Kapitel 1

Sich ständig des Göttlichen bewusst sein

(Mache das Göttliche zum lebendigen Zentrum deines Seins)

Worte der Mutter

Yoga bedeutet Einung mit dem Göttlichen, und die Einung geschieht durch Darbringung – sie gründet sich auf die Darbringung deiner selbst an das Göttliche. Zu Beginn fängst du damit an, diese Darbringung in einer allgemeinen Weise zu vollziehen, gleichsam ein für allemal. Du sagst: „Ich bin der Diener des Göttlichen; mein Leben ist ganz und gar dem Göttlichen gegeben; all meine Bemühungen sind auf die Verwirklichung des Göttlichen Lebens gerichtet.“ Doch das ist nur der erste Schritt, denn er genügt nicht. Wenn die Entscheidung getroffen ist, wenn du beschlossen hast, dass dein ganzes Leben dem Göttlichen gegeben werden soll, dann musst du dich immer noch in jedem Augenblick daran erinnern und sie in allen Einzelheiten deines Daseins ausführen. Bei jedem Schritt musst du spüren, dass du dem Göttlichen gehörst; es muss dir zur ständigen Erfahrung werden, dass in allem, was du denkst und tust, das Göttliche Bewusstsein durch dich wirkt. Künftig hast du nichts mehr, was du dein eigen nennen kannst. Du fühlst, dass alles vom Göttlichen kommt, und du musst es seiner Quelle zurückgeben. Wenn du das verwirklichen kannst, wird die kleinste Sache, der du normalerweise nicht viel Aufmerksamkeit oder Sorgfalt widmest, aufhören, trivial und unbedeutend zu erscheinen. Sie wird voller Sinn und eröffnet einen weiten jenseitigen Horizont.

Folgendermaßen musst du anfangen, um deine allgemeine Darbringung umzusetzen in eine, die sich in allen Einzelheiten bewährt: Lebe ständig in der Gegenwart des Göttlichen; lebe im Gefühl, dass es diese Präsenz ist, die dich bewegt und die alles tut, was du tust. Bringe ihr all deine Regungen dar, nicht nur alle mentalen Tätigkeiten, jeden Gedanken und jedes Gefühl, sondern auch die gewöhnlichsten und äußerlichsten Handlungen wie das Essen. Wenn du isst, musst du fühlen, dass das Göttliche durch dich isst. Wenn du so alle Regungen in das Eine Leben zusammenführst, nimmt in dir Einheit den Platz der Trennung ein. Du hast den Zustand hinter dir, in dem ein Teil deiner Natur dem Göttlichen gegeben war, während der Rest in seiner gewöhnlichen Art und Weise verbleibt und von gewöhnlichen Dingen in Anspruch genommen wird. Dein gesamtes Leben hat eine einzige Richtung eingeschlagen; allmählich vollzieht sich eine integrale Umwandlung in dir.

Im Integralen Yoga muss das gesamte Leben bis in die kleinste Einzelheit umgewandelt, vergöttlicht werden. Bei diesem Unternehmen gibt es nichts, was unbedeutend oder gleichgültig wäre. Du kannst nicht sagen: „Wenn ich meditiere, wenn ich Philosophisches lese oder diesen Gesprächen lausche, befinde ich mich in einem Zustand der Offenheit gegenüber dem Licht und strebe nach diesem; doch wenn ich hinausgehe, um spazieren zu gehen oder Freunde zu besuchen, dann darf ich das alles vergessen.“ Wenn du diese Einstellung beibehältst, wirst du dich nie umwandeln und nie die wirkliche Einung haben; du wirst immer geteilt bleiben und bestenfalls einen Abglanz des höheren Lebens erhaschen.…

Warum vergessen wir manchmal das Göttliche oder verlieren den Kontakt mit ihm, wenn wir mit mentalen Regungen oder intellektuellen Dingen beschäftigt sind?

Ihr verliert ihn, weil euer Bewusstsein noch geteilt ist. Das Göttliche wohnt noch nicht in eurem Geist, ihr seid noch nicht völlig dem Göttlichen Leben geweiht. Sonst könntet ihr euch mit solchen Dingen so viel beschäftigen, wie ihr wollt, ohne dass eure Wahrnehmung des Göttlichen, das euch hilft und stützt, beeinträchtigt würde.

Bei allen Betätigungen, intellektuell oder aktiv, sollte es euer einziges Motto sein: „Sich erinnern und darbringen.“ Was immer ihr unternehmt, tut es als Darbringung an das Göttliche. Das ist eine ausgezeichnete Disziplin für euch und wird euch von vielen dummen und unnützen Dingen abhalten.

Oft gelingt das zu Beginn einer Tätigkeit. In dem Maße aber, wie man sich in die Arbeit vertieft, vergisst man es. Was soll man tun, damit man sich erinnert?

Der zu erstrebende Zustand, die wirkliche Errungenschaft des Yogas, die endgültige Vollendung und Erfüllung, auf die alles Übrige nur vorbereitet, ist ein Bewusstsein, dem es unmöglich ist, irgendetwas ohne das Göttliche zu tun, denn ohne das Göttliche verschwindet die eigentliche Ursache eures Handelns. Wissen, Macht, alles ist weg. Doch solange ihr die Kräfte, die ihr benutzt, für die euren haltet, vermisst ihr die Unterstützung des Göttlichen nicht.

Am Anfang des Yoga neigt man dazu, das Göttliche oft zu vergessen. Doch beständige Aspiration stärkt das Erinnern und mindert das Vergessen. Doch nicht mit strenger Disziplin oder aus Pflicht sollte diese Aspiration aufrechterhalten werden. Sie muss eine Regung voller Liebe und Freude sein. So wird sehr bald ein Zustand erreicht, in dem man sich einsam, traurig und elend fühlt, wenn man nicht in jedem Augenblick und bei allem, was man tut, der Gegenwart des Göttlichen bewusst ist.

Wann immer ihr bemerkt, dass ihr etwas tun könnt, ohne die Gegenwart des Göttlichen zu empfinden, und es euch dabei sehr wohl ist, müsst ihr einsehen, dass ihr in jenem Teil eures Wesens nicht hingegeben seid. Auf diese Weise lebt der gewöhnliche Mensch, der keineswegs das Gefühl hat, das Göttliche zu brauchen. Doch für einen Sucher des Göttlichen Lebens ist das ganz anders. Wenn ihr die Einheit mit dem Göttlichen ganz und gar verwirklicht habt, würdet ihr einfach tot umfallen, wenn das Göttliche sich auch nur für eine Sekunde von euch zurückziehen würde. Denn das Göttliche ist nun das Leben eures Lebens, eure ganze Existenz, eure einzige und vollständige Unterstützung. Wenn das Göttliche nicht da ist, bleibt nichts übrig.

Shri Udar Pinto erklärt:

Ich trat 1937 in den Sri Aurobindo Ashram ein und habe seitdem versucht, Seinen Yoga so gut wie möglich zu praktizieren, indem ich die sehr wertvollen Bücher las, die Er zu diesem Thema geschrieben hat. Aber nach mehr als 25 Jahren dieser Bemühungen war ich mir nicht sicher, ob ich überhaupt etwas erreicht hatte, und so erzählte ich dies eines Tages unserer Lieben Mutter und fragte Sie, ob ich den Yoga richtig mache. Ich hoffte wirklich auf Ihren Segen, um mir zu helfen, alles richtig zu machen, aber ich bekam einen Schock, als Sie sagte, dass ich alles falsch mache. Ich war verblüfft und fragte Sie, was ich tun sollte, und Sie antwortete lächelnd: „Warum willst du den Yoga praktizieren und machst es ganz falsch?“ Ich sagte: „Was soll ich dann tun?“ Sie antwortete: „Ich werde den Yoga für dich machen! Du kannst mit allem, was du tust, aufhören und es mich tun lassen. Ich bin auf die Erde gekommen, um dir die Dinge leicht zu machen, also warum solltest du es versuchen, wenn ich hier bin, um es zu tun?“ Ich fragte: „Was ist dann meine Rolle?“ „Gib dich mir einfach hin, und ich werde alles für dich tun, und du machst einfach mit der Arbeit weiter, die du für mich tust.“ Ich akzeptierte sofort und schüttelte die Hand der Mutter als Zeichen des Vertrages, den wir an diesem Tag schlossen.

Aber dann merkte ich, dass die Hingabe an die Mutter leicht gesagt, aber sehr schwer zu tun ist, und so fragte ich Sie, wie man es macht. Sie sagte: „Was machst du morgens, wenn du aufstehst?“ Ich sagte, ich mache meine Toilette und mache mich für mein Bad fertig. Aber Sie fragte nach Details, und ich sagte, dass ich mit dem Zähneputzen anfange. Dann fragte Sie: „Aber woran denkst du oder wovon träumst du, wenn du dir die Zähne putzt?“ Und ich sagte, dass dies eine so übliche Sache sei, dass ich nichts finde, woran ich denken oder wovon ich träumen könnte. Dann sagte Sie mir, was ich bei jedem Toilettengang, beim Bad, beim Frühstück usw. tun sollte. Sie sagte: „Spüre meine Gegenwart ganz nahe bei dir. Lass mich mit dir die Dinge tun, die du tust. Sprich mit mir, bespreche mit mir die bestmögliche Vorgehensweise bei dem, was du zu tun hast. Wenn wir essen, lass uns gemeinsam den wunderbaren Geschmack dessen finden, was wir essen. Du wirst sehen, wie wunderbar selbst eine Scheibe Brot schmecken wird, wenn du sie mit mir zusammen isst und ihren Geschmack genießt.“ Das versuchte ich jetzt zu tun, und es hat mein ganzes Leben verändert und alles so schön und voller Freude gemacht.

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