Kapitel 1
Die vier Hilfen bei der Sadhana
1. Shastra – Die Kenntnis der Wahrheiten, Prinzipien, Kräfte und Prozesse, die die Verwirklichung leiten.
Worte Sri Aurobindos
Das höchste Shastra des Integralen Yoga ist der im Herzen jedes denkenden und lebendigen Wesens verborgene ewige Veda. Der Lotus des ewigen Wissens und der ewigen Vollkommenheit ist eine geschlossene und zusammengefaltete Knospe in uns. Sie öffnet sich schnell oder allmählich, Blütenblatt für Blütenblatt, durch aufeinanderfolgende Verwirklichungen, wenn das Mental des Menschen beginnt, sich dem Ewigen zuzuwenden, wenn sein Herz, nicht länger durch das Haften an vergänglichen Erscheinungen zusammengedrückt und beengt, zum Unendlichen hingezogen ist – in welchem Grad auch immer. Das ganze Leben, alles Denken, alles Aktivieren der Fähigkeiten, alle passiven oder aktiven Erfahrungen werden von jetzt an zu vielen Erschütterungen, die die Hüllen der Seele auflösen und die Hindernisse auf dem Weg zum unvermeidlichen Blühen beseitigen. Derjenige, der das Unendliche gewählt hat, wurde vom Unendlichen auserwählt. Er wurde vom Göttlichen berührt, ohne dies gibt es kein Erwachen und keine Öffnung des spirituellen Geistes; aber ist dies einmal geschehen, ist die Verwirklichung sicher, – ob in einem menschlichen Leben schnell errungen oder durch viele Stadien der Seins-Zyklen im manifestierten Universum geduldig verfolgt.
Nichts kann das Mental gelehrt werden, was nicht schon als potentielles Wissen in der sich entwickelnden Seele des Wesens verborgen liegt. Darum ist jede Vervollkommnung, derer der äußere Mensch fähig ist, nur eine Verwirklichung der ewigen Vollkommenheit des Geistes in ihm. Wir erkennen das Göttliche und werden das Göttliche, weil wir Jenes in unserer verborgenen Natur schon sind. Alles Lehren ist ein Offenbaren, alles Werden ist ein Sich-Entfalten. Selbstverwirklichung ist das Geheimnis; Selbsterkenntnis und ein wachsendes Bewusstsein sind die Mittel und die Vorgehensweise.
Das gewöhnliche Medium dieses Offenbarens ist das Wort, das Gehörte (shruta). Das Wort kann zu uns von innen her kommen; es kann von außen kommen. Aber in jedem Fall ist es nur ein Medium, das das verborgene Wissen aktiv werden lässt. Das Wort im Innern kann die Äußerung der innersten Seele in uns sein, welche immer für das Göttliche offen ist, oder es kann das Wort des verborgenen und universalen Lehrers sein, welcher in den Herzen aller wohnt. Es gibt seltene Fälle, in denen nichts weiter notwendig ist, denn der übrige Yoga ist ein Sich-Entfalten unter jenem beständigen Kontakt und der konstanten Führung. Der Lotus des Wissens offenbart sich von innen heraus durch die Kraft des strahlenden Glanzes, der vom Bewohner des Herz-Lotus` ausgeht. Wahrhaftig Großen, aber es sind nur wenige, reicht das Wissen aus dem Selbst im Inneren, und sie benötigen nicht den tonangebenden Einfluss eines geschriebenen Buches oder eines lebenden Lehrers.
Normalerweise wird das Wort von außen – repräsentativ für das Göttliche – als Hilfe bei der Arbeit der Selbstentfaltung benötigt; und es mag entweder ein Wort aus der Vergangenheit oder das wirksamere Wort des lebenden Gurus sein. In manchen Fällen wird dieses repräsentative Wort nur als eine Art Anreiz für das Erwachen und Manifestieren der inneren Kraft benötigt. Es ist sozusagen eine Freigabe eines die Natur beherrschenden Gesetzes für die Allgemeinheit durch das allmächtige und allwissende Göttliche. So wurde in den Upanishaden Krishnas, Devakis Sohn, gesagt, dass er von Rishi Ghora ein Wort erhielt und das Wissen hatte. Und Ramakrishna, der durch sein eigenes inneres Bemühen die wesentliche Erleuchtung erlangte, akzeptierte mehrere Lehrer von verschieden Yogapfaden, zeigte aber immer durch die Art und Weise und Geschwindigkeit seiner Verwirklichung, dass diese Akzeptanz ein Zugeständnis an die allgemeine Regel war, gemäß derer ein Schüler effektives Wissen nur von einem Guru empfangen kann.
Aber normalerweise nimmt der repräsentative Einfluss einen viel größeren Platz im Leben eines Sadhaks ein. Wenn der Yoga von einem empfangenen geschriebenen Shastra geleitet wird, – einem Wort aus der Vergangenheit, welches die Erfahrungen früherer Yogis verkörpert, – kann er entweder nur durch persönliche Bemühung oder mit der Hilfe eines Gurus praktiziert werden. Das spirituelle Wissen wird dann durch Meditation über die vermittelten Wahrheiten erreicht und durch ihre Verwirklichung in der persönlichen Erfahrung lebendig und bewusst gemacht; der Yoga schreitet durch die Resultate vorgeschriebener Methoden voran, die in einer Schrift gelehrt oder mündlich weitergegeben sind, und wird durch die Anleitungen des Meisters verstärkt und erhellt. Dies ist eine enggefasstere Praxis, aber in ihren Grenzen sicher und effektiv, weil sie einem gut bekannten Pfad zu einem seit langem vertrauten Ziel folgt.
Für den Sadhaka des Integralen Yoga ist es notwendig, sich zu erinnern, dass kein geschriebenes Shastra, wie groß seine Autorität und wie umfassend sein Geist auch sind, mehr sein kann als ein partieller Ausdruck des ewigen Wissens. Er wird es verwenden, sich aber sogar der größten Schrift nie verpflichten. Wo eine Schrift tiefgreifend, weit und umfassend ist, kann sie ihn zum höchsten Guten hin beeinflussen und von unermesslicher Bedeutung sein. In seinem Erleben kann sie mit seinem Erwachen zu krönenden Wahrheiten und seiner Verwirklichung der höchsten Erfahrungen verknüpft sein. Sein Yoga kann für lange Zeit von nur einer oder nacheinander von mehreren Schriften beeinflusst sein, – wenn er der Linie der großen Hindu-Tradition folgt, zum Beispiel durch die Gita, die Upanishaden, den Veda. Oder es kann gut für seine Entwicklung sein, wenn er eine sehr vielfältige Erfahrung der Wahrheiten vieler Schriften mit einbezieht und die Zukunft mit allem Besten aus der Vergangenheit reichhaltig gestaltet. Aber schließlich muss er seinen eigenen Standpunkt einnehmen oder besser noch, wenn er kann, immer und von Anfang an jenseits der geschriebenen Wahrheit in seiner eigenen Seele leben – shabdabrahmativartate, – jenseits von allem, was er gehört hat oder noch hören wird – shrotavyasya shrutasya ca. Denn er ist nicht ein Sadhaka eines oder vieler Bücher; er ist ein Sadhaka des Unendlichen.
Eine andere Art Shastra ist keine Schrift, sondern eine Aussage über die Wissenschaft und Methoden, effektiven Prinzipien und Arbeitsweisen des gewählten Yogapfades, welchem der Sadhaka folgen will. Jeder Pfad hat sein Shastra, entweder geschrieben oder traditionell von Mund zu Mund durch eine lange Linie von Lehrern weitergegeben. In Indien wird normalerweise der geschriebenen oder traditionellen Lehre große Autorität zugemessen und sogar Verehrung entgegengebracht. Alle Yogalinien werden als unveränderbar angesehen, und der Lehrer, der die Schriften traditionell empfangen und sie in der Praxis realisiert hat, leitet den Schüler anhand der unvorstellbar alten Vorgaben. Oft hört man sogar den Einwand, der gegen eine neue Praxis, eine neue Yogische Lehre oder die Übernahme einer neuen Methode vorgebracht wird: „Sie entspricht nicht dem Shastra.“ Aber weder in der Sache noch in der aktuellen Praxis der Yogis gibt es wirklich solche starren Eisentüren, die für neue Wahrheiten, frische Offenbarungen und erweiterte Erfahrung geschlossen sind. Die geschriebene oder traditionelle Lehre vermittelt das Wissen und die Erfahrungen vieler Jahrhunderte systematisiert, organisiert und für den Anfänger erreichbar weiter. Ihre Bedeutung und ihr Nutzen sind deshalb immens. Aber eine große Variations- und Entwicklungsfreiheit ist immer möglich. Sogar ein so hochwissenschaftliches System wie der Rajayoga kann auf andere Weise als mit den ausgestalteten Methoden Patanjalis praktiziert werden. Jeder der drei Wege, trimarga (der dreifache Weg des Wissens, der Liebe und der Arbeit) fächert sich in viele Nebenpfade auf, die sich am Ziel wieder treffen. Das allgemeine Wissen, auf das sich der Yoga stützt, ist festgelegt, aber der Ordnung und Reihenfolge, den Mitteln und Formen muss erlaubt werden, sich zu modifizieren; denn den Bedürfnissen der individuellen Natur muss Rechnung getragen werden, auch wenn die generellen Wahrheiten verbindlich sind und gleich bleiben.
Besonders ein integraler und kombinierter Yoga darf nicht von irgendeinem geschriebenen oder mündliches Shastra eingeengt werden, denn während er das von der Vergangenheit empfangene Wissen annimmt, versucht er es für die Gegenwart und Zukunft neu zu organisieren. Die Bedingung seiner Selbstverwirklichung ist eine absolute Freiheit der Erfahrung und der Umformulierung von Wissen in neue Begriffe und neue Kombinationen. Indem er versucht, das ganze Leben zu umfassen, ist er nicht in der Position eines Pilgers, der auf der Autobahn sein Ziel erreichen will, sondern zumindest in der eines Pfadfinders, der sich seinen Weg durch den Urwald schlägt. Denn Yoga hat sich seit langem vom Leben abgewendet, und die alten Systeme wie jene unserer Vedischen Vorväter, die es einbeziehen wollten, erschließen sich uns durch ihre unzugänglichen Begriffe und nicht länger anwendbaren Formen nicht mehr. Seitdem hat sich die Menschheit auf dem Strom der ewigen Zeit vorwärts bewegt, und dasselbe Problem muss von einem neuen Ausgangspunkt aus gelöst werden.
Mit diesem Yoga suchen wir nicht nur das Unendliche, sondern bitten das Unendliche, sich im menschlichen Leben zu entfalten. Deswegen muss das Shastra unseres Yoga in der empfänglichen menschlichen Seele für eine unendliche Freiheit sorgen. Eine freie Adaptierbarkeit an die Art und Weise, in der das Individuum das Universale und Transzendente in sich selbst akzeptiert, ist die richtige Vorbedingung für das spirituelle Leben im Menschen. Vivekananda wies einst darauf hin, dass die Einheit der Religionen sich notwendigerweise durch einen zunehmenden Formenreichtum ausdrücken muss. Er sagte, der perfekte Zustand jener wesentlichen Einheit würde eintreten, wenn jeder Mensch seine eigene Religion hätte, wenn er – nicht an eine Sekte oder traditionelle Form gebunden – der freien Selbstanpassung seiner Natur in ihrer Beziehung zum Höchsten folgen würde. So kann man auch sagen, dass die Vollkommenheit des Integralen Yoga kommen wird, wenn es jedem Menschen möglich ist, seinen eigenen Yogaweg zu gehen, die Entwicklung seiner eigenen Natur in ihrem Aufschwingen zu jenem, welches die Natur transzendiert, zu verfolgen. Denn Freiheit ist das endgültige Gesetz und die letzte Vollendung.
In der Zwischenzeit müssen einige generelle Linien formuliert werden, die helfen, das Denken und Praktizieren des Sadhakas zu leiten. Aber diese müssen soweit wie möglich eher in Form allgemeiner Wahrheiten, genereller Darstellungen von Prinzipien und wirksamsten weitgefassten Anweisungen zu den Bemühungen und der Entwicklung als in einem festgelegten System, dem man routinemäßig folgen muss, abgefasst werden. Jedes Shastra ist das Ergebnis vergangener Erfahrung und eine Hilfe für zukünftige Erfahrungen. Es ist eine Hilfe und teilweise eine Anleitung. Es stellt Wegzeichen auf, nennt die Namen der Hauptwege und der schon erforschten Richtungen, damit der Reisende das Ziel und die Pfade, denen er folgt, erkennen kann. Der Rest hängt von persönlicher Bemühung und Erfahrung sowie der Führung durch den Ratgeber ab.
Die anderen drei Hilfen sind:
Utsaha – die Kraft unserer persönlichen Bemühungen (ein geduldiges und fortwährendes Handeln nach den vom Wissen festgelegten Linien).
Guru – das Erheben unseres Wissens und Bemühens auf die Ebene spiritueller Erfahrung, die direkte Anregung, das Beispiel und der Einfluss des Lehrers.
Kala – Die Hilfe der Zeit.