Kapitel 2
Konzeption und Geburt
Ein Traum
Irgendwo auf der Erde sollte es einen Ort geben, von dem keine Nation das Recht besitzen sollte, zu sagen, „er gehört mir“. Dort sollte jeder Mensch guten Willens, der eine aufrichtige Aspiration besitzt, frei als ein Bürger der Welt leben können und nur einer einzigen Autorität zu gehorchen brauchen: der höchsten Wahrheit. Das sollte ein Ort des Friedens, der Eintracht und Harmonie sein, wo alle Kampfinstinkte der Menschen ausschließlich dazu verwendet werden, um die Ursachen ihrer Leiden und ihres Elends zu überwinden, um über ihre Schwäche und Unwissenheit hinauszukommen und um über ihre Beschränktheiten und Unzulänglichkeiten zu siegen. Es sollte ein Ort sein, wo an erster Stelle die Bedürfnisse des Geistes und die Sorge um den Fortschritt stehen und nicht die Befriedigung der Begierden und Leidenschaften, das Streben nach Vergnügen und nach dem materiellen Genuss. An diesem Orte sollten die Kinder in einer integralen Weise aufwachsen und sich entfalten können, ohne dass sie den Kontakt mit ihrer Seele verlieren. Es sollte ihnen eine Ausbildung gegeben werden, und zwar nicht unter dem Gesichtspunkt, Examen zu bestehen und Zeugnisse und Positionen zu erlangen, sondern ihre vorhandenen Fähigkeiten reicher zu machen und neue zur Entfaltung zu bringen. An diesem Ort sollten die Titel und gesellschaftlichen Positionen durch die dargebotenen Gelegenheiten ersetzt werden, dass man dient und die Organisation der Gemeinschaft entwickelt. Bei allen sollte in gleicher Weise für die Bedürfnisse des Körpers gesorgt werden. Die intellektuelle, moralische und spirituelle Überlegenheit sollte in der allgemeinen Organisation durch ein höheres Maß an Pflicht und Verantwortlichkeit zum Ausdruck kommen und nicht durch eine Erhöhung des Lebensgenusses und der Machtpositionen im Leben. Alle sollten in gleicher Weise Zugang haben zur Schönheit in all ihren künstlerischen Ausdrucksweisen: Malen, Bildhauerei, Musik und Literatur. Die Möglichkeit, an den Freuden der Schönheit teilzuhaben, sollte allein durch die Fähigkeiten des Einzelnen begrenzt werden und nicht durch seine soziale oder finanzielle Lage. Denn an diesem idealen Ort wäre das Geld nicht mehr der oberste Herr. Dem persönlichen Wert des Einzelnen würde eine ganz überragende Wichtigkeit gegenüber den materiellen Reichtümern und den gesellschaftlichen Stellungen beigemessen werden. Die Arbeit wäre dort nicht das Mittel, um sich dadurch seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Sie wäre vielmehr das Mittel, um durch sie die eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten zum Ausdruck zu bringen, und so dem Ganzen der Gemeinschaft einen Dienst zu leisten, die ihrerseits für die Lebensbedürfnisse eines jeden zu sorgen und ihm den Rahmen für sein Wirken zu schaffen hätte. Kurz, das sollte ein Ort sein, an dem die gegenseitigen Beziehungen der Menschen untereinander, die für gewöhnlich nur auf den Konkurrenzkampf und auf den Streit gegründet sind, durch solche Beziehungen ersetzt werden, dass man im Gutestun miteinander wetteifert, dass man zusammenarbeitet und eine wirkliche Brüderlichkeit übt.
Die Erde ist noch nicht dazu bereit, ein solches Ideal zu verwirklichen, denn die Menschheit besitzt noch nicht genug Erkenntnis, es zu verstehen und anzunehmen, und noch nicht die bewusste Kraft, die für die Durchführung unentbehrlich ist. Darum nenne ich es einen „Traum“.
Dieser Traum ist jedoch auf dem Wege, Wirklichkeit zu werden. Dafür setzen wir im Sri Aurobindo Ashram unsere Kräfte ein, in einem ganz kleinen Maßstab und im Einklang mit unseren begrenzten Mitteln. Die Verwirklichung ist gewiss noch weit davon entfernt, vollkommen zu sein, aber sie ist progressiv. Allmählich dringen wir immer weiter vorwärts zu unserem Ziel, das, wie wir hoffen, eines Tages vor der Welt als ein praktisches und wirkungsvolles Mittel dastehen wird, wie sie aus dem jetzigen Chaos herauskommt und in ein neues harmonischeres und wahres Leben geboren wird.
Du sagst, Auroville sei ein Traum. Ja, es ist ein „Traum“ des Herrn, und gewöhnlich erweisen sich diese „Träume“ als wahr, viel wahrer als die sogenannten Wirklichkeiten des Menschen!
Eine ideale Stadt
Ist es möglich, einen Platz zu finden, wo der Keim oder der Samen der zukünftigen supramentalen Welt hervorgebracht werden könnte? Der Plan kam in all seinen Einzelheiten. Aber es ist ein Plan, der in seinem Geist und Bewusstsein den gegenwärtigen Möglichkeiten auf der Erde überhaupt nicht entspricht; und dennoch war er in seiner materiellsten Manifestation auf irdische Bedingungen gegründet. Es ist die Konzeption einer idealen Stadt, die der Zellkern eines idealen Landes wäre und deren Verbindungen zur Außenwelt nur ganz oberflächlich und äußerst eingeschränkt in ihren Wirkungen wären. Schon deshalb – das ist jedoch möglich – müsste man sich eine genügt starke Kraft vorstellen, die zugleich Schutz sowohl gegen Aggression oder Böswilligkeit – das wäre nicht der am schwierigsten zu erreichende Schutz – als auch gegen Infiltration und Beimischung bieten würde. Aber das kann man sich, wenn nötig, vorstellen. Vom sozialen Standpunkt, vom Standpunkt der Organisation, vom Standpunkt des inneren Lebens gesehen, sind das keine Probleme. Die Schwierigkeit liegt in der Beziehung zu dem, das nicht supramentalisiert ist. Infiltration und Beimischung zu verhindern, das heißt, zu verhindern, dass dieser Zellkern in eine minderwertige Schöpfung zurückfällt – es ist ein Problem der Übergangsperiode.
Alle, die über dieses Problem nachgedacht haben, hatten sich immer einen der Welt unbekannten Ort vorgestellt, etwas der restlichen Menschheit Unbekanntes, wie zum Beispiel eine Schlucht in den Himalayas. Aber das ist keine Lösung. Es ist überhaupt keine Lösung.
Nein, die einzige Lösung ist eine okkulte Kraft, was jedoch voraussetzt, dass eine gewisse Anzahl von Einzelnen bereits ein hohes Maß an Verwirklichung erreicht haben, bevor überhaupt irgendetwas unternommen werden kann. Aber man kann sich vorstellen, dass, wenn das getan werden kann, man isoliert inmitten der Außenwelt – ohne jegliche Verbindungen –, ein Gebiet haben könnte, wo alles – als ein Beispiel – an seinem richtigen Platz wäre. Jedes Ding, jede Person, jede Bewegung, genau an ihrem Platz; und an ihrem Platz in einer aufsteigenden, fortschreitenden Bewegung, ohne Rückfall, das heißt, das genaue Gegenteil von dem, was im gewöhnlichen Leben geschieht. Das setzt natürlich eine gewisse Vollkommenheit, eine gewisse Einheit voraus. Es setzt voraus, dass die verschiedenen Aspekte des Höchsten manifestiert werden können; und notwendigerweise eine außerordentliche Schönheit, eine vollständige Harmonie und eine Macht, die groß genug ist, um die Kräfte der Natur zu beherrschen. Selbst wenn beispielsweise dieser Platz von zerstörerischen Kräften umgeben wäre, hätten diese keine Wirkungskraft. Der Schutz wäre ausreichend. All dies verlangt eine äußerste Vollkommenheit in den Einzelnen, die solch eine Sache organisieren.
Ist es der Göttliche Wille, dass Auroville entstehen soll, oder betrachtet das Göttliche den Versuch, Auroville zu bauen, als Experiment?
Die Konzeption Aurovilles ist vollständig göttlich und kam viele Jahre früher als ihre Ausführung.
Natürlich greift in die Einzelheiten der Ausführung das menschliche Bewusstsein ein.
Die Synthese der Kulturen
Die Einheit der menschlichen Art kann weder durch Gleichförmigkeit noch durch Beherrschung oder Unterwerfung erreicht werden. Nur eine verbindende Organisation aller Nationen, jede auf ihrem wahren Platz, gemäß dem ihr eigenen Genie und der Rolle, die sie im Ganzen zu spielen hat, ist fähig, eine umfassende und fortschreitende Einigung herzustellen, die einige Aussicht auf Dauer hat. Und damit die Synthese lebendig ist, muss sich die Gruppierung um eine Zentralidee bilden, die so weit und so hoch wie möglich ist, in der alle Richtungen, selbst die sich am widersprechendsten, ihren betreffenden Platz finden können. Diese höchste Idee ist, den Menschen die notwendigen Lebensbedingungen bereitzustellen, damit sie sich vorbereiten können, die neue Kraft zu manifestieren, die die Menschenart von morgen schaffen wird.
Die Kulturen der verschiedenen Teile der Welt werden hier so vertreten sein, dass sie allen zugänglich sind, nicht nur intellektuell in Ideen, Theorien, Grundsätzen und Sprachen, sondern auch vital in den Gewohnheiten und Sitten, der Kunst in all ihren Formen: Malerei, Bildhauerei, Musik, Baukunst, Dekoration, und physisch durch Landschaftsgestaltung, Trachten, Spiele, Sport, Industrien und Ernährung. Eine Art ständiger Weltausstellung müsste organisiert werden, wo alle Länder in konkreter und lebendiger Weise vertreten sind. Das Ideal wäre, dass jede Nation mit einer wohl ausgeprägten Kultur einen Pavillon hätte, der diese Kultur vertritt, errichtet nach einem Modell, das am besten die Gewohnheiten des Landes darstellt, in dem es die bezeichnendsten Erzeugnisse sowohl der Natur als auch des Gewerbes bis zu den besten Ausdrucksformen seines intellektuellen und künstlerischen Genies und seiner spirituellen Neigungen ausstellt. Jede Nation könnte so ein praktisches und greifbares Interesse an dieser kulturellen Synthese finden und an dem Werk mitarbeiten, indem es die Verantwortung für den Pavillon, der es repräsentiert, übernimmt. Man könnte noch je nach den Bedürfnissen ein großes oder kleines Wohngebäude hinzufügen, um die Studenten derselben Nationalität zu beherbergen…
Göttliche Initiierung
1. Wer hat die Initiative ergriffen, Auroville zu bauen?
Der Höchste Herr.
2. Wer beteiligt sich an der Finanzierung Aurovilles?
Der Höchste Herr.
3. Wenn man in Auroville leben will, was bedeutet das für einen?
Versuchen, die Höchste Vollkommenheit zu erlangen.
4. Muss man ein Schüler des Yoga sein, um in Auroville leben zu können?
Das ganze Leben ist Yoga. Darum kann man nicht leben, ohne den höchsten Yoga zu praktizieren.
5. Was wird die Rolle des Ashrams in Auroville sein?
Die, welche der Höchste Herr will, dass sie sei.
6. Wird es Zeltplätze in Auroville geben?
Alle Dinge sind so, wie sie sein sollen, dann, wenn, sie sein sollen.
7. Wird das Familienleben in Auroville weitergeführt werden?
Wenn man noch nicht darüber hinaus ist.
8. Kann man seine Religion in Auroville beibehalten?
Wenn man noch nicht darüber hinaus ist.
9. Kann man in Auroville Atheist sein?
Wenn man noch nicht darüber hinaus ist.
10. Wird es in Auroville ein Gesellschaftsleben geben?
Wenn man noch nicht darüber hinaus ist.
11. Wird es in Auroville verpflichtende Gemeinschaftsaktivitäten geben?
Nichts ist verpflichtend.
12. Wird es in Auroville Geldverkehr geben?
Nein, Auroville wird nur mit der Außenwelt Geldbeziehungen haben.
13. Wie wird die Arbeit in Auroville geregelt und verteilt werden?
„Geld nicht mehr der oberste Herr. Dem persönlichen Wert des Einzelnen würde eine ganz überragende Wichtigkeit gegenüber den materiellen Reichtümern und den gesellschaftlichen Stellungen beigemessen werden. Die Arbeit wäre dort nicht das Mittel, um sich dadurch seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Sie wäre vielmehr das Mittel, um durch sie die eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten zum Ausdruck zu bringen, und so dem Ganzen der Gemeinschaft einen Dienst zu leisten, die ihrerseits für die Lebensbedürfnisse eines jeden zu sorgen und ihm den Rahmen für sein Wirken zu schaffen hätte.“1
14. Wie werden die Beziehungen zwischen den Bewohnern Aurovilles und der Außenwelt sein?
Jeder hat völlige Freiheit. Die äußeren Beziehungen der Bewohner Aurovilles werden sich für jeden entsprechend seinen persönlichen Bestrebungen und seinen Tätigkeiten innerhalb Aurovilles ergeben.
15. Wem wird das Land und die Gebäude Aurovilles gehören?
Dem Höchsten Herrn.
16. Welche Sprachen werden für den Unterricht verwendet werden?
Alle Sprachen, die auf der Erde gesprochen werden.
17. Was werden die Transportmittel in Auroville sein?
Wir wissen es nicht.
Auroville geht es gut, und es wird immer wirklicher, aber seine Verwirklichung geht nicht auf die übliche menschliche Weise voran und sie ist dem inneren Bewusstsein mehr sichtbar als dem äußeren Auge.
Das neue Bewusstsein
Göttliche Mutter, in welchem Maß hängt die Errichtung Aurovilles davon ab, dass die Menschen Spiritualität akzeptieren?
Der Gegensatz zwischen Spiritualität und dem materiellen Leben, die Trennung zwischen den beiden, hat keine Bedeutung für mich, denn in Wahrheit sind Leben und Geist eins, und es ist in der physischen Arbeit und durch sie, dass der höchste Geist manifestiert werden muss.
Die Menschheit ist nicht die letzte Stufe der irdischen Schöpfung. Die Evolution geht weiter, und der Mensch wird übertroffen werden. Jeder Einzelne muss sich klar darüber werden, ob er am Kommen dieser neuen Lebensform teilnehmen will.
Für jene, die mit der Welt, wie sie ist, zufrieden sind, hat Auroville offensichtlich keinen Daseinsgrund.
Für Auroville arbeiten heißt, die Ankunft einer harmonischeren Zukunft zu beschleunigen.
Vorgestern Nacht verbrachte ich mehr als drei Stunden mit Sri Aurobindo und zeigte ihm alles, was im Begriff ist, für Auroville herabzukommen. Es war sehr interessant. Spiele waren da, Kunst gab es, und es gab sogar Kochen! Aber all dies war sehr symbolisch. Und ich erklärte es ihm, wie an einem Tisch, vor einer weiten Landschaft. Ich erklärte ihm die Grundlagen, nach denen Körperübungen und Spiele organisiert werden würden. Es war sehr klar, sehr genau, ich gab sogar eine Art Vorführung, es war, als ob ich ihm in ganz kleinem Maßstab eine ganz kleine Darstellung dessen gab, was getan werden würde. Ich bewegte Menschen und Dinge (Geste wie auf einem Schachbrett). Aber es war sehr interessant, und er war sehr interessiert: Er gab die allgemeinen Organisationsgesetze (ich weiß nicht, wie ich es erklären soll). Es gab Kunst, und es war schön, es war gut. Und wie man die Häuser angenehm und hübsch gestaltet, nach welchem Konstruktionsprinzip. Und dann auch das Kochen, es war sehr erheiternd, jeder brachte seine Erfindung… Dies hielt an für mehr als drei Stunden – drei Nachtstunden, das ist sehr viel! Sehr interessant!
Dennoch, die Bedingungen auf der Erde scheinen sehr weit von all dem entfernt zu sein.
(Nach einigem Zögern) Nein es war einfach da, es schien der Erde nicht fremd zu sein. Es war eine Harmonie, eine bewusste Harmonie hinter den Dingen: Eine bewusste Harmonie hinter den Körperübungen und den Spielen, eine bewusste Harmonie hinter dem Schmücken, der Kunst, eine bewusste Harmonie hinter der Ernährung…
Ich meine, all dies scheint das Gegenteil von dem zu sein, was es jetzt auf Erden gibt.
Nicht…
Nein?
Ich sah X heute und sagte ihm, dass die ganze Organisation bezüglich Kunst, Sport, sogar Ernährung und allem anderen im Feinstofflichen fertig sei – bereit, um herabzukommen und einen Körper anzunehmen – und ich sagte ihm: Man braucht nur eine Handvoll Erde (Geste mit den Händen), eine Handvoll Erde, in der man die Pflanze aufziehen könnte… Man müsste eine Handvoll Erde finden, um sie wachsen zu lassen.
(Für ein UNESCO-Komitee geschrieben)
Die Aufgabe, der Vision Sri Aurobindos eine konkrete Form zu geben, wurde der Mutter anvertraut. Die Erschaffung einer neuen Welt, einer neuen Menschheit, einer neuen Gesellschaft, die das neue Bewusstsein ausdrückt und verkörpert, ist das Werk, das sie aufgenommen hat. Der Natur der Dinge entsprechend ist es ein kollektives Ideal, das zu einer kollektiven Bemühung aufruft, damit es im Bereich einer ganzheitlichen menschlichen Vervollkommnung verwirklicht werden kann.
Der Ashram, von Der Mutter gegründet und aufgebaut, war der erste Schritt auf dem Weg zum Erlangen dieses Ziels. Das „Projekt Auroville“ ist der nächste Schritt, mehr äußerlich, der versucht, die Grundlage dieses Versuches zu erweitern, Harmonie zwischen Seele und Körper, Geist und Natur, Himmel und Erde, im kollektiven Leben der Menschheit zu errichten.
Worin besteht der Unterschied zwischen dem Ashram und Auroville?
Der Ashram wird seine wahre Rolle des Vorkämpfers, des Inspirierenden und Führenden beibehalten.
Auroville ist der Versuch kollektiver Verwirklichung.
Was ist der grundlegende Unterschied zwischen dem Ideal des Ashrams und dem Ideal Aurovilles?
Es gibt keinen grundlegenden Unterschied in der Haltung hinsichtlich der Zukunft und dem Dienst am Göttlichen.
Aber von den Menschen im Ashram nimmt man an, dass sie ihr Leben dem Yoga geweiht haben (natürlich mit Ausnahme der Studenten, die nur für ihre Studien hier sind und von denen man nicht erwartet, dass sie den Entschluss für ihr Leben gefasst haben).
In Auroville hingegen ist einfach die gutwillige Bereitschaft ausreichend, ein kollektives Experiment für den Fortschritt der Menschheit zu machen, um aufgenommen zu werden.
Ist Auroville die einzige Lösung für das Elend der Menschheit und die Unruhen der Gesellschaft?
Nicht die einzige Lösung. Es ist ein Zentrum der Transformation, ein kleiner Zellkern von Menschen, die sich umwandeln und der Welt ein Beispiel geben. Das ist es, was Auroville zu sein hofft. Solange Egoismus und böser Wille in der Welt bestehen, ist die allgemeine Transformation unmöglich.
Wird ein Tag kommen, an dem es auf der Welt keine arme Menschen und kein Leid mehr geben wird?
Das ist allen völlig klar, die Sri Aurobindos Lehre verstehen und ihm vertrauen.
In der Absicht, einen Platz zu schaffen, wo es so sein könnte, wollen wir Auroville errichten.
Damit jedoch diese Verwirklichung möglich wird, muss sich jeder um seine eigene Transformation bemühen, denn die meisten Leiden der Menschen sind das Ergebnis ihrer eigenen Fehler, sowohl physisch als auch moralisch.
Wie kannst du annehmen, dass es in Auroville kein Leid mehr geben wird, solange die Menschen, die kommen werden, um dort zu leben, Menschen aus der gleichen Welt sind, geboren mit den gleichen Schwächen und Fehlern?
Ich hatte nie gedacht, dass es in Auroville kein Leid mehr geben würde, weil die Menschen, so wie sie sind, Leid lieben und es herbeirufen, während sie es gleichzeitig verwünschen.
Aber wir werden versuchen, ihnen beizubringen, wirklich den Frieden zu lieben und zu versuchen, sich im Gleichmut zu üben.
Was ich meinte, war unfreiwillige Armut und Bettelei.
Das Leben in Auroville wird so organisiert sein, dass es das nicht geben wird – und wenn Bettler von außen kommen, werden sie entweder weggehen müssen, oder man wird sie die Freude der Arbeit lehren.
Man muss eine vollkommen transparente Aufrichtigkeit besitzen. Mangel an Aufrichtigkeit ist die Ursache der Schwierigkeiten, mit denen wir gegenwärtig zu tun haben. Unaufrichtigkeit steckt in allen Menschen. Es gibt vielleicht hundert Menschen auf der Erde, die völlig aufrichtig sind. Es ist die Natur des Menschen selbst, die ihn unaufrichtig macht – es ist sehr kompliziert, denn er betrügt sich ständig selbst, er versteckt die Wahrheit vor sich selbst, er findet Entschuldigungen für sich selbst. Yoga ist das Mittel, in allen Teilen des Wesens aufrichtig zu werden.
Es ist schwierig, aufrichtig zu sein, aber man kann es zumindest mental sein. Das kann man von den Einwohnern Aurovilles verlangen. Die Kraft ist da, gegenwärtig wie nie zuvor. Die Unaufrichtigkeit der Menschen hindert sie herabzukommen, gefühlt zu werden. Die Welt lebt in der Falschheit. Alle Beziehungen zwischen den Menschen waren bisher auf Falschheit und Täuschung gegründet. Die Diplomatie unter den Nationen ist auf Falschheit gegründet. Sie geben vor, Frieden zu wollen, und rüsten sich gleichzeitig. Nur eine transparente Aufrichtigkeit in den Menschen und unter den Nationen wird die Ankunft einer transformierten Welt zulassen.
Auroville ist der erste Versuch in diesem Experiment. Eine neue Welt wird geboren werden. Wenn die Menschen sich um Transformation bemühen wollen und nach Aufrichtigkeit suchen, ist es möglich. Vom Tier zum Menschen waren Jahrtausende nötig; heute kann der Mensch, dank seines Mentals, die Transformation hin zu einem Menschen, der Gott sein wird, wollen und beschleunigen.
Diese Umwandlung mit Hilfe des Mentals – durch Selbstanalyse –, ist ein erster Schritt. Danach ist es nötig, die vitalen Impulse umzuwandeln. Das ist sehr viel schwieriger, und besonders schwierig ist es, das Physische umzuwandeln. Jede Zelle unseres Körpers muss bewusst werden. Das ist die Arbeit, die ich hier tue. Es wird den Sieg über den Tod ermöglichen. Das ist eine andere Geschichte. Das wird die Menschheit der Zukunft sein, vielleicht in Jahrhunderten, vielleicht früher. Es wird von den Menschen, den Völkern abhängen.
Auroville ist der erste Schritt zu diesem Ziel.
In der modernen Zivilisation arbeiten die Menschen an der Oberfläche. Das Mental ist die Oberfläche des Daseins. Sie arbeiten auf der Oberfläche und versuchen, durch immer tieferes Studium die dahinterliegende Wahrheit zu finden, die dahinter liegt. Die richtige Methode jedoch ist, in direkte Verbindung mit der inneren Wahrheit zu treten, und von ihr angetrieben, von ihr geleitet, ein äußeres Gefüge zu errichten, das nicht die Suche nach der Wahrheit, sondern eine Schöpfung der Wahrheit ist, das heißt, dass die Kraft der Wahrheit sich durch menschliche Instrumente äußerlich verwirklicht.
Die Menschen machen ständig Pläne, mentale Gebilde, und versuchen auf dieser Grundlage zu schaffen. Aber es gibt nicht eine menschliche Schöpfung, die eine vollständige Verwirklichung ihres mentalen Gebildes wäre. Immer fügen sie etwas hinzu, oder es wird durch eine Kraft verändert, die sie nicht verstehen, die sie für Zufall, Glück, Umstände und alles mögliche halten, die aber tatsächlich die Kraft der Wahrheit ist, die versucht, sich auf der Erde zu manifestieren, und die einen Druck ausübt; und das verändert natürlich die mentalen und vitalen Schöpfungen, die nur oberflächliche Schöpfungen sind. Über dieses Thema stand im Bulletin ein Zitat von Sri Aurobindo. Er sagte: „Zuerst muss man wissen und dann handeln, wohingegen die Menschen zuerst handeln und dann versuchen, durch ihr Handeln Wissen zu erlangen.
Zitat von Sri Aurobindo:
Sich derart an das Tun zu klammern ist absurd, solange man nicht das Licht erlangt hat, durch das man handeln muss. Der Satz „Yoga muss das Leben mit einbeziehen und nicht ausschließen“ bedeutet nicht, dass wir das Leben, so wie es ist, in all seiner strauchelnden Unwissenheit anzunehmen haben, in seinem Elend und dem dunklen Gemisch aus menschlichem Willen, Verstand, Impuls und Instinkt, deren Ausdruck es ist. Diejenigen, die das Tun verfechten, glauben, dass durch den menschlichen Verstand und die menschliche Energie, die immer von neuem losstürmen, schon alles ins rechte Lot kommen werde. Der gegenwärtige Zustand der Welt nach der Entfaltung des Intellektes und einer gewaltigen Energie-Produktion, für die es keine historische Parallele gibt, ist ein deutlicher Beweis für die Nichtigkeit dieser Illusion, die ihr Tun überschattet. Yoga geht davon aus, dass allein durch eine Veränderung des Bewusstseins die wahre Basis des Lebens entdeckt werden kann; von innen nach außen ist hier die Regel. Doch bedeutet innen nicht ein Viertelzentimeter hinter der Oberfläche. Man muss tief nach innen gehen, man muss die Seele finden, das Selbst, die Göttliche Wirklichkeit zuinnerst. Nur dann kann das Leben der wahre Ausdruck dessen werden, was wir zu sein vermögen, und es besteht nicht länger aus der blinden, immer wiederkehrenden wirren Trübheit jener unzureichenden und unvollkommenen Dinge, die wir waren. Wir haben zu wählen, ob wir in dem alten Durcheinander bleiben wollen, umhertastend und auf irgendeine Entdeckung hoffend, oder ob wir uns loslösen und das innere Licht suchen wollen, bis wir die Gottheit in uns und um uns entdecken und errichten können.
Die Mutter liest eine Notiz über Auroville, die aus der Erinnerung ihrer Worte von einem Schüler abgefasst worden war:
„Auroville wird eine sich selbst versorgende Stadt sein.
Alle, die dort leben, werden an ihrem Leben und ihrer Entwicklung teilnehmen.
Diese Teilnahme kann passiv oder aktiv sein.
Es wird keine Steuern geben, aber jeder wird zum allgemeinen Wohlergehen in Form von Arbeit, Ware oder Geld beitragen. Abteilungen, wie Industrien, die aktiv teilnehmen, werden mit einen Teil ihrer Einkünfte für die Entwicklung der Stadt beitragen. Oder, wenn sie etwas (wie Lebensmittel) erzeugen, das nützlich für die Einwohner ist, werden sie Waren an die Stadt geben, die für die Ernährung der Einwohner verantwortlich ist.
Keine Regeln oder Gesetze werden vorgefasst. Die Dinge werden sich formulieren, so wie die der Stadt zugrundeliegende Wahrheit zum Vorschein kommt und allmählich Form annimmt. Wir werden nicht vorgreifen.“
Ich dachte, ich hätte mehr als das gesagt, denn ich hatte eine Menge gesprochen, innerlich, über die Organisation, die Nahrung und so weiter. Wir werden Versuche machen.
Es gibt Dinge, die wirklich interessant sind. Zunächst möchte ich, zum Beispiel, dass jedes Land seinen Pavillon haben wird, und in diesem Pavillon wird eine Küche des Landes sein, das heißt, die Japaner werden japanisch essen können, wenn sie wollen, und so weiter. Aber in der Stadt selbst wird es Mahlzeiten für Vegetarier und Nichtvegetarier geben, und auch eine Art von Versuch, um die Nahrung der Zukunft zu finden.
All diese Arbeit der Assimilation, die dich so schwerfällig macht – das beansprucht soviel Zeit und Energie –, das sollte vorher getan werden. Man sollte dir etwas geben, das sofort assimiliert werden kann, so wie sie es jetzt machen. Zum Beispiel haben sie Vitaminpillen, die direkt assimiliert werden können, und auch Proteine, nahrhafte Grundlagen, die in diesem oder jenem Ding gefunden werden und die nicht voluminös sind – denn in der Regel man braucht eine riesige Menge an Nahrung, um nur ganz wenig zu assimilieren. Jetzt, da sie in der Chemie sehr bewandert sind, könnte es vereinfacht werden.
Die Leute mögen es nicht, einfach weil sie ein immenses Vergnügen am Essen haben. Sollte man kein Vergnügen mehr am Essen haben, so braucht man trotzdem noch Nahrung, doch ohne Zeit damit zu verlieren. Man verliert ungeheuer viel Zeit, beim Essen, beim Verdauen und bei allem Übrigen. Und dort hätte ich gerne eine Versuchsküche, eine Art kulinarisches Labor, um zu experimentieren. Und die Leute würden hierhin oder dorthin gehen, entsprechend ihrem Geschmack und ihren Neigungen.
Und man bezahlt nicht für das Essen, aber man soll Arbeit oder Material geben. Jene, die zum Beispiel Felder haben, sollten ihre Ernte geben. Jene, die Fabriken haben, sollten ihre Produkte geben, oder man gibt seine Arbeit im Austausch für Nahrung.
Das schafft bereits einen großen Teil des inneren Geldverkehrs ab. Und für alles könnte man ähnliches finden. Grundsätzlich sollte es eine Stadt des Lernens sein, des Lernens und der Forschung, wie man auf einfachere Weise leben kann, und wo die höheren Qualitäten mehr Zeit haben werden, um sich zu entwickeln.
Es ist nur ein kleiner Anfang.
(Dann geht die Mutter Satz für Satz durch den Text:)
„Auroville wird eine sich selbst versorgende Stadt sein.“
Ich möchte darauf bestehen, dass es ein Experiment sein wird, es ist, um Versuche zu machen – Versuche, Forschung, Studien. Auroville wird eine Stadt sein, die versuchen wird oder die dorthin führen wird oder die selbstversorgend sein will, damit ist gemeint…
Autonom?
„Autonom“ wird als eine Art der Unabhängigkeit verstanden, die Verbindungen zu anderen abbricht, und das meine ich nicht.
Jene zum Beispiel, die Nahrungsmittel herstellen, wie „Aurofood“ – natürlich, wenn wir 50000 sein werden, wird es schwierig sein, für die Bedürfnisse aufzukommen, aber im Augenblick sind wir allerhöchstens ein paar tausend –, nun, eine Fabrik stellt immer viel zu viel her, und so wird sie nach draußen verkaufen und Geld erhalten. „Aurofood“ möchte zum Beispiel eine besondere Beziehung mit den Arbeitern haben, nicht das alte System, etwas, das eine Verbesserung des kommunistischen Systems wäre, eine besser ausgeglichene Organisation als das sowjetische System, das heißt, die nicht zu sehr auf einer Seite fehlgeht auf Kosten der anderen.
Und auf eine Sache möchte ich hinweisen: Die Teilnahme am Wohlergehen und am Leben der Stadt ist keine individuell kalkulierte Sache. Jene Person soll so und so viel geben. So ist es nicht. Es wird entsprechend der Mittel, entsprechend der Tätigkeit und den Möglichkeiten der Produktion berechnet. Es ist nicht die demokratische Idee, die alles in gleiche Stücke zerteilt, was eine absurde Maschinerie ist. Es wird entsprechend der Mittel berechnet. Einer, der viel hat, gibt viel, einer, der wenig hat, gibt wenig, einer, der stark ist, arbeitet viel, einer, der nicht stark ist, tut etwas anderes. Nicht wahr, das ist etwas Wahreres, etwas Tieferes. Darum versuche ich nicht, es sofort zu erklären, weil die Leute anfangen würden, alle möglichen Schwierigkeiten zu machen. Es muss sozusagen automatisch entstehen, mit dem Wachsen der Stadt, im wahren Geist. Darum ist diese Notiz äußerst knapp.
Zum Beispiel dieser Satz:
„Alle, die dort leben, werden an ihrem Leben und ihrer Entwicklung teilnehmen.“
Alle, die dort leben werden, werden am Leben der Stadt und an ihrer Entwicklung teilnehmen – entsprechend ihrer Fähigkeiten und ihrer Mittel, nicht mechanisch, so und so viel pro Einheit. Das ist es! Es muss eine lebendige und wahre Sache sein, nicht eine mechanische. Und entsprechend der Fähigkeiten, das heißt, einer, der materielle Mittel hat, wie sie von einer Fabrik bereitgestellt werden, sollte im Verhältnis zur Produktion beitragen, nicht so und so viel pro Person und Kopf.
„Die Teilnahme kann passiv oder aktiv sein.“
Ich weiß nicht, was „passiv“ bedeutet. Ich habe französisch gesprochen, und hier steht es in Englisch. Was kann das bedeuten, „passiv“?… Es wäre eher auf Ebenen oder auf verschiedenen Stufen des Bewusstseins.
Du wolltest sagen, dass jene, die „weise“ sind, die innerlich arbeiten, brauchen nicht…
Ja, das ist es. Jene, die ein höheres Wissen besitzen, brauchen nicht mit ihren Händen zu arbeiten, das wollte ich sagen.
„Es wird keine Steuern geben, aber jeder wird zum allgemeinen Wohlergehen durch Arbeit, Ware oder Geld beitragen.“
Nun, das ist klar: Es wird keine Steuern geben, keine Abgaben, aber jeder sollte zum allgemeinen Wohlergehen durch seine Arbeit, seine Ware oder sein Geld beitragen. Jene, die nichts anderes als Geld haben, werden Geld geben. Aber „Arbeit“, um wahr zu sprechen, kann eine innere Arbeit sein – aber das darf nicht gesagt werden, weil die Leute nicht ehrlich genug sind –, die Arbeit kann eine okkulte, gänzlich innere Arbeit sein, aber dazu muss sie völlig aufrichtig und wahr sein und mit der Fähigkeit dazu, keine Vorspiegelung. Aber es ist nicht unbedingt eine materielle Arbeit.
„Abteilungen, wie Industrien, die aktiv teilnehmen, werden mit einen Teil ihrer Einkünfte für die Entwicklung der Stadt beitragen. Oder, wenn sie etwas (wie Lebensmittel) erzeugen, das nützlich für die Einwohner ist, werden sie Waren an die Stadt geben, die für die Ernährung der Einwohner verantwortlich ist.“
Das haben wir gesagt. Die Industrien werden aktiv teilnehmen, sie werden beisteuern. Wenn es Industrien sind, die Dinge herstellen, die keine Verbrauchsgüter sind und deshalb in zu großer Menge oder Anzahl für den Verbrauch in der Stadt da sind, werden sie nach draußen verkaufen und sollten sich natürlich durch Geld beteiligen. Ich nehme Lebensmittel als Beispiel. Jene, die Nahrungsmittel herstellen, werden das, was sie herstellen, an die Stadt geben, natürlich entsprechend ihrer Produktion, und die Stadt ist für die Ernährung aller verantwortlich. Das bedeutet, dass man die Nahrung nicht mit Geld zu kaufen braucht, aber man muss sie sich verdienen.
Es ist eine Art Adaption des kommunistischen Systems, aber nicht im Geiste von Nivellierung. Entsprechend der Fähigkeit, der Position – nicht psychologisch oder intellektuell – entsprechend der inneren Stellung jedes Einzelnen.
Es ist wahr, dass materiell jedes menschliche Wesen das Recht hat – aber es ist kein „Recht“… Die Organisation sollte so eingerichtet sein, dass die materiellen Bedürfnisse eines jeden gesichert sind, nicht entsprechend der Ideen von Recht und Gleichheit, sondern auf der Grundlage der elementarsten Notwendigkeiten. Und ist dies einmal gesichert, wird jeder frei sein, sein Leben zu gestalten, nicht entsprechend seiner Geldmittel, sondern entsprechend seiner inneren Fähigkeiten.
„Keine Regeln oder Gesetze werden vorgefasst. Die Dinge werden sich formulieren, sowie die grundlegende Wahrheit der Stadt zum Vorschein kommt und allmählich Form annimmt. Wir werden nicht vorgreifen.“
Was ich sagen will, ist, dass gewöhnlich – bisher immer und in zunehmendem Maße – die Menschen mentale Regeln entsprechend ihren Anschauungen und Idealen aufgestellt und dann angewendet haben (die Mutter drückt ihre Faust nach unten, wie um die Welt unter der Faust des Mentals zu zeigen), und das ist absolut falsch, es ist willkürlich, es ist unwirklich und führt dazu, dass sich die Dinge dagegenstellen oder dahinwelken und vergehen. Es ist die Erfahrung des Lebens selbst, die allmählich Regeln ausarbeiten sollte, so biegsam und so weit wie möglich, damit sie sich immer weiterentwickeln können. Nichts sollte fixiert sein.
Das ist der große Irrtum der Regierungen: Man macht einen Rahmen und sagt, so, wir haben das aufgestellt und müssen danach leben, und natürlich erdrückt man das Leben. Man hindert es am Fortschritt. Es muss das Leben selbst sein, das sich mehr und mehr fortschreitend auf das Licht, das Wissen und die Kraft hinentwickelt, welches nach und nach die Regeln so allgemein wie möglich aufstellen sollte, damit sie äußerst beweglich bleiben, den Wandlungen der Bedürfnisse entsprechend und fähig, sich so schnell wie die Gewohnheiten und Notwendigkeiten zu verändern.
Das Problem reduziert sich letztlich darauf: die mentale Regierung der Intelligenz durch die Regierung eines spiritualisierten Bewusstseins zu ersetzen.
So sollte das Leben in Auroville organisiert werden, aber ich bezweifle, dass die Leute dazu bereit sind.
Das heißt, dass es so lange möglich ist, wie sie die Führung eines Weisen akzeptieren?
Ja, die erste Sache, die alle akzeptieren und anerkennen sollten, ist, dass die unsichtbare und höhere Macht – das heißt, die Macht, die einer Bewusstseinsebene angehört, die größtenteils verhüllt ist, die aber in jedem ist, ein Bewusstsein, das man auf jede Art und Weise, mit jedem Namen, gleichgültig welchem, benennen kann, das aber ganzheitlich und rein ist, und zwar in dem Sinn, dass es nicht falsch ist, es ist in der Wahrheit –, dass diese Macht in der Lage ist, die materiellen Dinge auf eine viel wahrere, glücklichere und heilsamere Weise für alle zu verwalten als irgendeine materielle Macht. Das ist der erste Punkt. Wenn man sich einmal darüber geeinigt hat…
Und es ist keine Sache, die zu haben man vortäuschen kann. Niemand kann vortäuschen, sie zu haben. Entweder man hat sie oder man hat sie nicht, denn (lachend) wenn es eine Vortäuschung ist, wird sie bei jeder Gelegenheit des Lebens offenbar werden! Und darüber hinaus gibt sie dir keine materielle Macht. Auch hier hat X gesagt: Jene – er sprach von der wahren Hierarchie, die genau im Verhältnis zu der Bewusstseinskraft eines jeden steht –, er oder sie, die an ihrer Spitze stehen, brauchen notwendigerweise am wenigsten für ihr Leben. Ihre materiellen Bedürfnisse verringern sich in dem Maße, in dem ihre Fähigkeit der materiellen Vision zunimmt. Und das ist absolut wahr. Es ist automatisch und spontan, es ist nicht das Ergebnis einer Bemühung: Je weiter das Bewusstsein ist und je mehr es die Dinge umschließt, desto geringer sind die materiellen Bedürfnisse, automatisch, denn sie verlieren all ihre Wichtigkeit und ihren Wert. Die materiellen Bedürfnisse sind auf ein Mindestmaß beschränkt, und auch diese werden sich mit der fortschreitenden Entwicklung der Materie verändern.
Und das ist einfach zu erkennen, nicht wahr. Es ist schwierig, das zu spielen.
Und die zweite Sache ist die Überzeugungskraft. Das heißt, dass das höchste Bewusstsein, mit der Materie in Verbindung gebracht, spontan eine größere Überzeugungskraft als alle Zwischenregionen hat. Durch einfache Berührung ist seine Überzeugungskraft, seine Umwandlungskraft größer als die aller Zwischenregionen. Das ist eine Tatsache. Diese beiden Tatsachen machen es unmöglich, dass irgendeine Vortäuschung dauerhaft sein kann. Ich betrachte die Sache vom Standpunkt einer kollektiven Organisation.
Sobald man von dieser erhabensten Höhe herabsteigt, gibt es das ganze Spiel der verschiedenen Einflüsse (Geste der Vermischung und des Konflikts), und das genau ist ein sicheres Zeichen: Auch nur ein geringes Herabsteigen – selbst in einen Bereich des höheren Mentals, der höheren Intelligenz –, und der ganze Konflikt der Einflüsse beginnt. Nur das, was ganz oben steht, mit einer vollkommenen Reinheit, hat diese Macht spontaner Überzeugung. Darum ist alles, das man unternimmt, um dies zu ersetzen, eine Annäherung und nicht viel besser als Demokratie, das heißt, das System, das durch die größte Anzahl und die niederste Ebene regieren will – ich spreche von sozialer Demokratie, dem neuesten Trend.
Wenn der Repräsentant des höchsten Bewusstseins nicht vorhanden ist – das kann vorkommen, nicht wahr –, wenn keiner da ist, könnte man ihn – es wäre ein Versuch – durch die Regierung einer kleinen Anzahl Menschen, festgelegt zwischen vier bis acht, ersetzen, etwas dieser Art, vier, sieben oder acht – mit einer intuitiven Intelligenz. „Intuitiv“ ist bedeutsamer als „Intelligenz“: Eine Intuition, die intellektuell ausgedrückt ist.
Das hätte vom praktischen Standpunkt her gesehen Nachteile, würde aber der Wahrheit vielleicht näherkommen als die unterste Stufe: Sozialismus oder Kommunismus. Alle Zwischenstufen haben sich als unfähig erwiesen: Theokratische Regierungen, aristokratische, demokratische und plutokratische Regierungen. Sie alle waren ein völliger Fehlschlag.
Die andere ist auch dabei, ihr Versagen zu beweisen, die sozialistische und kommunistische Regierung. Im Grunde entsprechen beide, Sozialismus und Kommunismus, einer Art Nichtvorhandensein von Regierung, denn sie haben nicht die Macht, andere zu regieren. Sie sind gezwungen, ihre Macht auf jemanden zu übertragen, der die Macht ausübt, einen Lenin zum Beispiel, denn er war ein Kopf. Aber all das wurde versucht und hat seine Unfähigkeit bewiesen. Die einzige Sache, die kompetent sein könnte, ist das Wahrheits-Bewusstsein, das seine Instrumente wählen und sich durch eine gewisse Anzahl von Instrumenten ausdrücken würde, wenn es nicht einen gibt – „einer“ ist auch nicht ausreichend, „einer“ müsste sich gezwungenermaßen eine Gruppe auswählen.
Und jene, die dieses Bewusstsein besitzen, können jeder Gesellschaftsklasse angehören. Es ist kein Privileg, das man von Geburt hat, sondern das Ergebnis einer Bemühung und einer persönlichen Entwicklung. Das genau ist ein äußeres Zeichen, ein sicheres Zeichen einer Wandlung, vom politischen Standpunkt, dass es nicht mehr um Klassen, Einstufungen und Geburt geht. All das ist überholt. Es sind jene, die ein höheres Bewusstsein erreicht haben, die das Recht haben zu regieren – niemand anders – welcher Klasse auch immer sie angehören.
Das wäre die wahre Vision.
Aber dazu müssen alle, die an dem Versuch teilnehmen, vollständig davon überzeugt sein, dass das höchste Bewusstsein der beste Richter über die materiellen Dinge ist. Was Indien ruiniert hat, ist die Vorstellung, dass das höhere Bewusstsein sich mit höheren Dingen abgibt und an den niederen Dingen keinerlei Interesse hat und dass es davon auch nichts versteht! Das war der Ruin Indiens. Nun, dieser Irrtum muss vollständig abgeschafft werden. Es ist das höchste Bewusstsein, das am klarsten sieht – am klarsten und am wahrsten –, was den materiellen Dingen am meisten nottut.
Damit könnte eine neue Regierungsart ausprobiert werden.
Welche politische Organisation wünschst du dir für Auroville?
Mir kommt eine erheiternde Definition: Eine göttliche Anarchie. Aber die Welt wird es nicht verstehen. Die Menschen müssen sich ihres seelischen Wesens bewusst werden und sich spontan, ohne festgelegte Regeln und Gesetze, organisieren. Das ist das Ideal.
Dazu muss man in Verbindung mit seinem seelischen Wesen sein, man muss durch es geführt werden. Die Autorität und der Einfluss des Ego müssen verschwinden.
Auroville möchte eine neue Schöpfung sein, die ein neues Bewusstsein auf eine neue Weise und entsprechend neuer Methoden ausdrückt.
Das Auroville Symbol
(Am 16.8.1971 fertigte die Mutter eine Skizze des neuen Symbols von Auroville an. Am 24.8.71 wurde die Reinzeichnung der Mutter gezeigt und von ihr gutgeheißen. Für die Bedeutung gab sie folgende Erklärung)
Der Punkt in der Mitte stellt die Einheit dar, der Höchste. Der innere Kreis stellt die Schöpfung dar, die Konzeption der Stadt. Die Abschnitte stellen die Kraft des Ausdrucks dar, die Verwirklichung.
Die Charta von Auroville
1. Auroville gehört, niemandem im besonderen. Auroville gehört der ganzen Menschheit.
Aber um in Auroville zu leben, muss man der bereitwillige Diener des Göttlichen Bewusstseins sein.
2. Auroville wird der Ort einer nicht endenden Erziehung, ständigen Fortschritts und einer nie alternden Jugend sein.
3. Auroville möchte die Brücke zwischen der Vergangenheit und der Zukunft sein.
Durch Nutzung aller äußeren und inneren Entdeckungen wird Auroville kühn zukünftigen Verwirklichungen entgegen schreiten.
4. Auroville wird der Platz materieller und spiritueller Forschung für eine lebendige Verkörperung einer wirklichen menschlichen Einheit sein.
Grüße aus Auroville an alle Menschen guten Willens.
All jene sind nach Auroville eingeladen, die nach Fortschritt dürsten und nach einem höheren und wahreren Leben streben.
1 Auszug aus “A Dream”, einem Essay der Mutter