Kapitel 12
Das Unterbewusste
Worte Sri Aurobindos
In unserem Yoga meinen wir mit dem Unterbewussten jenen ganz versunkenen Teil unseres Wesens, in dem es keinen wachbewussten, zusammenhängenden Gedanken und Willen, keine Empfindung oder geordnete Reaktion gibt und der dennoch dunkel die Eindrücke aller Dinge empfängt und sie in sich speichert. Aus ihm können auch alle Arten von Reizen, von beharrlichen, gewohnheitsmäßigen Regungen unverarbeitet wiederholt oder in fremdartige Formen verkleidet in den Traum oder die Wachnatur auftauchen. Denn wenn diese Eindrücke in den Traum aufsteigen können, meist in unzusammenhängender und ungeordneter Weise, können sie ebenfalls in unser Wachbewusstsein aufsteigen – was sie auch tun –, und zwar als mechanische Wiederholung vergangener Gedanken, vergangener mentaler, vitaler und physischer Gewohnheiten oder als verborgener Anreiz für Erregungen, Tätigkeiten und Gefühle, die ihren Ursprung nicht in unserem bewussten Denken oder Willen haben oder aus ihnen hervorgehen, sondern vielmehr ihren Vorstellungen, Neigungen oder Anordnungen häufig entgegengesetzt sind. Das Unterbewusste hat ein dunkles Mental, voller widersetzlicher samskaras, Eindrücke, Assoziationen, fester Vorstellungen, gewohnheitsmäßiger Reaktionen, die von unserer Vergangenheit gebildet wurden, ein dunkles Vital mit den Keimen gewohnheitsmäßiger Begierden, Erregungen und nervöser Reaktionen, ein äußerst dunkles Stoffliches, das viel von dem beherrscht, was mit dem Zustand des Körpers zu tun hat. Es ist größtenteils verantwortlich für unsere Krankheiten. Chronische oder wiederholte Leiden werden tatsächlich meist vom Unterbewussten verursacht, von seiner beharrlichen Erinnerung und seiner Neigung, alles, was sich dem Körperbewusstsein eingeprägt hat, zu wiederholen. Doch dieses Unterbewusste muss deutlich unterschieden werden von den unterschwelligen (subliminalen) Teilen unseres Wesens, nämlich dem inneren oder feinen stofflichen Bewusstsein, dem inneren Vital oder inneren Mental, denn diese sind ganz und gar nicht dunkel, unzusammenhängend oder schlecht geordnet, sondern lediglich unserem Oberflächenbewusstsein verborgen. Unsere Oberfläche empfängt ständig Dinge, innere Berührungen, Mitteilungen oder Beeinflussungen aus diesen Quellen, doch bleibt ihr großenteils verborgen, woher sie stammen.
Worte Sri Aurobindos
Das Unterbewusste ist sowohl universal als auch individuell wie alle anderen wichtigen Teile der Natur. Doch es gibt verschiedene Teile oder Ebenen des Unterbewussten. Alles auf Erden gründet sich auf dem sogenannten Unbewussten, das tatsächlich ganz und gar nicht unbewusst ist, sondern vielmehr eine absolute „Unter“-Bewusstheit, ein unterdrücktes oder involviertes Bewusstsein, in welchem alles vorhanden, doch nichts ausgedrückt oder gestaltet ist. Das Unterbewusste liegt zwischen diesem Unbewussten und dem bewussten Mental, Leben und Körper. Es enthält die Möglichkeit aller primitiven Reaktionen auf das Leben, die sich aus den dumpfen und trägen Bereichen der Materie zur Oberfläche emporkämpfen und durch eine fortlaufende Entwicklung ein sich langsam entfaltendes, selbst gestaltendes Bewusstsein bilden. Es enthält diese nicht als Ideen, Wahrnehmungen oder bewusste Reaktionen, sondern als die fließende Substanz dieser Dinge. Auf gleiche Weise sinkt alles, was bewusst erfahren wird, in das Unterbewusste hinab, zwar nicht als genaue, doch als versunkene Erinnerungen und als dunkle, aber dennoch beharrliche Eindrücke der Erfahrung. Diese können zu jeder Zeit als Träume wieder auftauchen, als mechanische Wiederholungen vergangenen Denkens, Fühlens, Handelns usw., als „Komplexe“, und sich dann in Taten und Geschehnissen entladen usw. usw. Das Unterbewusste ist die hauptsächliche Ursache, weshalb alle Dinge sich ständig wiederholen und sich niemals etwas verändert außer im äußeren Erscheinungsbild. Es ist die Ursache, warum die Menschen sagen, der Charakter könne nicht gewandelt werden, und ebenfalls die Ursache der fortwährenden Wiederkehr jener Dinge, die man hoffte, losgeworden zu sein. Alle Keime ruhen dort, alle samskaras des Mentals, Vitals und Körpers – es ist der stärkste Rückhalt von Tod und Krankheit und die letzte (anscheinend uneinnehmbare) Festung der Unwissenheit. Und auch all das, was man unterdrückte, ohne davon völlig befreit zu werden, sinkt dort nieder und lagert als Keim, der bereit ist, jeden Augenblick aufzuschießen oder sich zu entfalten.
Worte Sri Aurobindos
Das Unterbewusste ist die evolutionäre Grundlage in uns, es ist weder die Gesamtheit unserer verborgenen Natur, noch ist es der gesamte Ursprung dessen, was wir sind. Vom Unterbewussten jedoch können sich Dinge erheben und in den bewussten Teilen Gestalt annehmen; und viele unserer kleineren vitalen und physischen Instinkte, Regungen, Gewohnheiten und Eigentümlichkeiten des Charakters haben diesen Ursprung.
Es gibt drei verborgene Quellen unseres Handelns – das Überbewusste, das Unterschwellige (Subliminale), das Unterbewusste – doch keine von ihnen steht unter unserer Kontrolle, und wir nehmen sie nicht einmal wahr. Statt dessen sind wir uns des Wesens an der Oberfläche bewusst, das lediglich eine instrumentale Einrichtung ist. Der Ursprung von allem ist die allgemeine Natur – also die universale Natur, die sich in jeder Person individualisiert. Diese allgemeine Natur speichert in uns eine bestimmte Konstitution von Regungen, der Persönlichkeit, des Charakters, von Fähigkeiten, Veranlagungen und Neigungen, und wir identifizieren diese, ob sie nun jetzt oder vor unserer Geburt geformt wurden, meist mit uns selbst. Ein großer Teil davon ist in der normalen Bewegung und dem normalen Gebrauch in den uns bekannten bewussten Teilen an der Oberfläche zu finden, der größere Teil hingegen ist in den anderen, unbekannten drei Teilen unterhalb oder hinter der Oberfläche verborgen.
Doch das, was wir an der Oberfläche sind, ist in ständiger Bewegung. Es wird durch die Wellen der allgemeinen Natur, die über uns hereinbrechen, verändert, entwickelt und wiederholt, entweder direkt oder auch indirekt durch andere Menschen und Umstände, durch die verschiedensten Mittler oder Kanäle. Einiges davon fließt unmittelbar in die bewussten Teile, um dort zu wirken, doch missachtet unser Mental die Quelle, aus der es stammt, und eignet sich alles an in der Meinung, es selbst sei der eigentliche Urheber. Ein anderer Teil gelangt im Stillen in das Unterbewusste oder sinkt in dieses hinab und wartet auf die Gelegenheit, wieder zur bewussten Oberfläche aufzusteigen. Ein großer Teil wandert in das Unterschwellige und kann zu jeder beliebigen Zeit in Erscheinung treten – oder auch nicht, es kann auch als unbenutzter Stoff dort ruhen. Ein Teil wandert durch uns hindurch, wird abgewiesen, zurück- oder hinausgestoßen oder verliert sich im universalen Meer. Unsere Natur besteht aus einem fortwährenden Wirken von Kräften, mit denen wir versehen werden und aus denen (oder besser, aus dem kleineren Teil von ihnen) wir machen, was wir wollen oder können. Was wir daraus machen, scheint für immer fixiert und geformt zu sein, doch ist in Wirklichkeit alles ein Spiel von Kräften, ein Fließen, nichts ist fixiert oder beständig. Das Bild der Stabilität entsteht durch die fortlaufende Wiederholung und Wiederkehr von gleichen Schwingungen und Formungen. Und daher kann unsere Natur auch verändert werden entgegen Vivekanandas Ausspruch und Horazens Sprichwort und trotz des bewahrenden Widerstandes des Unterbewussten – es ist jedoch eine schwierige Aufgabe, denn diese beharrliche Wiederholung und Wiederkehr ist der ureigentliche Weg der Natur.
Was nun die Dinge in unserer Natur anbelangt, die durch Zurückweisung aus uns hinausgestoßen werden, die jedoch zurückkehren, so kommt es darauf an, wohin du sie stößt. Sehr häufig ist ein gewisser Ablauf damit verbunden. Das Mental weist seine Mentalitäten zurück, das Vital seine Vitalitäten, das Physische sein Körperliches – und sie wandern dann meist in den entsprechenden Bereich der allgemeinen Natur. Dann bleibt zunächst alles im umhüllenden Bewusstsein, das wir mit uns herumtragen und durch das wir mit der äußeren Natur in Verbindung stehen. Häufig kehrt nun das Hinausgestoßene von dort zurück, bis es so vollständig zurückgewiesen oder gleichsam hinausgeworfen wurde, dass es nicht mehr zu uns zurückkehren kann. Doch wenn das, was das denkende und wollende Mental zurückweist, stark vom Vital gestützt wird, verlässt es zwar das Mental, doch wandert es in das Vital ab, wütet dort und versucht, wieder emporzuwallen, das Mental wieder in Beschlag zu nehmen und unsere mentale Bereitwilligkeit zu erzwingen oder zu erobern. Wenn das höhere Vital, das Herz, oder die umfassendere vitale Dynamik es ebenfalls zurückweisen, sinkt es weiter ab und nimmt seine Zuflucht im niederen Vital mit seiner Anhäufung der begrenzten üblichen Regungen, die unsere tägliche Kleinheit ausmachen. Weist das niedere Vital es ebenfalls zurück, dann sinkt es in das physische Bewusstsein ab und versucht, sich dort mit Hilfe der Trägheit oder mechanischen Wiederholung festzusetzen. Und wenn es auch dort zurückgewiesen wird, wandert es in das Unterbewusste und kehrt in Träumen wieder oder drückt sich als Passivität aus, als äußerste tamas. Das Unbewusste ist die letzte Zuflucht der Unwissenheit.
Was die Wellen anbelangt, die von der allgemeinen Natur zurückkehren, so ist es die natürliche Neigung der niederen Kräfte dort, zu versuchen ihr Wirken im Menschen aufrechtzuerhalten und wieder aufzubauen, was dieser von ihren Ablagerungen in sich abgebaut hatte. Auf diese Weise kehren diese Wellen zurück, häufig mit vermehrter Kraft, ja mit ungestümer Heftigkeit, sobald sie ihren Einfluss abgewiesen finden. Doch ist einmal das umhüllende Bewusstsein gereinigt, können sie nicht mehr lange fortbestehen – außer die „Feindlichen“ [Kräfte] greifen ein. Doch obgleich diese tatsächlich anzugreifen vermögen, können sie, sofern der Sadhak im inneren Selbst gefestigt ist, nichts Ernsthaftes ausrichten.
Es ist wahr, wir bringen das meiste von uns oder, besser gesagt, unsere meisten Veranlagungen und Neigungen, auf die universale Natur zu reagieren, aus vergangenen Leben mit. Vererbung beeinflusst lediglich das äußere Wesen stark. Doch nicht einmal dort werden alle Auswirkungen der Vererbung angenommen, sondern nur jene, die sich mit dem in Übereinstimmung befinden, was wir sein sollen oder zumindest nicht verhindern.