Kapitel 1
Wozu machen wir eigentlich eine Sadhana?
Worte der Mutter
Liebe Mutter, hier steht: „…diese Befreiung, diese Vollkommenheit, diese Fülle werden nicht für uns selbst verwirklicht, sondern für das Göttliche.“ Ist denn die Sadhana, die man macht, nicht für uns selbst?
Er betont es ja gerade. Es ist lediglich, um es zu unterstreichen. Es bedeutet, dass diese ganze Vollkommenheit, die man erwirbt, nicht zu einem persönlichen, egoistischen Zweck erworben wird, sondern, um das Göttliche manifestieren zu können, sie wird in den Dienst des Göttlichen gestellt. Man verfolgt diese Entwicklung nicht mit einer egoistischen Absicht persönlicher Vollkommenheit; man verfolgt sie, weil das göttliche Werk vollendet werden soll.
Aber warum macht man dieses göttliche Werk? Ist es, um uns…
Nein, überhaupt nicht! Weil es der göttliche Wille ist. Es geschieht überhaupt nicht um eines persönlichen Grundes willen, das soll es nicht sein. Es geschieht deshalb, weil der göttliche Wille so ist, und es ist das göttliche Werk.
Solange sich eine persönliche Aspiration hineinmischt oder ein persönlicher Wunsch, ein egoistischer Wille, wird immer eine Mischung daraus und es ist nicht genau der Ausdruck des göttlichen Willens. Das Einzige, was zählen soll, ist der göttliche Wille, Sein Wille, Seine Manifestation, Sein Ausdruck. Dafür ist man da, das ist man und nichts anderes. Und solange ein Gefühl des Ichs, des Egos, der Person hereinkommt, beweist das, dass man noch nicht ist, was man sein sollte, das ist alles. Ich behaupte nicht, dass das von heute auf morgen geschehen kann, doch ist es nun mal die Wahrheit.
Es ist gerade deshalb, weil es auch auf dieser Ebene, auf der spirituellen Ebene, viel zu viele Leute gibt (ja, ich möchte sagen, die Mehrheit derer, die das spirituelle Leben aufnehmen und Yoga machen), es gibt viel zu viele, die Yoga aus persönlichen Gründen machen, aus allen möglichen persönlichen Gründen: die einen, weil sie des Lebens überdrüssig sind, die anderen, weil sie unglücklich sind, wieder andere, weil sie mehr wissen wollen, andere, weil sie spirituell groß werden wollen, andere, weil sie Dinge lernen wollen, die sie andere lehren können, also, es gibt tausend persönliche Gründe, um den Yoga aufzunehmen. Doch diese einfache Sache, sich dem Göttlichen zu geben, damit das Göttliche einen nimmt und aus einem macht, was Es will, und das in seiner ganzen Reinheit und Beständigkeit, nun, das tun nicht viele, und doch ist das die Wahrheit; und damit geht man direkt aufs Ziel los und läuft nie Gefahr, sich zu irren. Aber alle anderen Motive sind immer vermischt, gefärbt vom Ego; und natürlich können sie einen hierhin und dorthin führen, und auch sehr weit weg vom Ziel.
Doch diese Art von Gefühl, dass man nur einen einzigen Daseinszweck hat, ein einziges Ziel, einen einzigen Beweggrund, die ganze vollkommene und vollständige Weihung an das Göttliche, die so weit geht, dass man sich nicht mehr von Ihm unterscheiden kann, dass man das Göttliche gänzlich ist, vollständig, total, ohne irgendeine persönliche Reaktion, die dazwischentreten könnte, das ist die ideale Haltung; und im Übrigen ist es die einzige, durch die man im Dasein und im Werk vorankommen kann, unbedingt geschützt vor allem und geschützt vor sich selbst, der allergrößten Gefahr für einen – es gibt keine größere Gefahr als das Ich (ich fasse das „Ich“ im Sinn eines egoistischen Selbstes). Das ist es, was Sri Aurobindo hier sagen wollte, nichts anderes…
Mutter, du sagtest jetzt, dass wir alles für das Göttliche tun sollten.
Ja.
Aber warum will sich das Göttliche auf der Erde in einem Chaos manifestieren?
Weil das Göttliche dafür die Erde erschaffen hat, aus keinem anderen Motiv heraus – die Erde ist das Göttliche selbst in einer Entstellung –, und weil das Göttliche sie in ihrer Wahrheit wiederherstellen will. Die Erde ist nicht etwas von Ihm Getrenntes und Ihm Fremdes. Sie ist eine Entstellung von Ihm selbst und soll wieder das werden, was sie in ihrer Essenz war, das heißt das Göttliche.
Warum ist das Göttliche uns dann fremd?
Es ist doch nicht fremd, mein Kind. Du stellst dir vor, dass Es fremd ist, doch Es ist nicht im Geringsten fremd. Das Göttliche ist die Essenz deines Wesens – gar nicht fremd. Du kannst Es ignorieren, aber Es ist nicht fremd. Es ist sogar die Essenz deines Wesens. Ohne das Göttliche würdest du nicht existieren. Ohne das Göttliche könntest du nicht einmal den millionsten Teil einer Sekunde existieren. Nur, weil du in einer Art Illusion der Falschheit und Entstellung lebst, bist du nicht bewusst. Du bist dir selbst nicht bewusst, dir ist etwas bewusst, von dem du glaubst, dass du es bist, das aber nicht du ist.
Was bin ich dann, liebe Mutter?
Das Göttliche!
Worte der Mutter
Das wahre Ziel des Lebens besteht darin, die Göttliche Präsenz tief in sich selbst zu finden und sich Ihr hinzugeben, damit Sie die Führung des Lebens, aller Gefühle und aller Tätigkeiten des Körpers übernimmt.