Kapitel 1
Die Beziehung zwischen Mann und Frau
Worte der Mutter
Wenn man die Rolle der Frau nur auf innere und häusliche und die des Mannes ausschließlich auf äußere und soziale Beschäftigungen reduziert, und so das trennt, was vereint sein sollte, würde man den gegenwärtigen Zustand der Dinge weiter aufrechterhalten, unter dem beide gleich leiden. Angesichts der höchsten Aufgaben und schwersten Verantwortungen müssen sich ihre jeweiligen Fähigkeiten in einer engen und vertrauensvollen Solidarität vereinen.
Ist es nicht so, dass die feindselige Haltung der beiden Geschlechter, die sich als unvereinbare Gegner gegenüberstehen, aufhören sollte? Den Nationen ist eine harte, eine schmerzvolle Lektion erteilt worden. Auf den jetzt aufgetürmten Ruinen können neue schönere und harmonischere Bauten errichtet werden. Es ist nicht mehr der Moment für schwächliche Konkurrenz und eigennützige Ansprüche; alle Menschen, Männer und Frauen, müssen sich in einem gemeinsamen Bemühen vereinen, um sich des höchsten Ideals, das verwirklicht werden will, bewusst zu werden und leidenschaftlich für seine Verwirklichung zu arbeiten. Die Frage, die gelöst werden muss, die wahre Frage, ist dann nicht nur die einer besseren Nutzung ihrer äußeren Aktivitäten, sondern vor allem die eines inneren spirituellen Wachstums. Ohne innere Entwicklung ist äußerer Fortschritt nicht möglich.
Deshalb ist das Frauenproblem wie alle Probleme der Welt im Grunde ein spirituelles. Denn die spirituelle Wirklichkeit liegt allen anderen Realitäten zugrunde; die göttliche Welt, die Übereinstimmung mit der Natur der Dinge (Dhammata des Buddhismus) ist das ewige Fundament, auf dem alle anderen Welten aufgebaut sind. Angesichts dieser Höchsten Wirklichkeit sind alle gleich, Männer und Frauen, in ihren Rechten und ihren Pflichten, während der einzige Unterschied, den es in dieser Domäne geben kann, in der Aufrichtigkeit und Leidenschaftlichkeit des Strebens und der Festigkeit des Willens besteht. Und nur im Erkennen dieser grundlegenden spirituellen Gleichheit kann die einzige ernstzunehmende und dauerhafte Lösung für das Problem der Geschlechterbeziehung gefunden werden. In diesem Licht muss man sie betrachten, auf dieser Höhe muss der Fokus für das Handeln und das neue Leben gesucht werden, um den herum der zukünftige Tempel der Menschheit errichtet werden wird.
Worte der Mutter
Frauen sind nicht mehr an das vitale und materielle Bewusstsein gebunden als Männer. Im Gegenteil, sie haben in der Regel nicht die arrogante mentale Überheblichkeit der Männer; es ist für sie leichter ihr seelisches Wesen zu entdecken und ihm die Führung zu überlassen.
Im Allgemeinen ist das Bewusstsein der Frauen nicht vorrangig mental und in Worten fassbar, aber sie sind bewusst in ihren Gefühlen und die Besten unter ihnen genauso im Handeln.
Worte der Mutter
Nehmen wir zunächst einmal an, dass Stolz und Unverschämtheit immer lächerlich sind: nur dumme und ignorante Leute sind arrogant. Sobald ein Mensch ein ausreichend erhelltes Bewusstsein besitzt, um mit dem das ganze Universum durchdringende Mysterium in Kontakt zu sein – auch wenn er nur gering ist, – wird er notwendigerweise demütig.
Die Frau ist durch die Tatsache ihrer Passivität und dadurch, dass sie leichter als Männer das Wirken der Höchsten Kraft in der Welt intuitiv spürt, öfter und auf natürlichere Weise demütig.
Aber es ist ein Irrtum, diese Demut auf Bedürfnisse zurückzuführen. Die Frau braucht den Mann nicht mehr als der Mann die Frau; oder eher, genauer, Mann und Frau brauchen einander gleichermaßen.
Sogar auf bloß materieller Ebene gib es ebenso viele Männer, die materiell von Frauen abhängig sind, wie es Frauen gibt, die auf Männer angewiesen sind. Wenn Demut das Ergebnis dieser Abhängigkeit wäre, dann müssten – im ersteren Fall – die Männer demütig sein und die Frauen die Autorität besitzen.
Es ist außerdem falsch zu sagen, dass Frauen demütig sein sollen, damit sie auf diese Weise den Männern gefallen. Das würde dazu führen zu denken, Frauen seien nur zu dem Zweck in die Welt gesetzt worden, die Männer zu erfreuen – was absurd ist.
Das gesamte Universum wurde erschaffen um die Göttliche Macht zu bekunden, und die Menschen, Männer und Frauen, müssen sich der Ewigen Göttlichen Essenz für eine besondere Mission bewusst werden und sie manifestieren. Das und nichts anderes ist ihre Aufgabe. Und wenn sie dies wissen und sich öfter daran erinnerten, würden Männer und Frauen aufhören, an unwichtige Streitereien über Vorherrschaft oder Autorität zu denken. Sie würden kein größeres Zeichen des Respekts in der Tatsache des Bedient – Werdens als in der des Dienens sehen, denn alle betrachteten sich gleichermaßen als Diener des Göttlichen und sähen ihre Ehre in einem immer umfänglicheren und besseren Dienen.
Worte der Mutter
Süße Mutter, was ist die ewige Wahrheit hinter dieser Anziehung oder Sympathie des Mannes für die Frau und der Frau für den Mann?
Die Beziehung zwischen Purusha und Prakriti.
Du brauchst nur zu lesen, was Sri Aurobindo zu diesem Thema geschrieben hat.