Kapitel 2
Die Ebenen und Teile des Wesens
Worte Sri Aurobindos
Die Menschen wissen nichts von sich und haben nicht gelernt, die verschiedenen Teile ihres Wesens zu unterscheiden. Diese werden von ihnen meist unter dem Begriff ihres Mentals zusammengefasst und in einen Topf geworfen, da sie diese mit Hilfe eines mentalen Wahrnehmens und Verstehens erkennen oder fühlen. Aus diesem Grunde begreifen sie ihre eigene Verfassung und ihre eigenen Taten nicht oder aber – wenn überhaupt – nur oberflächlich. Es gehört zur Grundlage dieses Yoga, sich der großen Kompliziertheit unserer Natur bewusst zu werden, die verschiedenen Kräfte, die sie bewegen, zu erkennen und über sie die Kontrolle eines lenkenden Wissens zu erlangen. Wir bestehen aus vielen Teilen – unserem Denken und Willen, unserer Wahrnehmung, unserem Gefühl und Handeln –, doch wir erkennen weder die Herkunft noch den Weg, den diese Impulse in uns einschlagen, und gewahren lediglich ihre verworrenen und durcheinandergewürfelten Folgen an der Oberfläche, denen wir bestenfalls eine unsichere und wechselhafte Ordnung auferlegen können.
Eine Hilfe sind uns allein jene Teile des Wesens, die bereits dem Lichte zugewandt sind. Dieses Licht des Göttlichen Bewusstseins von darüber zu rufen, das seelische Wesen hervortreten zu lassen und eine Flamme des Strebens zu entfachen, die das nach außen gewandte Mental spirituell erweckt und das vitale Wesen entzündet, das ist der Ausweg.
Worte Sri Aurobindos
In diesem Prozess wird uns schon auf einer seiner frühen Stufen deutlich, dass das, was wir von uns kennen, unser gegenwärtiges bewusstes Dasein, nur eine repräsentative Gestaltung, eine oberflächliche Aktivität und das sich wandelnde äußerliche Ergebnis einer riesigen Masse verborgenen Daseins ist. Unser sichtbares Leben und die Wirkensweisen dieses Lebens sind nichts anderes als eine Reihe bedeutungsvoller Ausdrucksformen von etwas ganz anderem. Was dieses Leben hier zum Ausdruck zu bringen sucht, liegt nicht an der Außenseite. Unsere Existenz ist etwas viel Umfassenderes als das sichtbare Vordergrundwesen, für das wir uns halten und das wir auch meist unserer Umwelt darbieten. Dieses äußerliche Wesen im Vordergrund ist ein verworrenes Gemisch von mentalen Formationen, Lebensvorgängen und physischen Funktionen, deren Geheimnis selbst durch eine erschöpfende Analyse der sie zusammensetzenden Teile und ihres Mechanismus nicht geoffenbart werden kann. Nur wenn wir dahinter, in seine Tiefen und hoch über es hinaus in die verborgenen Bereiche unseres Wesens eindringen, können wir es erkennen. Selbst die gründlichste und scharfsinnigste Erforschung unserer Außenwelt und deren geschickte Handhabung kann uns nicht das wahre Verständnis oder die völlig wirksame Kontrolle über unser Leben, seine Zwecke und Wirkensweisen verschaffen. Dieses Unvermögen ist tatsächlich die Ursache dafür, dass die Vernunft, die Moralität und jede andere äußerliche Betätigung versagen, wenn sie das Leben der Menschheit kontrollieren, befreien und vervollkommnen wollen. Denn wir haben unterhalb selbst unseres dunkelsten physischen Bewusstseins noch ein unterbewusstes Wesen, in dem sich, wie unter der Decke eines nährenden Bodens, alle Arten verborgener Saaten befinden, die, für uns unerklärlich, in unserer äußeren Natur aufgehen. In diesen Boden säen wir ständig neuen Samen, der unsere Vergangenheit weiter fortdauern lässt und unsere Zukunft beeinflussen wird. Dieses unterbewusste Wesen, das dunkel, in seinen Regungen kleinlich, launisch und in beinahe phantastischem Grad unterrational ist, übt jedoch eine ungeheure Macht über das Erdenleben aus. Andererseits befindet sich hinter der Schwelle und oberhalb unseres Mentals, unseres Lebens und unseres bewussten physischen Wesens ein umfassendes subliminales Bewusstsein. Dort sind innere mentale, innere vitale und innere subtilere physische Bereiche, die durch eine innerste seelische Existenz getragen und genährt werden. Diese ist die alle Schichten unseres Wesens miteinander verbindende Seele. Auch in diesen verborgenen Bereichen liegt eine Masse zahlreicher präexistenter Personalitäten verborgen, die das Material, die Motivkräfte und Impulse für unsere sich an der Oberfläche entfaltende Existenz liefern. Zwar gibt es in jedem von uns hier eine einzige zentrale Person, aber wir tragen auch eine Masse untergeordneter Personalitäten in uns, die durch die vergangene Geschichte der Manifestation dieser zentralen Person oder durch deren auf den inneren Ebenen hinterlassenen Eindrücke geschaffen wurden. Sie alle unterstützen ihr gegenwärtiges Kräftespiel in diesem äußeren materiellen Kosmos. Während wir in unserem äußeren Dasein von unserer Umgebung abgeschlossen sind (denn ein äußerliches Mental und ein Sinnen-Kontakt vermitteln unserer Umwelt nur wenig von uns und uns nur wenig aus unserer Umwelt), ist in jenen inneren Bereichen die Scheidewand zwischen uns und dem übrigen Dasein dünn und leicht zu durchbrechen. Dort können wir unmittelbar die Wirkensweisen der geheimen Weltkräfte, der Mentalkräfte, Lebenskräfte und subtilen physischen Kräfte spüren, die das universale und individuelle Dasein konstituieren. Wir brauchen sie nicht nur aus ihren Resultaten zu erschließen, sondern wir empfinden sie unmittelbar. Ja, wir werden, wenn wir uns dazu trainieren, diese Weltkräfte, die auf uns und unsere Umgebung eindringen, immer mehr in unsere Macht bekommen, sie immer besser beherrschen oder mindestens ihre Einwirkung auf uns und andere, ihre Gestaltungen und eigentlichen Abläufe stark umformen können. Oberhalb unseres menschlichen Mentals gibt es aber noch größere Bereiche, die für es überbewusst sind. Aus diesen kommen insgeheim Einflüsse, Mächte und Druckwirkungen, die eigentlich die bestimmenden Faktoren für die Dinge hier unten sind. Könnten wir sie in ihrer Fülle herniederrufen, dann würden sie die ganze Gestaltung und Ökonomie des Lebens im materiellen Universum verändern. Die Göttliche Kraft, die an uns arbeitet, offenbart uns diese latente Erfahrung und dieses verborgene Wissen in steigendem Maße, wenn wir uns im Integralen Yoga immer mehr für sie öffnen. Sie benutzt die Ergebnisse und verwendet sie als Mittel und Stufen für eine Transformation unseres Wesens und unserer Natur. Von nun ab ist unser Leben nicht mehr nur eine an der Oberfläche dahinströmende kleine Welle. Vielmehr durchdringt es sich gegenseitig mit dem kosmischen Leben, wenn es nicht sogar mit diesem zusammenfällt. Unser Geist und unser Selbst erhebt sich nicht nur zu innerer Identität mit einem weiten kosmischen Selbst, sondern es kommt auch in Kontakt mit dem, was zwar jenseits, aber dennoch der Aktion im Universum bewusst ist und über sie herrscht.
So kommt im Yoga die Göttliche Shakti durch eine Integralisierung unseres zertrennten Wesens zu ihrem Ziel. Unsere Befreiung, Vervollkommnung und Meisterschaft hängt von dieser Integralisierung ab, da die kleine Welle an der Oberfläche nicht einmal ihre eigene Bewegung kontrollieren und noch viel weniger eine wahre Herrschaft über das ungeheure Leben ihrer Umgebung auszuüben vermag. Die Shakti, die Macht des Unendlichen und Ewigen, kommt in unser Inneres herab. Sie arbeitet in uns, zerbricht unsere gegenwärtigen psychischen Formationen, zerstört jedwede Umwallung, weitet uns aus, befreit uns und schenkt uns immer mehr neue größere Kräfte der Vision, Ideenbildung und Wahrnehmung. Sie verleiht uns stets von neuem größere Lebensmotive. Sie weitet die Seele und ihre Instrumente aus und gestaltet sie immer neu um. Sie hält uns jede Unvollkommenheit vor, um diese zu richten und zu zerstören. Sie gibt uns den Zugang zu einer höheren Vollkommenheit und leistet in einer kurzen Periode das Werk vieler Lebensabläufe und Zeitalter. So vollziehen sich in uns ständig neue Geburten, und neue Ausblicke eröffnen sich. Expansiv in ihrem Wirken, befreit sie das Bewusstsein von seiner Gefangenschaft im Körper. Im Trancezustand, im Schlaf und sogar im Wachen kann es ihn verlassen. Es kann sich in andere Welten oder in andere Regionen dieser Welt versetzen, dort wirken und seine Erfahrung mit sich zurückbringen. Wenn es sich ausdehnt, fühlt es den Körper nur noch als einen kleinen Teil seiner selbst. Das Bewusstsein wird immer mehr zum Behältnis für den Körper, der es früher in sich eingeschlossen hatte. So erlangt es das kosmische Bewusstsein und dehnt sich so weit aus, dass es mit dem Universum gleichen Umfangs wird. Es erkennt jetzt die Kräfte, die sich hier in der Welt auswirken, direkt von innen her und nicht mehr lediglich durch äußere Beobachtung. Es fühlt ihre Bewegung, unterscheidet ihr Funktionieren und kann auf sie unmittelbar so einwirken wie der Naturwissenschaftler auf die physischen Kräfte. Es kann deren Einwirkung und deren Resultate auf unser Mental, unser Leben und unseren Körper akzeptieren oder zurückweisen. Es kann die Energien verändern, umwandeln und neu gestalten. Auch kann es ungeheure neue Mächte und Bewegungen anstelle der alten kleinen Funktionsabläufe der Natur erschaffen. Immer deutlicher nehmen wir das Wirken der Kräfte des universalen Mentals wahr. Wir wissen nun, wie unsere Gedanken durch jenes Wirken erschaffen werden. Wir können von innen her die Wahrheit und das Falsche in unseren Wahrnehmungen voneinander unterscheiden, ihr Feld ausweiten sowie ihre Bedeutung ausdehnen und aufklären. Wir werden immer besser Herr über unser Mental und unser Handeln. Wir werden befähigt und aktiv, die Bewegungen des Mentals in unserer Umwelt zu gestalten. So nehmen wir auch den Strom und das Aufwallen der universalen Lebenskräfte wahr, entdecken Ursprung und Gesetz unserer Gefühle, Emotionen, Empfindungen und Leidenschaften und werden frei, sie zu akzeptieren oder zurückzuweisen, sie neu zu erschaffen und zu höheren Ebenen der Macht des Lebens emporzuheben. Immer deutlicher gewahren wir den Schlüssel zur Lösung des Rätsels der Materie. Wir folgen dem Spiel des gegenseitigen Aufeinanderwirkens von Mental, Leben und Bewusstsein auf die Materie und entdecken immer besser ihre Funktion, Instrument zu sein und Ergebnisse hervorzubringen. So erschließt sich uns zuletzt das tiefste Geheimnis der Materie: Sie ist nicht nur eine Form der Energie, sondern sie ist ein Bewusstsein, das involviert, zum Stillstand gebracht, instabil fixiert und eingeschränkt ist. Immer deutlicher erkennen wir, dass es möglich ist, dieses Bewusstsein zu befreien und es für ein Reagieren auf die höheren Mächte plastisch zu machen. So wird das in die Materie involvierte Bewusstsein fähig, immer besser die bewusste, nicht mehr nur die mehr als zur Hälfte unbewusste Inkarnation des Geistes und sein Selbst-Ausdruck zu werden. All das und vieles andere wird fortschreitend möglich, wenn das Wirken der Göttlichen Shakti in uns stärker wird und sich zu einer größeren Reinheit, Wahrheit, Höhe und Reichweite ausdehnt, allem starken Widerstand unseres noch dunklen Bewusstseins und seiner Abneigung zum Trotz, darauf zu reagieren. Das geht durch viel Ringen und einen Wechsel von Fortschritt, Rückschritt und erneutem Vorwärtsschreiten hindurch, weil das für das Werk einer intensiven Transformation einer halb-unbewussten in eine bewusste Substanz erforderlich ist. Alles hängt von dem seelischen Erwachen in uns ab, von der Vollkommenheit unserer Antwort auf die Shakti und von unserer immer größeren völligen Hingabe an sie.
Das alles kann freilich bloß ein größeres inneres Leben und eine größere Möglichkeit für das äußere Wirken zustande bringen. Es ist also lediglich eine Errungenschaft des Übergangs. Die volle Transformation kann erst dann eintreten, wenn unser Opfer bis zu seinen höchsten Höhen emporsteigt und wenn es auf unser Leben mit der Macht, dem Licht und der Seligkeit der göttlichen supramentalen Gnosis einwirkt. Dann erst werden alle jetzt zerteilten Kräfte, die sich im Leben und seinen Werken nur unvollkommen zum Ausdruck bringen können, zu ihrer ursprünglichen Einheit und Harmonie, alleinigen Wahrheit, authentischen Absolutheit und völligen Bedeutsamkeit emporgehoben. Dort sind das Wissen und der Wille geeint, die Liebe und die Kraft eine einzige Bewegung. Die Gegensätzlichkeiten, die uns hier anfechten, werden in ihre miteinander versöhnte Einheit emporgehoben. Das Gute entfaltet sein Absolutes, das Böse entkleidet sich seines Irrtums und kehrt zu dem Guten, das hinter ihm steht, zurück. Sünde und Tugend lösen sich in göttlicher Reinheit und makelloser Wahrheits-Bewegung auf. Die zweifelhafte Flüchtigkeit des Vergnügens geht in einer Seligkeit auf, die das Spiel einer ewigen, frohen spirituellen Gewissheit ist. Wenn der Schmerz vergeht, entdeckt man die unmittelbare Einwirkung des Ananda. Bisher war dieses um seinen Einfluss gebracht worden, weil das Bewusstsein es infolge einer finsteren Verkehrtheit und Unfähigkeit des Willens des Unbewussten nicht in sich aufnehmen konnte. All das, was für das Mental eine Einbildung oder ein Mysterium ist, wird nun offenbar und für die Erfahrung zugänglich, da das Bewusstsein aus seinem begrenzten, in der Materie verkörperten Mental in die Freiheit und Fülle der immer höheren Bereiche der Supra-Intelligenz emporsteigt. Das kann aber erst dann völlig wahr und normal werden, wenn das Supramental zum Gesetz der Natur geworden ist.
Darum hängt die Rechtfertigung des Lebens, seine Erlösung und seine Transformation in ein Göttliches Leben innerhalb einer umgewandelten irdischen Natur davon ab, dass dieses Emporsteigen bis zur Vollendung gebracht und eine volle Entfaltung jener Kräfte möglich wird, die aus höchsten Ebenen in das Erden-Bewusstsein herniederkommen.
Worte Sri Aurobindos
Tatsächlich gibt es zwei Systeme, die im Aufbau des Wesens und seiner Teile gleichzeitig wirken: Das eine ist konzentrisch, eine Folge von Ringen oder Hüllen mit der Seele im Zentrum; das andere ist vertikal, ein Aufsteigen und Herabkommen ähnlich einer Treppenflucht, eine Folge übereinanderliegender Ebenen mit dem Supramental-Obermental als zentralem Punkt des Übergangs jenseits des Menschlichen in das Göttliche. Für diesen Übergang, wenn er gleichzeitig eine Umwandlung bewirken soll, gibt es nur einen Weg, einen Pfad. Zuerst muss eine Wende nach innen erfolgen, ein Nach-innen-Gehen, um das innerste seelische Wesen aufzufinden, um es hervortreten zu lassen, wobei zur gleichen Zeit das innere Mental, das innere Vital und die inneren physischen Teile der Natur enthüllt werden. Das nächste ist ein Emporsteigen, eine Folge von nach oben gerichteten Verwandlungen, und eine Wende nach unten, um die niederen Teile umzuformen. Nachdem man die innere Wandlung vollzogen hat, wird die gesamte niedere Natur durchseelt und für die göttliche Veränderung bereitgemacht. Indem man aufsteigt, überschreitet man das menschliche Mental, und auf jeder Stufe des Aufstiegs findet eine Wandlung in ein neues Bewusstsein statt. Dieses neue Bewusstsein durchdringt die Gesamtheit der menschlichen Natur. Indem wir uns derart über den Verstand erheben, vom erleuchteten höheren Mental bis zum intuitiven Bewusstsein, beginnen wir, die Dinge nicht mehr von der intellektuellen Ebene her zu betrachten oder mit Hilfe des Intellektes als Instrument, sondern von einer größeren, intuitiven Höhe und mit Hilfe eines von der Intuition geprägten Willens, Fühlens, Empfindens, Sinnes und physischen Kontaktes. Während man derart von der Intuition zu einer größeren Obermental-Höhe fortschreitet, findet eine erneute Verwandlung statt, und wir betrachten und erfahren die Dinge über das Obermental-Bewusstsein und über ein Mental, ein Herz, ein Vital und einen Körper, die vom Denken des Obermentals durchdrungen sind – von seinem Sehnen, Wollen, Fühlen und Empfinden, von seinem Spiel der Kräfte, von seiner Berührung. Die letzte Verwandlung jedoch ist die supramentale, denn ist man einmal dort angelangt, ist einmal die menschliche Natur supramentalisiert, dann befinden wir uns jenseits der Unwissenheit, und eine Wandlung des Bewusstseins ist nicht länger erforderlich, obwohl ein weiteres göttliches Fortschreiten, ja sogar eine unendliche Entwicklung noch möglich ist.