandesh oder Pantua. Eine besondere Vorliebe für ein bestimmtes Gericht hatte er jedoch nicht. Die Mutter servierte ihm die Gerichte in der richtigen Reihenfolge, da Sri Aurobindo sonst manchmal so vertieft war, dass er den Unterschied zwischen den verschiedenen Speisen nicht mehr erkennen konnte. Dies war seine Hauptmahlzeit des Tages. Abends gab es ein leichtes Abendessen, dessen Zeitpunkt flexibel war und von den Aktivitäten der Mutter abhing. Nach dem Essen übte er das Gehen, anschließend führten die Mutter und Sri Aurobindo ihre wichtigen Gespräche, bei denen wir darauf achteten, nicht zu stören. Auch nach dem Weggang der Mutter blieb Sri Aurobindo wach. Unsere Lichter gingen erst aus, als er erfuhr, dass sie sich zurückgezogen hatte – das war gegen 2 Uhr morgens.

Doch diese Skizze von Sri Aurobindos Tagesablauf kann nicht im Geringsten eine Vorstellung von dem umfassenden Bewusstsein vermitteln, das hinter allem stand, was er tat. Wir sind zum Scheitern verurteilt, wenn wir versuchen, sein inneres Bewusstsein aus seinen äußeren Aktivitäten abzulesen. Eines Tages sagte er: „Alles, was ich in diesem Raum sehe – diese Wände, diese Tische, die Bücher usw. –, sehe ich als das Göttliche, ebenso Sie selbst, Dr. Manilal. Das ist keine imaginäre Vision, sondern eine konkrete Erkenntnis.“ Alle Handlungen Sri Aurobindos entsprangen dem göttlichen Bewusstsein, das er verkörperte. Sie waren yukta karma – mehr kann man dazu nicht sagen, außer, dass Unpersönlichkeit das Wesen seiner Natur war. In allem bewahrte er seinen ruhigen Geist und seine unpersönliche Art. Er erhob nie seine Stimme, beharrte nicht auf seinem Standpunkt und wenn er Menschen oder Länder kritisierte, lag keine Verachtung in seinem Ausdruck. Er sah die Kräfte, deren unbewusste Werkzeuge die Menschen sind, und das Unpersönliche in ihm betrachtete alles mit gleichen Augen. Alles, was er tat, alles, was von ihm ausging – seine Gelassenheit, seine Zurückhaltung, seine Ruhe, sein bedächtiges Handeln, sogar bestimmte Aspekte seines Humors – vermittelte mir diesen Eindruck. Sri Aurobindo sagte, dass das Höchste gleichzeitig persönlich und unpersönlich ist. Sein eigenes Leben ist ein leuchtendes Beispiel für diese Wahrheit und gibt uns einen kleinen Einblick in das Wirken des Göttlichen in der Welt.

Sobald Sri Aurobindo sich ausreichend erholt hatte, widmete er sich dem Angebot des Arya-Verlags in Kalkutta, das Buch „The Life Divine“ zu veröffentlichen. Der Text war vor langer Zeit in Fortsetzungen im Arya erschienen, lag aber noch nicht in Buchform vor. Auch die Mutter war sehr an einer Veröffentlichung interessiert, doch Sri Aurobindo wollte dem nur unter der Bedingung zustimmen, dass er den Text überarbeitet. Er wollte auch einige zusätzliche Kapitel schreiben. Das bedeutete eine Menge Arbeit, denn er nahm umfangreiche Überarbeitungen vor und schrieb neue Kapitel. Es war eine wunderbare Erfahrung, ihm dabei zuzusehen. Kaum hatte er begonnen, folgte eine Zeile nach der anderen, als ob alles schon vor ihm ausgearbeitet wäre. Er brauchte keine Bücher und musste nicht nachdenken. Wir konnten sehen, was es bedeutet, aus einem stillen Geist heraus zu schreiben. Vertieft und vollkommen ausgeglichen schrieb er etwa zwei Stunden lang. Ab und zu blickte er auf und wischte sich den Schweiß von den Händen, denn es gab keinen Ventilator im Raum und er schwitzte stark. Seine Mutter kam mit einem Glas Kokosnusswasser vorbei. Manchmal musste sie eine ganze Weile warten, bis er ihre Anwesenheit bemerkte. Dann rief er „Ah“, nahm ihr das Glas aus der Hand, trank langsam und stürzte sich wieder in seine Arbeit.

Der erste Band von „The Life Divine“ erschien 1939, der zweite Band, bestehend aus zwei Teilen, im April 1940. Bekanntlich veröffentlichte der Arya das Werk während des Ersten Weltkriegs in Fortsetzungen und es ist kein Zufall, dass die Veröffentlichung des Buches zeitlich mit dem Zweiten Weltkrieg zusammenfiel. „The Life Divine“ wurde im Times Literary Supplement positiv rezensiert und von Sir Francis Younghusband, einem bedeutenden Engländer mit großem Interesse an Philosophie und Mystik, als „das größte Buch“ bezeichnet, das zu seiner Zeit erschienen sei. In einem Brief an Dilip Kumar Roy im Ashram schrieb er außerdem: „Dieser Krieg war eine schreckliche Katastrophe, und wir hier in London haben schwer gelitten … Aber so schlimm es auch ist, hat die Katastrophe doch einen positiven Effekt gehabt: Sie hat die Gedanken der Menschen zu Gott gewandt. Und „The Life Divine“ hätte zu keinem günstigeren Zeitpunkt erscheinen können.“

Als im September 1939 der Krieg ausbrach und während der folgenden Monate des sogenannten „Scheinkriegs“, beschäftigte sich Sri Aurobindo, wie er selbst sagte, nicht „aktiv“ damit. Er verfolgte die Zeitungen und da wir im Ashram damals kein Radio hatten, erhielten wir kurze Meldungen aus der Stadt mit den neuesten Nachrichten. Natürlich spielte der Krieg in unseren abendlichen Gesprächen eine wichtige Rolle. Abgesehen von seinem fundierten historischen Wissen verfügte Sri Aurobindo über ein meisterhaftes Verständnis der Militärstrategie, obwohl er sich nie speziell mit diesem Thema beschäftigt hatte. Wir waren immer wieder beeindruckt von der Weitsicht seiner Beobachtungen. In diesen Gesprächen vermittelte er uns eine klare Sicht auf die anstehenden Probleme, ohne uns jedoch seine Ansichten aufzuzwingen. Wenn wir es wagten, ihm zu widersprechen oder ihm nicht folgen konnten, erklärte er uns geduldig, wo wir falsch lagen. Durch seine physische Nähe konnten wir mit außergewöhnlicher Klarheit erkennen, welche schrecklichen, unmenschlichen Kräfte versuchten, die Welt zu verdunkeln. Wir standen einer abgrundtiefen Finsternis gegenüber, aus der uns nur eine höchste göttliche Kraft retten konnte.

Im Mai 1940 eskalierte der Krieg plötzlich zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, als Hitler in einer Überraschungsaktion einen massiven Angriff auf Frankreich über Holland und Belgien startete. Ich erinnere mich noch gut an diesen Moment. Es war Abend, und Sri Aurobindo war allein in seinem Zimmer. Sobald ich eintrat, sah er mich an und sagte: „Hitler ist in Holland einmarschiert. Nun, wir werden sehen.“ Dieser lakonische Kommentar mit seiner tiefen Bedeutung klingt mir noch heute in den Ohren. Die Ereignisse überschlugen sich nun rasend schnell. In England löste Churchill Chamberlain als Premierminister ab, was Sri Aurobindo begrüßte. Doch Frankreich schien seinen Kampfeswillen verloren zu haben und leistete Hitlers Panzerdivisionen kaum Widerstand. Die britische Streitmacht in Frankreich wurde abgeschnitten und an die Küste des Ärmelkanals zurückgedrängt. Die deutsche Armee rückte unaufhaltsam auf Paris vor und besetzte die „offene Stadt“ am 15. Juni. Churchills kühnes und großmütiges Angebot einer Union mit Frankreich wurde von der französischen Regierung abgelehnt. Die Mutter bedauerte diese Ablehnung zutiefst und sagte, dass das Angebot ein Akt der Gnade gewesen sei und dass Frankreich wegen seiner Weigerung, darauf einzugehen, großes Leid erfahren müsse. Der betagte Marschall Main bildete daraufhin eine neue Regierung in Frankreich und unterzeichnete am 25. Juni einen Waffenstillstand mit Hitler, wobei er dessen harte Bedingungen akzeptierte.

Unterdessen gelang es der britischen Armee in Frankreich, eine Massenevakuierung von Dünkirchen aus auf dem Seeweg zu organisieren. Mehr als 300.000 britische und alliierte Soldaten wurden so sicher nach England gebracht. Zwar mussten riesige Mengen an Kriegsmaterial zurückgelassen werden, doch für die Männer, die später den Kern der britischen Armeen bilden sollten, um erfolgreich gegen Hitler zu kämpfen, war es eine wundersame Rettung. Als der Krieg diese entscheidende Wende nahm, verfolgte Sri Aurobindo die Entwicklungen mit großer Aufmerksamkeit. In einem Sadhak-Zimmer wurde ein Radio installiert und später ein zusätzlicher Lautsprecher angebracht, damit er wichtige Nachrichten, Reden usw. hören konnte.

Nachdem Hitler die entscheidende Schlacht um Frankreich gewonnen hatte, richtete er sein Augenmerk auf den Sieg in der Schlacht um England. Er legte den 15. August 1940 als Tag der Vollendung seiner Eroberung Westeuropas und als Tag seiner Rundfunkansprache vom Buckingham Palace aus fest. Als Sri Aurobindo davon hörte, sagte er: „Das ist das Zeichen dafür, dass er der Feind unserer Arbeit ist.“ Er wies auch darauf hin, dass neben dem 15. August auch der 15. September ein entscheidender Tag für Hitler sein würde. Als Auftakt zur Invasion befahl Hitler eine Luftangriffsoffensive in einem bis dahin beispiellosen Ausmaß. Hätte er diesen Krieg in der Luft gewonnen, wäre das Schicksal Englands und vielleicht sogar das der ganzen Welt besiegelt gewesen. Doch der 15. August wurde zu einem Wendepunkt für Großbritannien. An diesem Tag wurden 180 deutsche Flugzeuge über britischem Gebiet abgeschossen – die bislang größte Zahl an Verlusten der gefürchteten Luftwaffe. Churchill selbst schrieb in seinen Kriegsmemoiren: „Der 15. August war für Großbritannien der entscheidende Tag, an dem es einem Angriff von etwa hundert Bombern und achthundert Flugzeugen ausgesetzt war, um es im Süden festzunageln.“ Einen Monat später, am 15. September 1940, sagte Sri Aurobindo lächelnd: „England hat 175 deutsche Flugzeuge zerstört, das ist eine sehr große Zahl. Jetzt wird eine Invasion schwierig sein. Nach dem Zusammenbruch Frankreichs verlor Hitler seine Chance. Er hat den Anschluss wirklich verpasst! Wäre er nach dem Zusammenbruch Frankreichs in England einmarschiert, wäre er jetzt schon in Asien. Nun hat sich eine weitere Streitmacht gegen ihn gebildet. Die Gefahr ist noch nicht gebannt.“ Hitler setzte seine verzweifelten Bemühungen fort, die Lufthoheit über Großbritannien zu erlangen. Doch Mitte Oktober erkannte er, dass er sein Ziel verfehlt hatte und verschob die Invasion auf unbestimmte Zeit. Die unmittelbare Gefahr war tatsächlich gebannt. Hitler hatte seine erste Niederlage erlitten und sein siegreicher Vormarsch war gestoppt worden.

Dem äußeren Mental fällt es schwer, zu erkennen oder zu akzeptieren, dass Ereignisse in der physischen Welt durch spirituelle Kräfte beeinflusst werden können. Dies ist jedoch eine oberflächliche Sichtweise, eine einseitige und begrenzte Perspektive. Sri Aurobindo schreibt über eine tiefere Sichtweise und Handlung: „… Es gehört zur Erfahrung derjenigen, die im Yoga weit fortgeschritten sind, dass es neben den gewöhnlichen Kräften und Aktivitäten des mentalen Geistes, des Lebens und des Körpers in der Materie noch andere Kräfte und Mächte gibt, die von hinten und von oben wirken können und auch wirken. Es gibt auch eine spirituelle, dynamische Kraft, die diejenigen besitzen können, die im spirituellen Bewusstsein fortgeschritten sind. Nicht alle sind daran interessiert, diese Kraft zu besitzen, und selbst diejenigen, die sie besitzen, nutzen sie nicht. Diese Kraft ist größer als jede andere und wirksamer.“ Er stellt weiter klar, dass „es diese Kraft war, die er … zunächst nur in einem begrenzten Bereich seiner persönlichen Arbeit einsetzte, später jedoch in einer stetigen Wirkung auf die Weltkräfte.“

In Band 26 des SABCL mit dem Titel „On Himself“ gibt es eine Passage, in der Sri Aurobindo seine Rolle im Zweiten Weltkrieg ausdrücklich erwähnt. Da die Passage Teil einer biografischen Skizze ist, die von einem Schüler verfasst, aber von Sri Aurobindo selbst umgeschrieben wurde, spricht er hier von sich selbst in der dritten Person. Darin heißt es: „Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs beschäftigte er sich nicht aktiv damit, aber als es so aussah, als würde Hitler alle ihm entgegenstehenden Kräfte vernichten und der Nationalsozialismus die Welt beherrschen, begann er einzugreifen. Er erklärte sich öffentlich als Unterstützer der Alliierten, leistete finanzielle Beiträge als Antwort auf den Spendenaufruf und ermutigte diejenigen, die seinen Rat suchten, in die Armee einzutreten oder sich an den Kriegsanstrengungen zu beteiligen. Innerlich unterstützte er die Alliierten ab dem Moment von Dünkirchen mit seiner spirituellen Kraft, als alle den sofortigen Untergang Englands und den endgültigen Triumph Hitlers erwarteten. Er hatte die Genugtuung, zu sehen, wie der deutsche Siegeszug fast sofort gestoppt wurde und sich das Blatt des Krieges zu wenden begann. Er tat dies, weil er erkannte, dass hinter Hitler und dem Nationalsozialismus dunkle, asurische Kräfte standen. Ihr Erfolg würde die Versklavung der Menschheit durch die Tyrannei des Bösen bedeuten und einen Rückschlag für den Verlauf der Evolution, insbesondere für die spirituelle Entwicklung der Menschheit, darstellen. Zudem würde sie nicht nur Europa, sondern auch Asien und damit Indien versklaven. Diese Versklavung wäre weit schrecklicher als alles, was dieses Land jemals erlitten hatte, und würde all die Arbeit zunichte machen, die für seine Befreiung geleistet worden war.“

Am 19. September 1940 gaben Sri Aurobindo und die Mutter eine gemeinsame Erklärung zur Unterstützung der Alliierten ab. In Form eines Briefes an den Gouverneur von Madras kündigten sie eine symbolische Spende für den Kriegsfonds an und schrieben: „Wir sind der Meinung, dass es sich nicht nur um einen Kampf zur Selbstverteidigung und zur Verteidigung der Nationen handelt, die von der Weltherrschaft Deutschlands und dem nationalsozialistischen Lebenssystem bedroht sind, sondern dass es um die Verteidigung der Zivilisation und ihrer höchsten sozialen, kulturellen und spirituellen Werte sowie der gesamten Zukunft der Menschheit geht. Dieser Sache gilt unsere uneingeschränkte Unterstützung und Sympathie, was auch immer geschehen mag. Wir freuen uns auf den Sieg Großbritanniens und darauf, dass eine Ära des Friedens und der Einheit unter den Nationen sowie eine bessere und sicherere Weltordnung anbrechen werden.“ Seit seiner Ankunft in Pondicherry war dies das erste Mal, dass sich Sri Aurobindo öffentlich zu einem politischen Thema äußerte. Darüber hinaus wurde der Brief dem Gouverneur zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt, falls dies erforderlich sein sollte.

Sofort kam es im Land zu einer Welle von Protesten gegen die Haltung, die Sri Aurobindo eingenommen hatte. Auch einige Ashramiten, die starke anti-britische Gefühle hegten und für die Freiheit Indiens gekämpft hatten, waren verwirrt und zutiefst beunruhigt. Wie konnte Sri Aurobindo, der einst ein erbitterter Gegner der britischen Herrschaft in Indien gewesen war und als „Nicht-Kooperierender“ und „Feind des britischen Imperialismus“ galt, nun die Sache Großbritanniens unterstützen? Ein Schüler schrieb an die Mutter: „Der Kongress bittet uns, keinen Beitrag zum Kriegsfonds zu leisten. Was sollen wir tun?“ Die Antwort lautete: „Sri Aurobindo hat für eine göttliche Sache gespendet. Wenn ihr helft, helft ihr euch selbst.“ Doch die Kritik hielt an und einige Ashramiten bekundeten aufgrund ihres Hasses auf die Briten offen ihre Sympathie für Hitler, was dem Ashram große Verlegenheit und Schaden zufügte. Die Mutter musste gegenüber diesen Schülern hart durchgreifen und auch Sri Aurobindo schrieb Briefe, in denen er auf den schwerwiegenden Fehler der Schüler und die Gefahr eines Sieges der Nazis hinwies. Er schrieb einem Schüler: „In einem veröffentlichten Brief haben wir deutlich gemacht, dass wir den Krieg nicht als einen Kampf zwischen Nationen und Regierungen (geschweige denn zwischen guten und bösen Menschen) betrachten, sondern als einen Kampf zwischen zwei Kräften: der göttlichen und der asurischen. Wir müssen sehen, auf welcher Seite sich die Menschen und Nationen positionieren. Wenn sie sich auf die richtige Seite stellen, machen sie sich – trotz aller Mängel, Fehler, falschen Regungen und Handlungen, die der menschlichen Natur und allen menschlichen Gemeinschaften eigen sind – sofort zu Werkzeugen des göttlichen Plans. Ein Sieg der Alliierten würde den Weg für evolutionäre Kräfte offen halten, während ein Sieg der anderen Seite die Menschheit zurückwerfen, schrecklich degradieren und im schlimmsten Fall sogar zu ihrem endgültigen Scheitern als Ethnie führen würde, so wie andere in der Vergangenheit gescheitert und untergegangen sind. Darum geht es, und alle anderen Überlegungen sind entweder irrelevant oder von untergeordneter Bedeutung. Die Alliierten haben zumindest für menschliche Werte gestanden, auch wenn sie oft gegen ihre eigenen Ideale gehandelt haben (Menschen handeln immer so); Hitler steht für diabolische Werte oder für menschliche Werte, die übertrieben werden, bis sie diabolisch werden (zum Beispiel die Tugenden des Herrenvolks oder der Herrenrasse). Das macht die Engländer oder Amerikaner nicht zu makellosen Engeln und die Deutschen nicht zu einer bösen und sündigen Art. Als Indikator hat es jedoch eine vorrangige Bedeutung.“

Heute fällt es uns nicht schwer, uns vorzustellen, wie die Welt ausgesehen hätte, wenn Hitler gesiegt hätte. Die Gräueltaten, die er begangen hat, kamen nach dem Krieg ans Licht: die Konzentrationslager, der Massenmord, die Sklavenarbeit und ähnliche unmenschliche Barbareien. Sie sind ausreichende Beweise dafür, dass die Menschheit in ein weiteres dunkles Zeitalter gestürzt worden wäre – eine Dunkelheit, die durch das Bündnis von Wissenschaft und Technologie mit Despotismus noch verschlimmert worden wäre. Doch die Menschen waren damals so sehr mit den widersprüchlichen Emotionen und Loyalitäten beschäftigt, die der Krieg hervorgerufen hatte, und mit so vielen oberflächlichen Details, dass nur wenige die eigentlichen Probleme erkennen konnten.

Es gab einen zweiten Fall, in dem Sri Aurobindo sich offen in eine politische Angelegenheit einmischte, die für die Zukunft Indiens von entscheidender Bedeutung war. Japan war im Dezember 1941 in den Krieg eingetreten, hatte innerhalb von drei Monaten alles vor sich hergefegt und die Tore Indiens erreicht. Churchill erkannte die extreme Schwere der Lage und kündigte im März 1942 an, Sir Stafford Cripps als seinen persönlichen Gesandten nach Indien zu schicken, um mit dem Kongress und muslimischen Führern zu verhandeln. Ziel war es, eine verantwortungsbewusste Zentralregierung zu bilden und die indischen Ressourcen für den Kampf gegen die Japaner zu mobilisieren. Er bot auch an, eine neue Indische Union mit Dominion-Status zu gründen, deren Verfassung nach dem Krieg von Indiens eigenen Vertretern ausgearbeitet werden sollte. Als Sir Stafford Cripps nach Indien kam, um die Details auszuarbeiten, begrüßte Sri Aurobindo die Mission und sandte ihm am 31. März eine Botschaft mit folgendem Wortlaut: „Ich habe Ihre Rundfunkansprache gehört. Obwohl ich mich heute nicht mehr im politischen, sondern im spirituellen Bereich engagiere, möchte ich als jemand, der als nationalistischer Führer und Kämpfer für die Unabhängigkeit Indiens tätig war, meine Anerkennung für alles zum Ausdruck bringen, was Sie getan haben, um dieses Angebot zu ermöglichen. Ich begrüße es als Chance für Indien, selbst über seine Freiheit und Einheit zu entscheiden, diese in völliger Wahlfreiheit zu organisieren und einen wirksamen Platz unter den freien Nationen der Welt einzunehmen. Ich hoffe, dass es angenommen und richtig genutzt wird, indem alle Zwistigkeiten und Spaltungen beiseitegelegt werden. Ich hoffe auch, dass die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Großbritannien und Indien die vergangenen Kämpfe ersetzen und ein Schritt hin zu einer größeren Weltunion sein werden. In dieser Weltunion wird Indien als freie Nation mit seiner spirituellen Kraft dazu beitragen, ein besseres und glücklicheres Leben für die Menschheit aufzubauen. In diesem Sinne biete ich meine öffentliche Unterstützung an, falls sie Ihnen bei Ihrer Arbeit von Nutzen sein kann.“ Sir Stafford Cripps antwortete: „Ich bin sehr gerührt und dankbar für Ihre freundliche Botschaft, die es mir ermöglicht, Indien mitzuteilen, dass Sie, der Sie in der Vorstellung der indischen Jugend eine einzigartige Stellung einnehmen, davon überzeugt sind, dass die Erklärung der Regierung Seiner Majestät im Wesentlichen jene Freiheit gewährt, für die der indische Nationalismus so lange gekämpft hat.“

Cripps führte nun lange Gespräche mit den politischen Führern Indiens, aber es gelang ihm nicht, den Kongress dazu zu bewegen, seine Vorschläge anzunehmen. Sri Aurobindo erkannte klar, dass das Angebot von Cripps eine große Chance darstellte, die, wenn sie genutzt würde, Indien sowohl Freiheit als auch Einheit bringen würde. Beachtenswert ist, dass er in seiner Botschaft an Cripps beide Begriffe verwendete. Er war der Ansicht, dass eine Zentralregierung, in der Hindus und Muslime mit einem gemeinsamen Ziel zusammenarbeiten, die Spannungen zwischen den beiden Gemeinschaften verringern und zu Zusammenarbeit statt Konfrontation führen würde. Sri Aurobindo sah auch die Notwendigkeit, die kollektive Stärke des Landes zu organisieren, um die Gefahr durch Japan abzuwehren. Er sagte uns klar und deutlich: „Der japanische Imperialismus, der noch jung war, auf industrieller und militärischer Macht beruhte und sich nach Westen ausbreitete, war eine größere Bedrohung für Indien als der alte britische Imperialismus, mit dem das Land umzugehen gelernt hatte und der auf dem Weg zur Abschaffung war.“ Die Kongressführer schienen jedoch von diesen wichtigen Überlegungen unbeeindruckt und kümmerten sich offenbar mehr um unmittelbare politische Kalküle, was vermutlich auf Gandhis Meinung zurückzuführen war, dass die Vorschläge der Briten nichts weiter als „ein vordatierter Scheck einer Bank, die kurz vor dem Zusammenbruch stand“, seien. Sri Aurobindo schickte sogar einen persönlichen Gesandten nach Delhi, um die Kongressführer davon zu überzeugen, das Angebot von Cripps anzunehmen. Für diese Mission wurde S. Duraiswamy ausgewählt, ein angesehener Anwalt aus Madras und Schüler. Vielleicht lag das auch daran, dass er ein Freund von C. Rajagopalachari war, einem der wenigen hochrangigen Führer im Kongress, der die Vorschläge von Cripps unterstützte. Allerdings war alles umsonst: Das Angebot wurde vom Kongress abgelehnt. Als die Ablehnung bekannt gegeben wurde, sagte Sri Aurobindo mit ruhiger Stimme: „Ich wusste, dass es scheitern würde.“ Wir sprangen sofort auf und fragten ihn: „Warum haben Sie dann überhaupt Duraiswamy geschickt?“ „Für ein bisschen niskama karma1 war seine ruhige Antwort, ohne jede Bitterkeit oder Groll.

Viele kritische Beobachter sind heute der Meinung, dass sich der gesamte Verlauf der jüngeren indischen Geschichte hätte ändern können, wenn das Cripps-Angebot angenommen worden wäre. Eine funktionierende Zusammenarbeit zwischen Hindus und Muslimen in der Regierung hätte die „Zwei-Nationen-Theorie“ widerlegen und die Teilung mit ihren unermesslichen menschlichen Leiden sowie den bis heute andauernden politischen Problemen verhindern können. Sri Aurobindo sah das Cripps-Angebot als eine auf göttlicher Inspiration basierende Initiative, die über die unmittelbaren politischen Fragen hinausging. Die politischen Führer jener Zeit, die sich mehr mit kurzfristigen Überlegungen beschäftigten, konnten diese Vision nicht teilen – und so ging eine große Chance verloren. Erwähnenswert ist, dass auch die Mutter nachdrücklich darauf gedrängt hatte, die Vorschläge anzunehmen. Sie sagte: „Meine eindringliche Bitte an Indien ist, dass es das Cripps-Angebot nicht ablehnen sollte. Es darf nicht denselben Fehler begehen, den Frankreich kürzlich begangen hat und der es in den Abgrund geführt hat.“ Als bekannt wurde, dass das Angebot abgelehnt worden war, sagte sie nur: „Jetzt wird Unglück über Indien hereinbrechen.“

Der Krieg brachte in Indien, wie praktisch überall auf der Welt, viele Veränderungen mit sich und wirkte sich auch auf unser Leben im Ashram aus. Sri Aurobindo erklärte, dies sei „der Krieg der Mutter“, und die außerhalb lebenden Schüler wurden ermutigt, sich an den Kriegsanstrengungen zu beteiligen. Wenn möglich, sollten sie sich den Streitkräften anschließen oder ihren Söhnen erlauben, dies zu tun. Zwei Schüler verloren jeweils einen Sohn, brillante junge Männer, die sich der Luftwaffe angeschlossen hatten und im Einsatz getötet wurden.

Es gab viele Schüler, die in gefährlichen Gebieten lebten und durch Luftangriffe bedroht waren. Die Mutter ermahnte sie, an ihrem Platz zu bleiben, doch ihr mitfühlendes Herz war bei ihren Familien, die viele Schwierigkeiten zu bewältigen hatten. Sie öffnete die Türen des Ashrams, um ihnen Zuflucht zu gewähren. So kamen die ersten Kinder in den Ashram. Zuvor war dieser nur für Sadhaks gedacht, die all ihre weltlichen Besitztümer der Mutter übergeben hatten und im Gegenzug mit dem Nötigsten zum Praktizieren von Yoga versorgt wurden. Die Mutter traf die Entscheidung, Kinder aufzunehmen, obwohl der Ashram damals mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte: finanziellen Schwierigkeiten, Nahrungsmittelknappheit und anderen Problemen, die durch den Krieg verursacht wurden. Doch in ihrer charakteristischen Art tat sie alles, um sich um die Bedürfnisse der Kinder zu kümmern, sobald diese im Ashram ankamen. Es war wunderbar zu sehen, wie einfach und spontan sie auf die Kinder reagierte. Sie erlaubte auch eine Lockerung einiger der strengen Regeln im Ashram, denn, wie sie sagte, waren die Kinder nicht gekommen, um Yoga zu praktizieren, und ihre Bedürfnisse waren andere. Im Laufe der Zeit bewirkte die Ankunft der Kinder viele Veränderungen in der Organisation des Ashrams und auch die Atmosphäre veränderte sich durch das Lachen und die Fröhlichkeit der Kinder.

Am 2. Dezember 1943 eröffnete die Mutter offiziell eine Schule für etwa zwanzig Kinder. Sie selbst war eine der Lehrerinnen. Aus diesem kleinen Anfang ist das „International Centre of Education“ mit seinen separaten Schul- und Hochschulklassen hervorgegangen. Es ist heute eines der wichtigsten und bedeutendsten Merkmale des Ashrams. Sri Aurobindo hatte ein tiefes und anhaltendes Interesse an Bildung. Als Lehrer hatte er die Schwächen unseres Systems und die Armut seiner Ideale erkannt. Im Karmayogin und später im Arya veröffentlichte er eine Reihe von Artikeln, in denen er seine Ansichten zur Bildung darlegte. Diese unterschieden sich grundlegend von den herkömmlichen Vorstellungen zu diesem Thema. Auch die Mutter verfolgte einen neuen und innovativen Ansatz in Bezug auf Bildung, und all dies fand seinen Ausdruck im International Centre of Education, das sich im Ashram entwickelt hat. Die Mutter interessierte sich täglich für die Entwicklung der Schule. Kein Detail war ihr zu klein, um sich damit zu befassen. Sie leitete die Lehrer, die allesamt Ashram-Mitglieder waren, persönlich an, die von ihr gewünschten neuen Lehrmethoden einzuführen und die Lehrpläne für die Schüler zu erstellen. Das heute im Zentrum angewendete Bildungssystem, das „Free Progress System“, ist weitgehend ihre eigene Schöpfung und hat bei vielen bedeutenden Pädagogen, die den Ashram besucht haben, Bewunderung hervorgerufen.

Als die Zahl der Kinder zunahm, erkannte die Mutter die Notwendigkeit, ihnen ein System der Körpererziehung anzubieten. Dieses sollte ihre wachsenden Körper geschmeidig und stark machen und ihnen Disziplin beibringen. Mit Hilfe des jungen Schülers Pranab Bhattacharya, der sich auf diesem Gebiet spezialisiert hatte und sich kurz zuvor dem Ashram angeschlossen hatte, wurde im Mai 1944 eine Abteilung für Körpererziehung gegründet. Es wurde ein großzügiger Spielplatz angelegt und zunächst ein Programm mit Übungen und Trainingseinheiten für Schüler und Lehrer aufgestellt, das später auf die Mitglieder des Ashrams ausgeweitet wurde. Nach und nach wurden die Einrichtungen erweitert und umfassten schließlich einen Sportplatz, eine Turnhalle, ein Schwimmbad, Tennisplätze usw. Von Anfang an interessierte sich die Mutter aktiv für die Entwicklung der Abteilung für Körpererziehung und half bei der Gestaltung des Programms. Jahrelang verbrachte sie ihre späten Nachmittags- und Abendstunden mit denjenigen, die an den sportlichen Aktivitäten teilnahmen. Sie selbst spielte regelmäßig Tennis, und diejenigen von uns, die mit ihr spielten, konnten erkennen, dass sie in ihrer Jugend das Format einer Meisterin gehabt haben musste. Auch die Sadhaks und Sadhikas wurden ermutigt, an diesen sportlichen Aktivitäten teilzunehmen. Zunächst gab es einigen Widerstand, doch bald waren die meisten von uns begeisterte Teilnehmer. Insgesamt veränderte sich die Atmosphäre im Ashram grundlegend und er wurde auch physisch zu einer viel größeren Einrichtung. Im Jahr 1942 betrug die Zahl der Insassen etwa 350. Bis zum Ende des Jahrzehnts hatte sich diese Zahl fast verdoppelt. Ein großer Teil der Neuankömmlinge waren Kinder.

Bis 1945 war klar, dass die Alliierten als Sieger aus dem Krieg hervorgehen würden. Am 8. Mai 1945 endete der Krieg gegen den Nationalsozialismus. Nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki kapitulierte Japan am 14. August 1945. Am 15. August, dem dreiundsiebzigsten Geburtstag Sri Aurobindos, begann der erste Tag des Friedens nach den Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs. Ein weiterer glücklicher Zufall? Die Antwort überlasse ich anderen.

Das Ende des Krieges führte zu raschen politischen Entwicklungen in Indien. In Großbritannien war die Labour Party an die Macht gekommen und machte bald deutlich, dass sie das Land nicht länger auf Kosten von Menschenleben und Ressourcen halten wollte. Das war für Großbritannien nicht mehr leistbar. Im März 1946 beschloss die britische Regierung deshalb, eine Kabinettsmission nach Indien zu entsenden, um mit den indischen Führern über die endgültige Übergabe der Macht zu verhandeln. Die Amrita Bazar Patrika bat Sri Aurobindo, seine Meinung zu dieser wichtigen Entwicklung zu äußern. Am 24. März 1946 gab er folgende Erklärung ab: „Sri Aurobindo hält es für unnötig, eine persönliche Stellungnahme abzugeben, würde jedoch seine Meinung äußern, wenn er offiziell darum gebeten würde. Seine Position ist bekannt. Er hat sich stets für die vollständige Unabhängigkeit Indiens eingesetzt und war der Erste, der dieses Ideal öffentlich und ohne Kompromisse befürwortete. Im Jahr 1910 gestattete er die Veröffentlichung seiner Vorhersage, dass Indien nach einer langen Zeit der Kriege, weltweiten Umwälzungen und Revolutionen, die nach vier Jahren beginnen würden, seine Freiheit erlangen würde. In letzter Zeit sagte er, dass die Freiheit schon bald bevorstehe und nichts sie verhindern könne. Er hat immer vorausgesehen, dass Großbritannien Indien schließlich um eine einvernehmliche Vereinbarung bitten und ihm die Freiheit zugestehen würde. Was er vorausgesehen hat, tritt nun ein: Die britische Kabinettsmission ist das Zeichen dafür. Es bleibt den Führern der Nation überlassen, diese Gelegenheit richtig zu nutzen. Wie auch immer das unmittelbare Ergebnis aussehen mag, die Macht, die dieses Ereignis herbeigeführt hat, wird nicht zu leugnen sein, und das Endergebnis, die Befreiung Indiens, ist sicher.“ Man erinnere sich daran, dass er seine Vorhersage über die Freiheit Indiens in Kalkutta gemacht hat, als er vom Korrespondenten der tamilischen nationalistischen Wochenzeitung India interviewt wurde. Das Interview wurde anschließend in der Zeitung veröffentlicht.

Die britische Kabinettsmission umfasste Sir Stafford Cripps, der zum zweiten Mal nach Indien kam. In den dazwischenliegenden Jahren hatte sich jedoch die Position der Muslimliga erheblich verhärtet. Sie bestand nun unnachgiebig auf ihrer Forderung nach einem eigenen muslimischen Staat. Nach dem Abzug der Kabinettsmission wurden die Verhandlungen von Lord Mountbatten, dem letzten Vizekönig, fortgesetzt. Diese führten schließlich am 15. August 1947 zur Unabhängigkeit Indiens von der britischen Herrschaft. Allerdings musste dafür ein hoher Preis gezahlt werden: die Teilung des Landes in Indien und Pakistan. Die Geschichte hätte durchaus anders verlaufen können, wenn das Angebot von Cripps aus dem Jahr 1942 angenommen worden wäre.

Anlässlich des Unabhängigkeitstags sandte Sri Aurobindo auf Wunsch des All India Radio am 14. August 1947 eine Botschaft aus, die ausgestrahlt wurde. Den vollständigen Text dieser Botschaft finden Sie im Anhang. Ich bin überzeugt, dass jedes Wort davon für die Zukunft Indiens, ja sogar der gesamten Menschheit, von großer Bedeutung ist und dass die Botschaft in ihrer Gesamtheit betrachtet werden muss. Im Folgenden werde ich mich auf die wichtigsten Punkte konzentrieren und einige Anmerkungen hinzufügen.

Sri Aurobindo beginnt mit der Feststellung, dass die „Übereinstimmung“ des Datums der Unabhängigkeit mit seinem eigenen Geburtstag kein Zufall sei, sondern ein Zeichen der „Bestätigung und Besiegelung“ durch die göttliche Kraft, die seine Schritte leitet. Er fährt fort, dass er gehofft hatte, fünf Weltbewegungen in seinem Leben verwirklicht zu sehen, obwohl sie ihm zunächst wie „undurchführbare Träume“ erschienen waren. Nun könne er erkennen, dass sie sich zu verwirklichen beginnen.

Der erste dieser Träume war ein freies und vereintes Indien. Sri Aurobindo sagt, dass Indien heute zwar frei, aber noch nicht vereinigt ist, und bekräftigt, dass die Vereinigung erreicht werden muss und auch erreicht werden wird. Er hofft, dass sie „auf natürliche Weise zustande kommen wird, durch eine zunehmende Anerkennung von Frieden, Eintracht und gemeinsamem Handeln“. Er fügt hinzu, dass die genaue Form der Einheit „eine pragmatische, aber keine grundlegende Bedeutung haben mag“ und bekräftigt, dass die Spaltung verschwinden muss und verschwinden wird. Inmitten der Hektik des Alltags und des Zusammenpralls widerstreitender Kräfte mag es heute schwierig sein, sich vorzustellen, wie diese Einheit zustande kommen wird. Wir sollten uns jedoch daran erinnern, dass Sri Aurobindos Vision weit über die unmittelbaren und scheinbar unlösbaren Probleme der Gegenwart hinausgeht und die Zukunft sicherlich die Erfüllung seiner Prophezeiung bringen wird.

Der zweite Traum war das Wiederaufleben Asiens und die wachsende Rolle und Stellung Indiens im Rat der Nationen. Wir können erkennen, dass sich dieser Traum weitgehend erfüllt hat, und wir können die sich bietenden Möglichkeiten der Zukunft voraussehen.

Der dritte Traum war „eine Weltunion, die die äußere Grundlage für ein gerechteres, edleres und glücklicheres Leben für die gesamte Menschheit bildet“. Sri Aurobindo räumt zwar ein, dass diesem Ziel gewaltige Schwierigkeiten im Wege stehen, erklärt jedoch auch, dass „die Vereinigung eine Notwendigkeit der Natur, eine unvermeidliche Bewegung“ sei und sich „menschliche Dummheit und blinder Egoismus“ dieser Notwendigkeit und dem göttlichen Willen nicht ewig widersetzen könnten. Tatsächlich hat sich das Konzept einer „One World“ trotz nationaler Rivalitäten und Machtkämpfe zwischen den Blöcken im menschlichen Bewusstsein verankert. Dies wäre vor fünfzig Jahren noch undenkbar gewesen. Der Trend ist unverkennbar.

Der vierte Traum bezieht sich auf das Geschenk Indiens an die Welt in Form seines spirituellen Wissens. Auch hier können wir Anzeichen für das wachsende Interesse an indischer Spiritualität und Yoga sowie für eine weit verbreitete Bewegung in diese Richtung erkennen.

Sri Aurobindos letzter Traum war „ein Schritt in der Evolution, der die Menschheit zu einem höheren und umfassenderen Bewusstsein erheben und die Lösung der Probleme einleiten würde, die sie seit Beginn ihrer Suche nach individueller Vollkommenheit und einer perfekten Gesellschaft verwirren und plagen“. Dies war Sri Aurobindos Sadhana für die supramentale Herabkunft und er war gekommen, um diesen Traum zu verwirklichen.

In seiner Botschaft drückt er die Hoffnung aus, dass Indien eine führende Rolle in diesen Bewegungen spielen wird. Die Botschaft ist in der Tat sein Aufruf an das „neue und freie“ Indien, seiner spirituellen Bestimmung treu zu bleiben. Diesen Aufruf zu missachten, wäre eine fatale Tragödie.

Die Zeit nach der Unabhängigkeit war für Indien eine Phase schwerer Krisen. Ich muss nicht näher darauf eingehen, denn die Schrecken der Massenmorde, die auf die Teilung folgten, und die tragische Situation der Flüchtlinge sind allgemein bekannt. Wie die Mutter vorausgesehen hatte, war tatsächlich „Unheil“ über Indien hereingebrochen. Die Situation verschärfte sich durch den bewaffneten Konflikt mit Pakistan um Kaschmir noch weiter. Ich glaube fest daran, dass es göttliche Gnade war, die die neu gewonnene Freiheit des Landes schützte und ihm die Kraft gab, diese schrecklichen Prüfungen zu überstehen.

Im Dezember 1948 wurde Sri Aurobindo bei der jährlichen Feier der Andhra-Universität mit dem Nationalpreis für Geisteswissenschaften ausgezeichnet. In seiner Laudatio würdigte der Vizekanzler Dr. C. R. Reddy Sri Aurobindo als „das einzige Genie unserer Zeit“ und sagte: „Er ist mehr als ein Held einer Nation. Er gehört zu den Errettern der Menschheit, die allen Zeitaltern und Nationen angehören. Sie sind die Sanatanas, die unser Dasein mit ihrer ewigen Gegenwart erfüllen – ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht …“ Sri Aurobindo ist Dichter, Dramatiker, Philosoph, Kritiker, Interpret und Kommentator der Veden, der Gita und aller tiefgründigen Überlieferungen und Legenden Indiens. Er ist jedoch mehr als all dies, nämlich ein Heiliger, der die Einheit mit dem universellen Geist erkannt, dessen Tiefen ergründet und Schätze von transzendenter Bedeutung und Brillanz hervorgebracht hat. Dr. Reddy kam nach Pondicherry, um Sri Aurobindo den Preis persönlich zu überreichen. Sri Aurobindo gewährte ihm ein Interview. Anlässlich dieses Ereignisses sandte Sri Aurobindo auch eine Botschaft, in der er die Ansicht äußerte, dass das nationale Leben Indiens auf dem Prinzip der „Einheit in der Vielfalt“ gegründet sein sollte, da es seinem Swabhava und Swadharma entspricht. Sri Aurobindo sagte auch: „… Wenn Indien bestimmten verlockenden Richtungen folgt, könnte es möglicherweise zu einer Nation wie viele andere werden. Es könnte eine opulente Industrie und einen opulenten Handel entwickeln, eine mächtige Organisation des sozialen und politischen Lebens aufbauen, eine immense militärische Stärke erlangen, mit großem Erfolg Machtpolitik betreiben, seine Errungenschaften und Interessen eifrig schützen und ausweiten und sogar einen großen Teil der Welt beherrschen. In diesem scheinbar großartigen Fortschritt würde es jedoch sein Swadharma und seine Seele verlieren. Dann könnten das alte Indien und sein Geist vollständig verschwinden, und wir hätten nur noch eine Nation wie alle anderen, was weder für die Welt noch für uns einen wirklichen Gewinn wäre… Das darf und wird sicherlich nicht geschehen, aber man kann nicht sagen, dass die Gefahr nicht besteht. Es gibt in der Tat zahlreiche andere schwierige Probleme, mit denen dieses Land konfrontiert ist oder sehr bald konfrontiert sein wird. Zweifellos werden wir siegen, aber wir dürfen uns der Tatsache nicht verschließen, dass nach diesen langen Jahren der Unterwerfung und ihren lähmenden und beeinträchtigenden Auswirkungen eine große innere und äußere Befreiung und Veränderung sowie ein gewaltiger innerer und äußerer Fortschritt notwendig sind, wenn wir Indiens wahres Schicksal erfüllen wollen.“ Diese Worte sollten wir uns gut merken. Jetzt, da das Land einen gewissen äußeren Fortschritt erreicht hat, ist die Notwendigkeit eines entsprechenden inneren, moralischen und spirituellen Fortschritts umso größer.

Am 21. Februar 1949, dem 71. Geburtstag der Mutter, wurden zwei neue Zeitschriften herausgegeben. Eine kulturelle und halbpolitische zweiwöchentliche Zeitschrift namens Mother India erschien erstmals in Bombay. Sie wurde von K. D. Sethna (Amal Kiran) herausgegeben, einem engen Schüler Sri Aurobindos, einem angesehenen Dichter und brillanten Schriftsteller mit breit gefächerten intellektuellen Interessen. Beim Verfassen der Leitartikel wurde K. D. Sethna direkt von Sri Aurobindo angeleitet. In den Kolumnen der Zeitschrift gab er Sri Aurobindos Warnungen hinsichtlich der expansionistischen Pläne des stalinistischen Russlands sowie der Absichten des kommunistischen Chinas, Tibet zu annektieren, weiter. Damit stellte China eine direkte Bedrohung für Indien dar – eine Bedrohung, die 1962 Realität wurde. Doch wie schon in der Vergangenheit schenkten nur wenige Sri Aurobindos Worten Beachtung.

Am 21. Februar 1949 erschien eine weitere wichtige Veröffentlichung: die vierteljährlich erscheinende, englisch-, französisch- und hindi-sprachige Zeitschrift Bulletin of Physical Education, herausgegeben von der Abteilung für Leibeserziehung des Ashrams. Die erste Ausgabe enthielt eine besondere Botschaft von Sri Aurobindo, die auf Wunsch der Mutter verfasst worden war. Für die folgenden Ausgaben schrieb er eine Reihe von sieben Artikeln: „Die Vollkommenheit des Körpers“, „Der göttliche Körper“, „Das Supramental und das göttliche Leben“, „Das Supramental und die Menschheit“, „Das Supramental in der Evolution“, „Das Licht-Mental“ und „Das Supramental und das Licht-Mental“, wobei der letzte Artikel in der Ausgabe vom November 1950 erschien. Diese Artikel sind in Band 16 des SABCL mit dem Titel „The Supramental Manifestation“ abgedruckt. Sie bilden den letzten Teil von Sri Aurobindos Prosaschriften und befassen sich, wie aus den Titeln ersichtlich, nicht nur mit dem Ideal der körperlichen Vollkommenheit, sondern gehen darüber hinaus und betrachten die Natur des Supramentals und die Folgen seiner Manifestation. Tatsächlich hat Sri Aurobindo in diesen späteren Artikeln das Supramental konkreter beschrieben als in seinen anderen Schriften. Was die körperliche Vollkommenheit betrifft, so hat Sri Aurobindo seine Ansichten auch in einem Brief an einen Schüler im Dezember 1949 kurz zum Ausdruck gebracht. Darin schrieb er: „Schätze den Körper zuerst als Instrument, Dharmasadhana, oder genauer gesagt, als Zentrum der manifestierten Persönlichkeit in Aktion, als Grundlage des spirituellen Lebens und Handelns sowie allen Lebens und Handelns auf der Erde. Aber auch, weil für mich der Körper ebenso wie das Mental und das Leben ein Gefäß des göttlichen Ganzen ist, eine Form des Geistes, der nicht als etwas unheilbar Grobes und Unfähiges zur spirituellen Verwirklichung oder zum spirituellen Gebrauch missachtet oder verachtet werden darf.“ Die Materie selbst ist insgeheim eine Form des Geistes und muss sich als solche offenbaren. Sie kann zum Bewusstsein erweckt werden, sich entwickeln und das Göttliche in ihr verwirklichen. Meiner Ansicht nach müssen sowohl der Körper als auch das Mental und das Leben spiritualisiert, oder, wie man auch sagen könnte, vergöttlicht werden, um ein geeignetes Instrument und Gefäß für die Verwirklichung des Göttlichen zu sein. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Körper um seiner selbst willen geschätzt werden muss oder die Schaffung des göttlichen Körpers in einer zukünftigen Evolution des gesamten Wesens als Ziel und nicht als Mittel betrachtet werden muss. Das wäre ein schwerwiegender Fehler.

Am 9. Juli 1950 gewährte Sri Aurobindo K. M. Munshi, einem bedeutenden Politiker und Interpreten der indischen Kultur, der sein Schüler in Baroda gewesen war und nun Minister in der Zentralregierung war, ein Gespräch. Munshi schrieb über dieses Treffen: „Als ich Sri Aurobindo 1950 nach mehr als vierzig Jahren wieder besuchte, sah ich einen völlig verwandelten Menschen vor mir, glückselig, umgeben von einer Atmosphäre göttlicher Ruhe. Er sprach mit leiser, klarer Stimme, die mich tief im Innersten berührte. Ich sprach mit ihm über meine spirituellen Bedürfnisse. Der Weise antwortete: ‚Ich habe dir geschrieben, dass ich dir helfen werde, und auf meine Weise tue ich das auch. Ich werde über deinen Fortschritt wachen.“ Dann sprachen wir über die indische Kultur. Ich sagte: „Die jüngere Generation wird mit Theorien und Überzeugungen gefüttert, die das höhere Leben Indiens untergraben.“ Der Meister antwortete: „Du musst diesen Mangel an Glauben überwinden. Sei versichert, dass unsere Kultur nicht untergraben werden kann. Dies ist nur eine vorübergehende Phase.“

Nun möchte ich mich einem Thema zuwenden, das in Sri Aurobindos Leben und Werk einen ganz besonderen Platz einnimmt: sein Epos Savitri. Es ist ein Thema von enormer Weite, ja schier unerschöpflich. Ich kann hier nur einen kurzen Überblick geben.

Wahrscheinlich war es in Baroda, wo Sri Aurobindo zum ersten Mal daran dachte, ein langes Gedicht zu schreiben, das auf der bekannten Geschichte von Savitri und Satyavan aus dem Mahabharata basiert. Der früheste uns vorliegende Entwurf stammt jedoch aus dem August 1916 und begann als „Eine Geschichte und eine Vision“. Sri Aurobindo arbeitete an dem Gedicht, wann immer er neben seinen anderen dringenden Aufgaben Zeit dafür fand. In den frühen Fassungen umfasste das gesamte Werk nicht mehr als fünfzig getippte Seiten, in der endgültigen Form umfasst das Epos hingegen nahezu 24.000 Zeilen. Es gab ständige Überarbeitungen, Korrekturen, Streichungen und Ergänzungen. Manchmal wurden ganze Passagen immer wieder umgeschrieben, bis Sri Aurobindo vollkommen zufrieden war. Er strebte nach „vollkommener Perfektion“, wie er selbst sagte. Immer wieder war ich voller Ehrfurcht und Staunen über Sri Aurobindos unermüdliche Geduld und seine gottgleiche Arbeit. Langsam entstand die gewaltige Struktur des Gedichts, vergleichbar mit einer unserer alten majestätischen Tempel oder einer monumentalen gotischen Kathedrale.

Nun fragt man sich vielleicht, was für ein Epos Savitri ist. Es besteht aus insgesamt zwölf Büchern, die jeweils eine unterschiedliche Anzahl von Gesängen enthalten, die wiederum unterschiedlich lang sind. Sri Aurobindo beschreibt das Gedicht als „Legende und Symbol“ und erklärt: „Die Erzählung von Satyavan und Savitri wird im Mahabharata erzählt als eine Geschichte ehelicher Liebe, die den Tod besiegt. Aber diese Legende ist eine der vielen symbolischen Mythen aus dem Umkreis der Veden, wie viele Züge der menschlichen Geschichte zeigen. Satyavan ist die Seele, die die göttliche Wahrheit des Seins in sich trägt, herabgestiegen in die Gewalt des Todes und der Unwissenheit. Savitri ist das Göttliche Wort, Tochter der Sonne, Göttin der höchsten Wahrheit, die herniederkommt und geboren wird, um zu erretten. Aswapati, der Herr des Pferdes, ihr menschlicher Vater, ist der Herr der Tapasya, jener konzentrierten Energie spirituellen Bemühens, die uns hilft, von der sterblichen Ebene zu den Unsterblichen zu steigen. Dyumatsena, Herr der scheinenden Heerscharen, Vater von Satyavan, ist das Göttliche Mental, das hier erblindete und sein himmlisches Königreich der Schau verloren hat und damit sein Reich der Glorie. Doch dies ist keine bloße Allegorie, die Charaktere sind keine personifizierten Eigenschaften, sondern Verkörperungen oder Ausstrahlungen lebendiger und bewusster Kräfte, mit denen wir konkret in Berührung kommen können, und sie nehmen menschliche Gestalt an, um dem Menschen zu helfen und ihm den Weg zu zeigen aus seinem sterblichen Zustand zu einem göttlichen Bewusstsein und einem unsterblichen Leben.“ Savitri holt Satyavan aus dem Reich des Todes zurück und besiegt somit den Tod und die Unbewusstheit. Das Reich der Wahrheit, des Lichts und der Glückseligkeit wird auf Erden errichtet…

Die schiere Größe des Gedichts, seine Erhabenheit und schöpferische Kraft übersteigen unsere höchste Vorstellungskraft. Sri Aurobindos umfangreiche eigene Erfahrungen im okkulten und mystischen Bereich sind hier in authentischer, mantrischer Sprache niedergeschrieben, die seiner Meinung nach die Sprache der zukünftigen Poesie sein wird – so wie es die Sprache der Veden und Upanishaden war. Ich kann nichts Besseres tun, als die Worte der Mutter zu zitieren:

„Er hat das ganze Universum in ein einziges Buch gepackt. Es ist ein wundervolles Werk, es ist großartig und von unvergleichlicher Vollkommenheit… Savitri ist eine Offenbarung, eine Meditation, eine Suche nach dem Unendlichen, dem Ewigen. Wenn man es mit dieser Aspiration nach Unsterblichkeit liest, wird das Lesen selbst als Führer zur Unsterblichkeit dienen. Savitri zu lesen, bedeutet wirklich Yoga zu üben, spirituelle Konzentration. Alles kann man dort finden, was nötig ist, um das Göttliche zu verwirklichen. Jeder Schritt des Yoga ist dort aufgezeichnet, einschließlich des Geheimnisses aller anderen Yogawege. Es ist gewiss, dass man, wenn man ehrlich dem folgt, was in jedem Vers enthüllt wird, die Transformation des Supramentalen Yoga erreichen wird. Es ist wirklich der unerschütterliche Führer, der einen nie verlässt und seine Hilfe ist immer für denjenigen da, der dem Weg folgen will. Jeder Vers von Savitri ist wie ein enthülltes Mantra, das alles übertrifft, was der Mensch sich auf dem Weg des Wissens angeeignet hat, und ich wiederhole: Die Worte sind auf solche Art ausgedrückt und angeordnet, dass der Rhythmus zum Ursprung des Klangs, der OM ist, hinführt… Es ist unvergleichlich, es ist Wahrheit in ihrer Fülle, die Wahrheit, die Sri Aurobindo auf die Erde gebracht hat.“

Sri Aurobindo hat mit seiner weitreichenden, tiefgreifenden Vision alle drei Welten – Himmel, Erde und Unterwelt – umfasst. Dr. Piper von der Syracuse University sagt über Savitri, dass es das neue Zeitalter der Erleuchtung bereits eingeläutet hat und wahrscheinlich das größte Epos der englischen Sprache ist, das umfassendste, ganzheitlichste, schönste und vollkommenste kosmische Gedicht, das je geschrieben wurde. Symbolisch reicht es von der ursprünglichen kosmischen Leere über die Dunkelheit und die Kämpfe der Erde bis zu den höchsten Bereichen der supramentalen spirituellen Existenz. Es beleuchtet alle wichtigen Anliegen des Menschen durch Verse von beispielloser Wucht, Pracht und metaphorischer Brillanz. Savitri ist vielleicht das mächtigste künstlerische Werk der Welt, um den Geist des Menschen zum Absoluten zu erweitern.

Man kann sagen, dass es die prophetische Botschaft der vergöttlichten Erde und der gottähnlichen Möglichkeit des Menschen ist.

Auf dem Marsch der allerfüllenden Zeit

Muss die Stunde kommen vom Willen des Transzendenten:…

Die Grenzen der Unwissenheit werden weichen,

Immer mehr Seelen werden ins Licht eintreten,

Mentale Geister, erleuchtet, inspiriert, hören den okkulten Boten,

Leben mit einer jähen inneren Flamme lodern,

Herzen sich in göttliche Glückseligkeit verlieben

Und menschlicher Wille sich auf den göttlichen Willen einstimmen,…

Eine göttliche Kraft wird durch Gewebe und Zelle fließen

Und Atem, Reden und Tun übernehmen,

Und alle Gedanken werden ein Glühen von Sonnen sein

Und jedes Gefühl ein himmlisches Erbeben.…

So wird die Erde sich Göttlichem öffnen

Und gewöhnliche Naturen werden den weiten Aufschwung spüren,

Gewöhnliches Tun mit des Geistes Strahl erleuchten

Und in gewöhnlichen Dingen die Gottheit treffen.

Natur wird leben, geheimen Gott zu offenbaren,

Der Geist wird das Menschenspiel in Obhut nehmen,

Dies irdische Leben zum göttlichen Leben werden.

1 Nishkama Karma, auch bekannt als selbstloses oder begehrungsloses Handeln, ist eine Handlung, die ohne die Erwartung von Früchten oder Ergebnissen ausgeführt wird. Es ist der zentrale Grundsatz des Karma-Yoga zur Befreiung.

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