Kapitel 1

Die supramentale Schau und ihre Ausdrucksweise

Das Wesen des Supramentals

Worte Sri Aurobindos

Das Supramental, das alles in sich enthält, alles verursacht und alles aufs Höchste erfüllt, müssen wir als die Natur des Göttlichen Wesens erkennen, und zwar nicht in seinem absoluten Selbst-Sein, sondern in seinem Wirken als Herr und Schöpfer seiner eigenen Welten. Das ist die Wahrheit dessen, was wir Gott nennen.

Worte Sri Aurobindos

Das Supramental ist seinem eigentlichen Wesen nach ein Wahrheitsbewusstsein, ein Bewusstsein, allezeit frei von jener Unwissenheit, die in unserem derzeitigen natürlichen oder evolutionären Dasein das Fundament bildet, und von der aus die Natur in uns zu Selbst-Wissen und Welt-Wissen, zu einem richtigen Bewusstsein und dem richtigen Gebrauch unseres Daseins im Universum zu gelangen versucht. Dem Supramental wohnt dieses Wissen und diese Macht des wahren Daseins inne, weil es ein Wahrheitsbewusstsein ist. Sein Weg ist geradeaus und kann unmittelbar zu seinem Ziel führen, sein Kraftfeld ist weit und kann sogar unbegrenzbar gemacht werden. Denn seine wahre Natur ist Wissen: Es braucht nicht Wissen zu erwerben, sondern besitzt es von Natur aus; es geht nicht von Nichtwissen oder Unwissen aus zu irgendeinem unvollkommenen Licht hin, sondern von Wahrheit zu größerer Wahrheit, von richtiger Schau zu tieferer Schau, von Intuition zu weiterer Intuition, von Erleuchtung zu äußerster, grenzenloser Lichtfülle, von wachsender Weite zur völligen Grenzenlosigkeit, zur eigentlichen Unendlichkeit. Auf seinen Gipfeln besitzt es das göttliche Allwissen und die göttliche Allmacht, und sogar im Entfaltungsprozess seiner eigenen gradweisen Selbstoffenbarung, durch den es dann im Laufe der Zeit seine eigenen höchsten Höhen enthüllt, muss es seiner wahren Natur gemäß von Unwissenheit und Irrtum wesenhaft frei sein: Es geht von Wahrheit und Licht aus und bewegt sich immer in Wahrheit und Licht. So wie sein Wissen immer in der Wahrheit ist, so auch sein Wille; es geht nicht tölpelhaft mit den Dingen um und strauchelt nicht auf seinem Weg. Im Supramental geben auch die Gefühle und Empfindungen nichts von ihrer Wahrheit auf, machen keine Fehler oder Fehltritte, weichen nicht vom Richtigen und Wirklichen ab und können weder Schönheit noch Wonne missbrauchen, noch ihre göttliche Geradheit verdrehen. Im Supramental können auch die Sinne nicht verführt werden oder verrohen; in dieser Grobheit und Schwerfälligkeit besteht ihre Unvollkommenheit hier, was unsere Unwissenheit zu Vorwürfen, Missbrauch und Misstrauen veranlasst. Sogar eine unvollständige Aussage des Supramentals ist eine Wahrheit, die zu weiterer Wahrheit führt, und sein unvollendetes Wirken ein Schritt zur Vollkommenheit. Die Führung, das ganze Leben und Wirken des Supramentals ist naturgemäß vor den Irrtümern und Ungewissheiten bewahrt, die unser Anteil sind; es bewegt sich sicher seiner Vollendung zu. Sobald das Wahrheitsbewusstsein hier sein eigenes, natürliches Fundament aufgebaut hat, wird die Entwicklung des göttlichen Lebens ein Wachsen in Freude sein, ein Aufbruch durch das Licht in die Seligkeit, das Ananda.

Die supramentale Schau

Worte Sri Aurobindos

Er blickte durch die leeren Schweigsamkeiten

Und hörte die Schritte der ungeträumten Idee

Auf den fernen Alleen der Jenseitigkeit.

Er hörte die geheime Stimme, das Wort, das weiß,

Und sah das geheime Antlitz, das unser eigenes ist.

Die inneren Ebenen enthüllten ihre Tore aus Kristall;

Seltsame Mächte und Einflüsse berührten sein Leben.

Eine Vision kam von höheren Reichen als unseren,

Ein Bewusstsein von helleren Gefilden und Himmeln,

Von Wesen, weniger umrissen als kurzlebige Menschen

Und feineren Körpern als diese vergänglichen Rahmenwerke,

Von Objekten, viel zu fein für unseren stofflichen Griff,

Taten, dynamisiert von einem übermenschlichen Licht,

Und Bewegungen, angetrieben von einer überbewussten Kraft,

Und Freuden, wie sie nie durch sterbliche Glieder strömten,

Und lieblichere Szenen als die der Erde und glücklichere Leben.

Ein Bewusstsein von Schönheit und von Seligkeit,

Ein Wissen, das zu dem wurde, was es wahrnahm,

Ersetzte den gesonderten Sinn und das Herz

Und zog die ganze Natur in seine Umarmung.

Worte der Mutter

Es ist ungefähr so: Im supramentalen Sehen hat man ein direktes, totales und unmittelbares Wissen der Dinge, und zwar so, dass man alles zu gleicher Zeit, vollständig in sich selbst, total erkennt. Die Wahrheit einer Sache in all ihren Aspekten gleichzeitig …, simultan und vollständig. Und sobald man dies erklären oder es beschreiben will, muss man sozusagen auf eine Ebene herabsteigen, die Sri Aurobindo hier das „Mental des Lichtes“ nennt, wo die Dinge eines nach dem anderen, in einer bestimmten Ordnung und in einer bestimmten Beziehung zueinander gesagt oder auch gedacht oder erklärt werden müssen. Die Gleichzeitigkeit verschwindet, weil es beim gegenwärtigen Zustand unserer Ausdrucksweise unmöglich ist, alles gleichzeitig, auf einen Schlag, zu sagen, und wir einen Teil unseres Sehens und Wissens verhüllen müssen, um es eines nach dem anderen herauszubekommen. Und dies nennt er den „Schleier“, der transparent ist, da man alles gleichzeitig sieht und weiß und das Gesamtwissen einer Sache hat, aber es nicht ganz und auf einmal ausdrücken kann. Es gibt keine Wörter und keine Ausdrucksmöglichkeiten, solange wir so sind, wie wir sind. Wir müssen uns notgedrungen eines niedrigeren Verfahrens bedienen, um uns auszudrücken, während wir zugleich das totale Wissen haben. Nur die Notwendigkeit, dieses Wissen in Worte zu übertragen, zwingt uns dazu, einen Teil unseres Wissens sozusagen zu verhüllen und es nur in aufeinanderfolgenden Portionen herauslassen zu können. Aber es ist ein transparenter Schleier, da wir ja die Sache kennen – wir wissen, wir sehen, wir kennen sie in ihrer Ganzheit –, aber wir können sie nicht als Ganzes auf einmal ausdrücken. Man muss sie in einer Reihenfolge nacheinander mitteilen. Das ist der Schleier des Ausdrucks, der unseren Bedürfnissen angepasst ist – denen der Aussage und zugleich denen des Verstehens. Das Wissen ist da, es ist tatsächlich da – nicht etwa, dass man dabei wäre, es zu suchen und dass man desto mehr ausdrückt, je mehr man findet –, es ist in seiner Ganzheit da, aber der Ausdrucksmangel bewirkt, dass man es nacheinander sagen muss, und das vermindert dann natürlich diese Allmacht, von der er spricht, denn die Allmacht besteht im ganzheitlichen Sehen der Sache, das sich in seiner Ganzheit ausdrückt. Das Allwissen ist im Prinzip da, es ist da, wahrnehmbar, aber seine ganzheitliche Macht kann nicht wirken, weil es eine Ebene herunterkommen muss, um sich ausdrücken zu können… Um ganz im supramentalen Wissen leben zu können, muss man andere Ausdrucksmittel haben, als wir sie jetzt besitzen. Neue Ausdrucksmittel müssen entstehen, damit man das supramentale Wissen auf supramentale Weise ausdrücken kann. … Jetzt sind wir genötigt, unsere mentale Fähigkeit auf ein Maximum zu erhöhen, so dass es sozusagen nur noch eine kaum wahrnehmbare Grenze gibt, die aber vorhanden ist, weil unsere Ausdrucksmöglichkeiten noch zur Mentalwelt gehören und noch nicht die supramentale Fähigkeit haben. Wir haben nicht die dafür notwendigen Organe. Wir müssten Wesen des Supramentals mit einer supramentalen Substanz und einer inneren supramentalen Organisation werden, um das Supramentale Wissen supramental ausdrücken zu können. Bis jetzt sind wir … halb; wir können irgendwo in unserem Bewusstsein ganz in das supramentale Sehen und Wissen auftauchen, doch wir können es nicht ausdrücken. Wir müssen wieder eine Ebene zurück, um uns auszudrücken.

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