Kapitel 1

Liebe und Sehnsucht in Pflanzen

Worte der Mutter

Die Regung der Liebe ist nicht auf den Menschen beschränkt, und in anderen Welten ist sie vielleicht weniger verzerrt als in der menschlichen. Wenn die Sonne untergeht und alles still wird, setz dich einen Augenblick und kommuniziere mit der Natur: du wirst fühlen, wie von der Erde, von unterhalb der Wurzeln der Bäume das Verlangen einer intensiven Liebe und Sehnsucht nach oben aufsteigt und bis zu den höchsten Ästen und Zweigen hinaufströmt – ein Sehnen nach etwas, was Licht bringt und Glück schenkt, ein Sehnen nach dem Licht, das nun fort ist und das sie zurückhaben möchten. Da ist ein Sehnen, so rein und intensiv, dass dein eigenes Wesen, wenn du die Regung in den Bäumen fühlen kannst, ebenfalls in einem inbrünstigen Gebet aufsteigen wird, einem Gebet um Frieden, Licht und Liebe, die hier nicht manifestiert sind.

Worte der Mutter

Hast du nie einen Wald beobachtet mit all seinen zahllosen Bäumen und Pflanzen, die sich nur einfach bemühen, das Licht aufzufangen – indem sie sich winden und auf hundert mögliche Weisen versuchen, bloß in der Sonne zu sein? Das ist genau das Gefühl der Sehnsucht im Physischen – der Drang, die Bewegung, der Trieb hin zum Licht. Pflanzen haben das mehr in ihrem physischen Wesen als Menschen. Ihr ganzes Leben ist eine Lichtanbetung. Licht ist natürlich das materielle Symbol des Göttlichen, und die Sonne repräsentiert unter materiellen Bedingungen das Höchste Bewusstsein. Die Pflanzen haben es recht deutlich in ihrer eigenen, einfachen blinden Weise gefühlt. Ihre Sehnsucht ist intensiv, wenn man sie nur zu spüren weiß.

Worte der Mutter

Pflanzen wachsen, weil sie sich nach dem Licht, nach der Sonne, nach der freien Luft sehnen. Und es ist eine Art Wettbewerb. Wenn man zum Beispiel in einen Wald geht, in einen Park, wo es viele verschiedene Pflanzen gibt, kann man sehr deutlich beobachten, dass es eine Art Wettbewerb unter Pflanzen gibt, aneinander vorbeizuwachsen und das Licht und die freie Luft oben zu erreichen. Das ist ganz wunderbar zu beobachten…

Gibt es auch in Kindern eine Sehnsucht nach Wachstum, wie in Pflanzen?

Ja. Sehr häufig ist es sogar bewusst: sie wollen groß sein.

Hängt es dann von ihrer Sehnsucht ab – ob sie groß oder klein sind?

Zu einer bestimmten Zeit, ja. Tatsächlich habe ich Kinder gekannt, die groß wurden, weil sie einen sehr starken Willen hatten zu wachsen.

Ja, das hat eine Wirkung, selbst wenn man nicht mehr ganz im Kindesalter ist. Ich habe Fälle von Leuten gesehen, die selbst mit fünfundzwanzig noch größer wurden, so sehr waren sie darauf bedacht, groß zu werden. Und ich spreche nicht von jenen, die Körperkultur betrieben haben, denn das ist etwas anderes; ich spreche nur von einer Sehnsucht, einem inneren Willen. Der Körper ist bis fünfundzwanzig hinreichend plastisch. Später muss man wissenschaftlichere Methoden einführen, wie Körperkultur; und wenn man das klug und methodisch tut, kann man wunderbare Resultate erlangen. Aber stets muss dahinter ein Wille stehen, das ist sehr wichtig; eine Art hartnäckige Sehnsucht, ein Wissen, oder selbst ein Glauben, dass man nicht notwendigerweise durch Atavismus gebunden ist.

Denn wie Pflanzen ist man offensichtlich durch den ursprünglichen Samen begrenzt, durch die Spezies, der man angehört. Aber dennoch gibt es einen weiten Spielraum. Zum Beispiel habe ich sehr oft Kinder gesehen, die um einiges größer waren als ihre Eltern, und sie wollten das auch wirklich. Natürlich geschah es gegen einen gewissen Widerstand und innerhalb einer bestimmten Grenze, aber man kann die Grenze ein gutes Stück verschieben.

Und tatsächlich heißt es auch gemäß den Theorien von Vererbung und Atavismus, dass Vererbung Generationen überspringen kann, und es gibt wenige Familien, wo nicht zumindest ein Mitglied groß war und so die Größe seiner Enkel oder Großenkel rechtfertigen könnte.

Worte der Mutter

Lieben Blumen?

Dies ist ihre Art der Liebe, dieses Blühen. Wenn man eine Rose sieht, die sich der Sonne öffnet, so ist es im wesentlichen wie eine Notwendigkeit, ihre Schönheit zu geben. Nur ist es für uns fast unerkennbar, denn sie denken nicht über das nach, was sie tun. Ein Mensch assoziiert stets mit allem, was er tut, diese Fähigkeit, sich selbst als Wandelnden zu sehen, das heißt, an sich zu denken, an sich selbst zu denken als jemanden, der es tut. Der Mensch weiß, dass er etwas tut. Tiere denken nicht. Es ist keineswegs dieselbe Form von Liebe. Und Blumen sind sozusagen nicht bewusst: es ist eine spontane Bewegung, kein Bewusstsein, das seiner selbst bewusst ist, keineswegs. Aber es ist eine große Kraft, die durch all jenes wirkt, das große universale Bewusstsein und die große Kraft universaler Liebe, die alle Dinge in Schönheit aufblühen lässt.

Worte Sri Aurobindos

Wir müssen auch in der Pflanze und im Metall eine Kraft annehmen, die wir Bewusstsein nennen können, obwohl sie nicht die Mentalität von Mensch oder Tier ist, der wir bisher das Monopol dieser Bezeichnung vorbehalten hatten.

Das ist nicht nur wahrscheinlich, sondern gewiss, wenn wir die Dinge objektiv betrachten. Es gibt in uns solch ein vitales Bewusstsein, das in den Zellen des Körpers und in den automatischen Funktionen so wirkt, dass wir sinnvolle Bewegungen ausüben und Anziehungen und Abstoßungen gehorchen, denen unser Mental fremd gegenübersteht. Bei Tieren ist dieses vitale Bewusstsein ein noch wichtigerer Faktor. In Pflanzen nehmen wir es intuitiv wahr. Das suchende Sich-Ausstrecken und Sich-Zusammenziehen der Pflanze, ihre Lust und ihr Schmerz, ihr Schlaf und ihr Wachsein und all jenes geheimnisvolle Leben, dessen Wirklichkeit ein indischer Forscher durch streng wissenschaftliche Methoden an das Licht gebracht hat, sind alles Bewegungen von Bewusstsein, jedoch nicht, soweit wir sehen können, von Mentalität. Es gibt also ein Untermentales, ein vitales Bewusstsein, das genau dieselben anfänglichen Reaktionen hat wie das mentale, jedoch in der Konstitution seiner Selbst-Erfahrung vom mentalen Wesen ebenso verschieden ist wie das Überbewusste in der Konstitution seiner Selbst-Erfahrung von ihm.

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