Kapitel 1
Die supramentale Manifestation auf der Erde
29. Februar 1956
Während der gemeinsamen Meditation am Mittwoch:
Heute Abend war die Göttliche Gegenwart, konkret und materiell, hier unter euch. Ich hatte eine Gestalt von lebendigem Gold, größer als das Universum, und ich stand einer gewaltigen und massiven goldenen Tür gegenüber, welche die Welt vom Göttlichen trennte.
Als ich die Tür anschaute, wusste und wollte ich in einer einzigen Bewegung des Bewusstseins, dass „die Zeit gekommen ist“. Und mit beiden Händen einen mächtigen goldenen Hammer hochhebend tat ich einen Schlag, einen einzigen Schlag auf die Tür, und die Tür wurde in Stücke zerschmettert.
Dann stürzten das supramentale Licht, die Kraft und das Bewusstsein in einem ununterbrochenen Strom auf die Erde herab.
Die Erklärung der Mutter (Aus den Tagebüchern zweier Sadhaks)
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Ihr werdet kaum verstehen, was ich geschrieben habe, versucht aber, euren mentalen Geist still zu halten und es zu empfangen.
Natürlich waren, was mich betraf, keinerlei verbale Formulierungen notwendig. Um es für andere in Worte zu fassen, schrieb ich alles auf. Aber immer wird im Schriftlichen eine Verwirklichung, ein Bewusstseinszustand eingeschränkt: der bloße Akt des Ausdrückens engt die Wirklichkeit in gewissem Maße ein.
Was am 29. Februar 1956 geschah, ist nicht so sehr eine Vision oder eine Erfahrung, als vielmehr etwas Getanes. Während der Abendmeditation im Playground, erhob ich mich in das Supramental und sah etwas, das getan werden musste, und ich tat es.
Es ist interessant, dass die Worte „Die Zeit ist gekommen“, – welche ausdrücken, was ich gleichzeitig wusste und wollte, als ich mich vor dieser gewaltigen Tür fand, auf deren anderer Seite die Welt war, – von mir in Englisch und nicht in Französisch gehört wurden. Es war, als ob Sri Aurobindo sie gesprochen hätte.
Als ich vom Supramental herab kam, nachdem diese Lichtflut sich über das ganze Universum ausgebreitet hatte, dachte ich, dass alle diejenigen, die vor mir im Playground gesessen hatten, flach auf dem Boden liegen würden, weil das Herabströmen so überwältigend war. Aber als ich meine Augen öffnete, sah ich jedermann immer noch aufrecht sitzen: sie schienen sich dessen, was sich ereignet hatte, völlig unbewusst zu sein!
2
Das Wirken des Supramentals in einer personhaften Form gab es seit dem Dezember 1950. Im Januar 1956 erschien mir Sri Aurobindo zwei- oder dreimal und deutete gewissermaßen an, dass die generelle Manifestation sich ereignen würde. Aber als es geschah, geschah es unvermittelt.
An jenem Tag war es völlig unerwartet. Aber alle meine größten Erfahrungen sind auf diese Weise eingetreten. Ich befinde mich in meinem normalen Bewusstsein, und sie ereignen sich ganz plötzlich, als ob sie ihre Realität im stärksten Kontrast und in der größten Anschaulichkeit zeigen wollen. Man erkennt den Wert einer Erfahrung am besten, wenn sie auf diese Weise gemacht wird. Wenn man im Voraus davon in Kenntnis gesetzt wird, fängt das Mental an, eine Rolle zu spielen. Als bei diesem Ereignis das Mental aktiv wurde, befand ich mich schon wieder auf dieser Seite der Tür. Da war nur überall ein prachtvolles Licht. Diejenigen, die im Herzen leben, haben eine größere Chance diese Manifestation zu spüren, als jene, die im Mental leben.
Das Licht strömte zwanzig Minuten lang. Oder eher, ich beobachtete es in der Meditation für zwanzig Minuten und beendete dann die Meditation. Ich konnte sie nicht unendlich lange fortsetzen. Die Leute werden nach einiger Zeit ruhelos. Ich musste eine besondere Anstrengung machen, um in mein äußeres individuelles Selbst zurückzukehren, und konnte nur unter großen Schwierigkeiten ein Wort äußern.
Nur zwei Personen im Ashram und drei Schüler außerhalb spürten, was sich ereignet hatte. Nicht, dass sie wussten, dass es die Supramentale Manifestation war. Aber sie hatten ihretwegen ein ungewöhnliches Erlebnis.
Das Strömen des Lichts dauert an, aber auf dem Balkon ist es besonders konzentriert. Nun, Dinge, die einfach waren, werden erreicht, sozusagen ohne Mühe; Dinge, die schwierig aussahen, erscheinen einfach; und unmögliche Dinge scheinen erreichbar und wahrscheinlich.
Die Manifestation in der universellen Atmosphäre ereignet sich im feinstofflichen Physischen. Im äußeren Physischen ist noch nichts sichtbar. Die Natur hat das Supramental nicht zurückgewiesen, – sie konnte es nicht ablehnen; aber das Supramental ist verschlungen worden und muss sich selbst hervorarbeiten.
Alles hat sich aber verändert, grundlegend verändert. Zuvor geschah das Wirken unter dem Druck des Lichtmentals. Sri Aurobindo hat diesen Sieg errungen. Nun ist es das Supramental, welches direkt leitet und bestimmt. Auch hier ist Sri Aurobindo maßgeblich beteiligt gewesen. Und seine Gegenwart ist immer in mir.