Kapitel 2

Die Unwissenheit ablegen, in das Wissen eintreten

Worte Sri Aurobindos

Der Zweck, um dessentwillen diese ganze, von uns als Unwissenheit bezeichnete ausschließende Konzentration notwendig ist, besteht darin, des Zyklus des Vergessens des Selbstes und der Entdeckung des Selbstes zu durchlaufen. Aus Freude an ihm wurde die Unwissenheit von dem verborgenen Geist in der Natur angenommen. Zwar ist es nicht so, dass die ganze kosmische Manifestation andernfalls unmöglich geworden wäre. Sie würde aber von der Manifestation, in der wir leben, ganz verschieden sein. Sie würde auf die höheren Welten des göttlichen Seins oder auf einen sich nicht entwickelnden Typen-Kosmos beschränkt bleiben, wo jedes Wesen im vollen Licht des Gesetzes seiner eigenen Natur lebt. Unsere umgekehrte Manifestation, dieser Zyklus einer Evolution, wäre unmöglich. Was hier das Ziel einer Entwicklung ist, wäre dort ewiger Zustand. Was hier eine Stufe ist, wäre der stets andauernde Typus des Seins. Sachchidananda steigt deshalb in das materielle Nichtwissen hinab und legt seine phänomenale Unwissenheit als eine äußere Maske an, um sich in den scheinbaren Gegensätzen seines Wesens und seiner Natur selbst wiederzufinden. In dieser Maske verbirgt sich Sachchidananda vor seiner eigenen bewussten Kraft und lässt sie selbstvergessen und in ihre Formen und Werke versunken sein. In diesen Formen muss die langsam erwachende Seele das phänomenale Wirken einer Unwissenheit akzeptieren, die in Wirklichkeit ein Wissen ist, das fortschreitend aus dem ursprünglichen Nichtwissen erwacht. In den neuen Umständen, die durch diese Methoden des Wirkens geschaffen werden, muss die Seele sich selbst entdecken und durch dieses Licht in göttlicher Weise das Leben umwandeln, das sich so abmüht, den Zweck des Herniederkommens von Sachchidananda in die Nichtbewusstheit zu erfüllen. Der Zweck dieses kosmischen Zyklus liegt nicht darin, dass die Seele so rasch wie möglich zu den Himmeln, wo vollkommenes Licht und Freude ewig sind, oder zur suprakosmischen Seligkeit zurückkehrt. Sie soll auch nicht nur einen ziellosen Rundlauf in einer langen, unbefriedigenden Bahn der Unwissenheit durchlaufen, die nach Wissen sucht und es doch nie vollkommen findet. In diesem Fall wäre die Unwissenheit entweder ein unerklärlicher Missgriff des All-Bewussten oder eine gleichfalls unerklärliche leidvolle und sinnlose Notwendigkeit. Vielmehr scheint es das wahre Ziel der Geburt der Seele in einem menschlichen Körper und des Ringens der Menschheit in der Reihe ihrer Zyklen zu sein, das Ananda des Selbsts unter anderen als den suprakosmischen Bedingungen im kosmischen Wesen zu verwirklichen und seinen Himmel von Freude und Licht gerade in den Gegensätzen zu finden, die durch die Bedingungen eines verkörperten materiellen Daseins geboten werden, also durch Kampf empor zur Freude der Entdeckung des Selbstes. Die Unwissenheit ist eine notwendige, wenn auch völlig untergeordnete Bedingung, die sich das universale Wissen selbst auferlegt hat, damit diese Bewegung ermöglicht würde. Sie ist keine Fehlleistung, kein Fall, sondern ein beabsichtigtes Herniederkommen. Sie ist kein Fluch, sondern eine gottgewollte Möglichkeit. So scheint dem Geist, der in das materielle Universum hineingeboren wurde, aufgegeben zu sein, die All-Seligkeit in der intensiven Fülle ihrer Vielfalt zu finden und zu verkörpern; eine Möglichkeit des unendlichen Seins zu verwirklichen, die unter anderen Bedingungen nicht erlangt werden konnte; aus der Materie einen Tempel der Gottheit zu machen.

Die Unwissenheit ist, wie wir sehen, nicht in der verborgenen Seele, sondern in der äußeren Prakriti. Sie gehört auch nicht zum Ganzen dieser Prakriti – das kann nicht sein, da Prakriti das Wirken des All-Bewussten ist –, vielmehr tritt sie in einer bestimmten Entwicklung aus ihrer ursprünglichen Vollständigkeit von Licht und Macht hervor. Wo findet diese Entwicklung statt, in welchem Prinzip des Seienden liegt die Möglichkeit für ihr Erscheinen und wo ihr Ausgangspunkt? Gewiss nicht im unendlichen Sein, im unendlichen Bewusstsein, in der unendlichen Seligkeit, in diesen höchsten Ebenen des Seins, aus denen sich alles Übrige herleitet oder in diese dunklere vieldeutige Manifestation herabkommt. Dort kann sie keinen Raum haben. Auch nicht im Supramental. Denn im Supramental sind das unendliche Licht und dessen Macht immer, selbst in den endlichsten Wirkensweisen, gegenwärtig; dort umfasst das Bewusstsein der Einheit das Bewusstsein der Verschiedenheit. Erst in den Ebenen des Mentals wird es möglich, dieses wirkliche Bewusstsein des Selbsts zurückzudrängen. Denn das Mental ist jene Macht des bewussten Wesens, die die Unterschiede hervorbringt. Es bewegt sich auf der Linie der Differenzierung, wobei der Sinn für die Verschiedenheit überwiegt und charakteristisch ist, dagegen der Sinn für die dahinterstehende Einheit nicht ausgeprägt, nicht der eigentliche Stoff seines Wirkens ist. Wenn durch irgendein Ereignis dieser tragende Sinn von Einheit zurückgezogen wird – das Mental besitzt ihn nicht aus eigenem Sonderrecht, sondern nur, weil es das Supramental hinter sich hat, weil es das Licht des Supramentals reflektiert, dessen abgeleitete und sekundäre Macht es ist, – und wenn ein Vorhang zwischen Mental und Supramental niederfällt, der das Licht der Wahrheit ausschließt oder es nur in diffusen, entstellt und zerteilt reflektierten Strahlen durchlässt, tritt das Phänomen der Unwissenheit hervor. Die Upanishad sagt, es besteht solch ein Vorhang. Er wird durch das Wirken des Mentals selbst gebildet. Im Obermental sei ein goldener Verschluss, der das Angesicht der supramentalen Wahrheit verbirgt, nur ihr Abbild reflektiert. Im Mental werde das zu einer noch weniger durchlässigen, rauchig-hellen Bedeckung. Diese Wirkung kommt vom völligen Versunkensein des Mentals beim Herabblicken auf die Verschiedenheit, das seine charakteristische Bewegung ist, in der es so sehr von der höchsten Einheit, die diese Verschiedenheit zum Ausdruck bringt, wegschaut, bis es völlig vergisst, sich an die Einheit zu erinnern und bei ihr Hilfe zu suchen. Trotzdem unterstützt die Einheit auch dann das Mental und macht seine Aktivitäten möglich. Aber die absorbierte Energie wird sich ihres eigenen Ursprungs nicht bewusst und nimmt ihr größeres, wirkliches Licht nicht wahr. Da das Mental den Ursprung vergisst, dem es entstammt, weil es ganz in die Wirkensweisen der gestaltenden Energie versunken ist, identifiziert es sich auch so stark mit dieser Energie, dass es sogar den Halt am eigenen Selbst verliert. In einer Trance von Wirken vergisst es völlig sein Selbst; doch unterstützt dieses es immer weiter in seiner schlafwandlerischen Aktivität, auch wenn das Mental sich dessen nicht mehr bewusst ist. Die letzte Stufe des Herniederkommens des Bewusstseins ist ein abgrundtiefer Schlaf, eine unergründliche Trance des Bewusstseins, die die tiefste Grundlage des Wirkens der materiellen Natur ist.

Wenn wir von einer partiellen Bewegung der Bewusstseins-Kraft sprechen, die in ihren Formen und Aktivitäten in ein begrenztes Feld ihres Wirkens versunken ist, müssen wir bedenken, dass das noch keine wirkliche Zerteilung ihrer Vollständigkeit bedeutet. Wenn sie so ihre anderen Seiten in den Hintergrund stellt, hat das nur die Wirkung, dass sie dieses ihr Übriges zugunsten der im Vordergrund unmittelbar aktiven Energie in dem begrenzten Feld vor deren Bewegung verbirgt, aber nicht aus dem Wirkungsfeld ausschließt. Tatsächlich ist die integrale Kraft da, wenn auch durch die Nichtbewusstheit verschleiert. Diese integrale Kraft leistet, vom vollständigen Selbst-Wesen durch dessen vordergründige Energie unterstützt, das gesamte Wirken und wohnt in allen Gestaltungen, die durch diese Bewegung erschaffen werden. Es ist auch zu beachten, dass, um die Hülle der Unwissenheit zu entfernen, die bewusste Kraft des Wesens in uns eine umgekehrte Aktion ihres Vermögens zu ausschließender Konzentration verwendet: Sie legt die vordergründige Bewegung von Prakriti im individuellen Bewusstsein still und konzentriert sich ausschließlich auf das verborgene innere Wesen, auf das Selbst oder auf das wahre innere seelische oder mentale oder vitale Wesen, auf den Purusha, um die bewusste Kraft zu enthüllen. Wenn sie dies geleistet hat, braucht sie nicht mehr in der entgegengesetzten Ausschließlichkeit zu verharren. Sie kann wieder ihr integrales oder ihr globales Bewusstsein annehmen, das sowohl das Wesen des Purusha wie das Wirken von Prakriti, die Seele und ihre Instrumente, das Selbst und die Dynamik der Selbst-Macht, atmashakti, einschließt. Dann kann sie ihre Manifestation mit höherem Bewusstsein umfassen, das frei ist von der vorhergehenden Einschränkung und frei von den Folgen der Tatsache, dass die Natur den in ihr wohnenden Geist vergessen hatte. Sie kann aber auch alles Wirken, das sie manifestiert hat, zur Ruhe bringen, sich auf der höheren Ebene des Selbsts und der Natur konzentrieren, das Wesen auf diese Höhe emporheben und die Mächte dieser höheren Ebene herniederbringen, um die vorhergehende Manifestation umzuwandeln. Alles, was so transformiert ist, bleibt noch in sie einbezogen, aber nun in einer neuen und größeren Selbst-Schöpfung als Teil der höheren Dynamik und ihrer höheren Werte. Das kann eintreten, wenn die Bewusstseins-Kraft sich in unserem Wesen dafür entscheidet, ihre Evolution von der mentalen auf die supramentale Ebene emporzuheben. In jedem Fall ist es tapas, das dabei wirksam ist. Es schafft aber in unterschiedlicher Art je nach der Sache, die getan werden muss, im Einklang mit dem vorausbestimmten Prozess, seiner Dynamik und der Selbst-Entfaltung des Unendlichen.

Man mag aber, gerade wenn dies der Mechanismus der Unwissenheit ist, immer noch fragen, ob es nicht ein Geheimnis bleibt, wie der All-Bewusste, wenn auch nur in einer partiellen Aktion seiner bewussten Energie, gerade zu dieser vordergründigen Unwissenheit und Nichtbewusstheit gelangen konnte. Unter diesen Umständen wäre es der Mühe wert, den exakten Ablauf dieses Mysteriums, seine Art, seine Grenzen festzustellen, damit wir nicht dadurch verwirrt und vom wirklichen Zweck, dem es dient, und von dem Vorteil, den es uns bietet, abgelenkt werden. Aber das Mysterium ist eine Fiktion des zerteilenden Intellekts, der, weil er einen logischen Gegensatz zwischen zwei Auffassungen erschafft, meint, es bestehe eine wirkliche Opposition zwischen den beiden beobachteten Fakten, und darum sei es unmöglich, dass beide nebeneinander existieren und miteinander geeint sein könnten. Die Unwissenheit ist, wie wir gesehen haben, in Wirklichkeit eine Macht des Wissens, sich selbst zu begrenzen und auf das vorliegende Werk zu konzentrieren. Diese ausschließende Konzentration in der Praxis verhindert nicht die volle Existenz und das Wirken des ganzen bewussten Wesens im Hintergrund. Vielmehr ist es ein Wirken unter den vom Selbst gewählten und der Natur auferlegten Bedingungen. Alle bewusste Selbst-Begrenzung ist eine Macht, die ihrem besonderen Zweck dient; sie ist keine Schwäche. Alle Konzentration ist eine Kraft bewussten Wesens, keine Unfähigkeit. Es ist wahr, dass das Supramental, obwohl es zu einer vollständigen, allumfassenden, vielfältigen, unendlichen Selbst-Konzentration fähig ist, diese zerteilt und begrenzt. Es ist ebenso wahr, dass es auch verkehrte, partielle und insofern falsche oder nur halb-wahre Werte der Dinge erschafft. Wir haben aber den Zweck der Begrenzung und dieser teilweisen Entfaltung des Wissens eingesehen. Wenn wir den Zweck zugegeben haben, müssen wir auch die Macht, ihn zu erfüllen, in der absoluten Kraft des absoluten Wesens anerkennen. Diese Macht zur Selbst-Begrenzung für ein besonderes Wirken ist nicht nur nicht mit der absoluten bewussten Kraft jenes Wesens unvereinbar, sie ist vielmehr gerade eine der Mächte, deren Existenz wir unter den vielfältigen Energien des Unendlichen erwarten sollten.

In Wirklichkeit wird das Absolute nicht dadurch eingegrenzt, dass es in sich selbst einen Kosmos relativer Beziehungen hervorbringt. Das ist das natürliche Spiel des Wesens, des Bewusstseins, der Kraft und der Selbst-Seligkeit seiner Absolutheit. Der Unendliche wird dadurch nicht begrenzt, dass es in sich eine unendliche Reihe endlicher Phänomene erschafft, die untereinander ihre Kräfte spielen lassen. Vielmehr bringt es so auf natürliche Weise sein Selbst zum Ausdruck. Der Eine ist durch seine Begabung zur Vielfalt, in der er auf verschiedene Art sein eigenes Wesen genießt, nicht begrenzt. Vielmehr ist das ein Teil der wahren Darstellung eines Unendlichen, das etwas ganz anderes ist als eine starre, endliche und begriffliche Einheit. So besitzt auch die Unwissenheit, wenn wir sie als Macht einer vielfältig in sich selbst versunkenen und sich selbst begrenzenden Konzentration des bewussten Wesens ansehen, eine natürliche Fähigkeit zur Variation in dessen selbst-bewusstem Wissen und ist so eines der möglichen relativen Kräfteverhältnisse des Absoluten in seiner Manifestation, des Unendlichen in seiner Reihe endlicher Wirkensweisen, des Einen in der Freude seines Selbsts an den Vielen. Das eine Extrem dieser Fähigkeit seines Bewusstseins ist die Macht, durch völliges Versunkensein in sein Selbst der Welt gegenüber unbewusst zu werden, die jedoch zugleich im Seienden fortdauert. Das umgekehrte Extrem ist die Macht, durch völliges Aufgehen in den kosmischen Wirkensweisen unwissend zu werden in Bezug auf das Selbst, das jedoch alle Zeit diese Wirkensweisen weiter trägt und erhält. Keine dieser Fähigkeiten begrenzt aber in Wirklichkeit das integrale selbstbewusste Sein von Sachchidananda, das erhaben über diesen beiden scheinbaren Gegensätzen steht. Gerade in ihrer Gegensätzlichkeit helfen sie dazu, das Unausdrückbare auszudrücken und zu manifestieren.